Freitag, 20. Januar 2017

Passagiere und zerbrochene Sterne

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Letzte Woche waren Georg und ich erstmals seit über einem Jahr wieder im Kino. (Tipp: Wer als Rolli-Schiebeperson in einem Kino ein Bier trinken will, in dem sich der Kiosk nicht auf demselben Stockwerk befindet, in dem der gewählte Film gezeigt wird, nimmt sich am besten einen eigenen Flaschenöffner mit. Die Alternative ist große Verzweiflung, wenn sie auch nicht annähernd an die Verzweiflung über das mit Gerümpel zugestellte Rolli-Klo heranreicht.) Angeschaut haben wir uns »Passengers« mit Jennifer Lawrence und Chris Pratt.

Schon im Vorfeld hatten wir mehrfach gelesen, der Film sei bloß eine Art »Titanic«-Abklatsch im Weltall. Eine seichte Weltraumromanze mit Katastrophen-Elementen. Da uns der Trailer aber gefallen hat (und wir »Arrival« bereits verpasst hatten, den wir noch lieber gesehen hätten), haben wir uns fürs Anschauen entschieden.

Wir haben es nicht bereut. Ehrlich nicht.

Auf dem Raumschiff Avalon, das sich auf dem Weg zur Kolonie Homestead II auf einem weit entfernten Planeten befindet, kommt es während der 120 Jahre dauernden Reise zu einer folgenschweren Störung. Der Passagier Jim Preston wird 90 Jahre zu früh aus dem Hyperschlaf geweckt und muss fortan ein Leben in Einsamkeit auf dem Schiff bestreiten – mit der Aussicht, dort zu sterben und niemals das neue Leben zu erreichen, für das er sich entschieden hatte. Über ein Jahr harrt Jim vollkommen allein aus (abgesehen von der emotional wenig befriedigenden Anwesenheit des Barkeeper-Androiden Arthur), und ich finde, Chris Pratt hat diese Einsamkeit und Verzweiflung großartig rübergebracht. (Darüber, ob man einen jungen, blonden, attraktiven Kerl auf einem Raumschiff, das nicht die Enterprise ist, unbedingt Jim nennen sollte, kann man natürlich streiten.) Der Beginn des Films hat mich eher an »Verschollen« mit Tom Hanks erinnert; mit »Titanic« hat die Story anfangs nichts zu tun.

Bis Jim eine moralisch fragwürdige Entscheidung trifft: Er hat sich das Vorstellungsvideo der Passagierin Aurora Lane angesehen und sich in sie verliebt, und gegen seine eigene moralische Überzeugung manipuliert der gelernte Mechaniker auch ihre Hyperschlafkapsel, um Aurora aufzuwecken und zu seiner Gefährtin zu machen. Von seinem Handeln verrät er ihr anfangs natürlich nichts, und tatsächlich lernen die beiden sich immer besser kennen und Aurora empfindet trotz ihrer verzweifelten Lage beinahe Dankbarkeit für die Umstände, denn auf Homestead II hätte sie als Bessergestellte den schlichten Mechaniker Jim vermutlich niemals kennengelernt.

Der Film behandelt lange eher Jims moralisches Dilemma als die eigentliche Liebesgeschichte, und es sieht eine ganze Weile danach aus, als könnte Aurora ihm nicht verzeihen, nachdem sie die Wahrheit herausgefunden hat. Der Film wartet auch zu keinem Zeitpunkt mit einer Absolution für Jim auf, obwohl ich persönlich zugeben muss, dass ich ihn verstanden habe.

Im weiteren Verlauf wird der Film (leider) sehr viel actionlastiger und flacher: Mit Gus Mancuso wacht ein weiterer Mensch viel zu früh aus dem Hyperschlaf auf, und mit seiner Hilfe finden Aurora und Jim heraus, dass das Schiff schwerwiegende Schäden bei einem Meteoriteneinschlag davongetragen hat. Nun ist es an ihnen, die Schäden zu beheben, um nicht nur sich selbst, sondern auch die über 5.000 noch schlafenden anderen Menschen an Bord zu retten.

Ich bin ehrlich: Die Katastrophenszenen zum Ende hin hätte ich nicht gebraucht. Der Film war auf der Charakterebene unterhaltsam genug für mich, und eine tiefere Aufarbeitung dieses Dilemmas hätte mir persönlich besser gefallen. Da fällt mir ein Satz ein, den Lexi über »Star Trek AOS« gesagt hat, also die neuen »Star Trek«-Filme seit 2009: »Star Wars« gibt’s doch schon. Und ja, ich finde, Filme mit überzeugenden Charakteren brauchen dieses opulente Krach-Bumm-Szenario nicht, das gilt für »Star Trek« wie auch für »Passengers« – Jennifer Lawrence und Chris Pratt haben mich nämlich wirklich überzeugt. Ihre Figuren hätten mehr verdient gehabt als das. Trotzdem mochte ich den Film sehr. Die Action kommt erst zum Schluss dazu, und bis dahin hat er mich wirklich, wirklich gut unterhalten.

Was ich mich allerdings beim Ansehen die ganze Zeit gefragt habe, ist, ob dieses Weltraumromanzen-Ding uns einen neuen, bis zum Erbrechen ausgeschlachteten Trend bescheren könnte. Erst das grausige »Normalo-Mädchen liebt übernatürlichen Bad-Boy«-Szenario im Stil von »Twilight«, dann Teenie-Dystopien nach dem Vorbild von »Die Tribute von Panem«, und jetzt das? Das fände ich unglaublich schade. Seit etwa zwei Jahren bin ich extrem spacig unterwegs in meiner Buch- und Filmauswahl, und ein solcher Hype, der mit jeder neuen Version immer noch inhaltsloseren Müll hervorbrächte, täte dem ohnehin schon von vielen nicht ernst genommenen Genre nicht gut. Dazu kommt, dass gute Science-Fantasy bzw. Science-Fiction für mich immer auch ein gewisses Maß an Irrsinn, Schrägheit und Humor braucht, und das ist vermutlich nicht dauerhaft kompatibel mit dem Romanzen-Mainstream.

Die Frage kam bei mir auf, weil ich im Sommer 2016 eine Romanze im Weltall in Buchform entdeckt habe, die ich extrem gern mochte. Eigentlich hatte ich mir »These Broken Stars: Lilac und Tarver« von Amie Kaufman und Meagan Spooner nur als Nebenbei-Buch gekauft. Eine unterhaltsame Liebesgeschichte, tatsächlich etwas im »Titanic«-Stil gehalten, aber in einem aufregend spacigen Gewand – das war es, was ich erwartet hatte, und da die Leseprobe mich angesprochen hatte, wäre ich damit auch zufrieden gewesen.

Die ersten Kapitel deuteten auch auf genau so etwas hin – doch dann hat dieses Buch mich gepackt, in sich hineingesaugt und mich zwei Tage später völlig durchgerüttelt wieder ausgespuckt. Ein Jahreshighlight, ganz eindeutig. Obwohl die Liebesgeschichte zum Ende hin noch klischeehafter wurde als erwartet und mir das ansonsten gigantische Finale fast ein wenig verdorben hat.

In einer weit entfernten Zukunft: Lilac ist das reichste Mädchen des Universums, Tarver ein Kriegsheld aus einfachen Verhältnissen. Die beiden überleben den verheerenden Absturz des als absolut sicher geltenden Raumschiffs Icarus, welches von Lilacs Vater entworfen wurde, und müssen sich zu zweit auf einem fremdartigen Planeten durchschlagen. Dieser wirkt auf den ersten Blick terraformiert, ist jedoch völlig menschenleer. Als wären ehemalige Eroberungsversuche des Planeten gescheitert, als hätte irgendetwas die Menschen von dort vertrieben, die zweifellos einmal anwesend waren. Was den beiden auf diesem Planeten alles widerfährt, wohin diese Erlebnisse sie führen – das wären gewaltige Spoiler. Aber obwohl die Autorinnen keine gänzlich neuen Elemente verwenden (wer tut und kann das schon?), sind diese Ereignisse so nervenaufreibend, faszinierend und teils ernsthaft gruselig, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte, bis ich Antworten hatte.

Der Stil ist angenehm flüssig und leicht zu lesen, jedoch niemals plump; nur manchmal holpert die Übersetzung ein wenig. Dennoch war ich positiv überrascht; viele Übersetzungen »klingen« im Gegensatz zu dieser insgesamt einfach oft unbeholfen.

Die einzige Enttäuschung war für mich die Entwicklung der Liebesgeschichte, wie gesagt. Obwohl ich keinen besonderen Tiefgang erwartet hatte, empfand ich diese Beziehung gemessen am grandiosen Rest des Romans als zu flach. Da wäre weitaus mehr drin gewesen; die Autorinnen haben mit dem Gesamtwerk bewiesen, dass sie das Zeug dazu hätten.

Uneingeschränkt empfehlen kann ich das Buch nicht, auf der zwischenmenschlichen Ebene bleibt es dafür zu seicht und das Ende ist mir in Bezug auf die Beziehung zwischen Lilac und Tarver zu simpel gestrickt. Dennoch hat es mich begeistert, und ich möchte in jedem Fall auch die weiteren Bände der »These Broken Stars«-Trilogie lesen. (Falls ich jemals wieder damit aufhören kann, nichts anderes als »Star Trek«-FanFiction zu lesen, wie ich es seit dem letzten Herbst tue. *hust*)

Was ich im Sommer aber noch als Einzelgeschichte (bzw. eben einzelne Trilogie) wahrgenommen habe, bekommt durch den Film »Passangers« für mich ein etwas anderes Gewicht. Zwei komplett voneinander unabhängige Geschichten, einmal eine Roman-Trilogie und einmal ein Hollywood-Film, die zuallererst den Eindruck machen, einfach bloß die »Titanic«-Romanze in den Weltraum zu verfrachten? Ich hoffe, hoffe, hoffe, dass es keinen Hype geben wird, denn er würde ein Genre, das ich für mich entdeckt habe, über kurz oder lang mit Schrott fluten. Bitte nicht. (Gerade fallen mir die »Obsidian«-Geschichten von Jennifer L. Armentrout ein, von denen ich mich bislang tunlichst ferngehalten habe. »Twilight mit Aliens«, heißt es darüber oft. Angst. Hat der Hype schon begonnen, ohne dass ich es bemerkt habe?)

»Passengers« und »These Broken Stars« sind jedenfalls für sich stehende Geschichten, die ich (mit den beschriebenen Einschränkungen) empfehlen kann und die man aufgrund des Schlagwortes »Romanze« nicht vorverurteilen sollte. Wenn ihr spacige Szenarios mögt, schaut euch diese Sachen ruhig mal näher an – zumindest diejenigen von euch, die meine »Codewort: Puls«-Handlung mochten (und das Ding nicht nur deshalb gelesen haben, weil darin zwei Kerle im Bett landen *hust*), werden wahrscheinlich auch hier auf ihre Kosten kommen. :)

Kommentare:

  1. Oooh, danke für den Buchtip. Da ich ja durchaus zu den "Codewort: Puls"-Handlungs-Mögern oder besser gesagt, Liebern gehöre :D und ich bei Amazon noch einen Gutschein von Weihnachten dümpeln habe, habe ich mich mal auf das Buch gestürzt. Ich bin gespannt.

    Bei mir hat sich die Liebe von früher reinem SiFi in den letzten Jahren ordentlich in die Richtung des Bereiches Fantasy verschoben, wobei die Grenzen ja oft mehr als fließend sind, zwischen den beiden Genres. Besonders gerne mag ich da Bücher in der Art, wie sie Uschi Zietsch schreibt (auch als Susan Schwartz bekannt), die ja auch vor Jahren fest und heute nur noch sporadisch, zum Perry Rhodan Universum gehört. Besonders die Waldsee-Chroniken mit den beide Folgebänden Nauraka und Fyrgar fand ich toll.

    Ansonsten finde ich beide Genres wirklich faszinierend, wobei bei mir die Liebe zu den Büchern gegenüber der Kinoleinwand überwiegt, denn die eigene Fantasie, die durch das Lesen in Gang gesetzt wird, ist meistens unschlagbar.

    LG
    Daniela

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    1. Aww, sehr gerne; ich bin gespannt, wie es dir gefällt! <3

      Stimmt, die Grenzen zwischen Science-Fantasy und Science-Fiction sind fließend - ganz oft weiß ich nicht, was nun auf ein Buch oder einen Film mehr zutrifft. Klassische Fantasy ist nicht soooo meins, aber in einem spacigen Szenario darf es ruhig so fantastisch und bunt sein, wie es will. :D

      Stimmt, im eigenen Kopf bekommt alles noch mal eine ganz andere Qualität. Da ich aber oft zu erschlagen zum Lesen bin, schaue ich mir auch gern den einen oder anderen Film an. :)

      Ganz liebe Grüße! <3

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  2. Huhu :) wirklich ein toller Post ! :) ich schau mir aufjedenfall mal die Bücher an, weil es nach deinem Post mich echt interessiere! Also danke für die Empfehlung ! Liebe grüsse <3

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    1. Huhu! <3

      Wie cool; ich hoffe, sie gefallen dir. :)

      Liebe Grüße zurück! <3

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  3. Guten Morgen! <3

    Juhu, du hast es geschafft, über den Film zu bloggen! *freu*

    Ein bisschen was an Spoilern war für mich dabei, denn ich habe außer dem Trailer noch überhaupt keine Informationen gehabt, aber das finde ich nicht schlimm. Mein Eindruck, dass ich mit dem Streifen meinen Spaß haben werde, hat sich auf jeden Fall noch mal verfestigt und wir werden ihn uns wohl morgen anschauen. :)

    Puh, ja. Das könnte wirklich trenden. *seufz* Das haben wir ja überall, erst die Vampirwelle, dann die Zombies ... wenn ein paar Sachen mal erfolgreich waren, kommt dann die Welle an Schund hinterher. Eine normale Entwicklung, schätze ich.

    Schade, dass ihr zu Arrival nicht gekommen seid, der war wirklich gut. r., S. und ich waren begeistert. ich glaube, der könnte euch auch richtig gut gefallen.

    These Broken Stars klingt nach einer richtig guten Empfehlung. Ich gehe davon aus, dass es mich interessieren könnte. Danke für die kurze Vorstellung. :)

    Twilight mit Aliens ist mein Highlight für heute. :D :D :D

    Liebste Grüße und einen schönen Sonntag euch! <3
    Jade

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    1. Wuhu! <3

      Jaa, nach über einer Woche! \o/

      Meeh, sorry für die Spoiler - das war mir gar nicht bewusst, weil für mich das Hauptaugenmerk bei der Entwicklung eher auf dem »Wie« lag, während das »Was« recht früh durchschaubar war. Ich hoffe, der Film gefällt euch so gut wie uns! :)

      Ich glaube auch, dass wir »Arrival« echt mögen werden; im Frühjahr soll er auf DVD erscheinen, wenn ich mich richtig erinnere.

      Normal ist die Entwicklung schon, da hast du recht. Es erschwert halt die Suche nach den wirklich guten Sachen ganz enorm. :/

      »Twilight mit Aliens« verdanke ich unter anderem Lexi. *gg* Gern geschehen! :D

      Ich bin gespannt, ob »These Broken Stars« was für dich ist, und wünsche dir/euch ebenfalls einen schönen Sonntag! <3

      Liebste Grüße zurück! <3

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    2. Besser spät als nie! ;)

      Kein Problem! Du hast ja recht, das wurde schnell offensichtlich. :) Dem Trailer nach hätten sie auch beide irrtümlich aufwachen können und am Ende ist das ja auch sogar noch mal bei einer Schlafkammer passiert (der arme Kerl ;( ). Deshalb bin ich von einer anderen Grundsituation ausgegangen, aber so ist es ja dramaturgisch noch besser, weil es eben zu diesem Zusammenspiel zwischen den beiden kommt.

      Ein bisschen hinterfrage ich das Ende ... das ist schon fast zu viel Erfolg. Das das Unterfangen gelingt, finde ich gut. Aber wie sie weiterleben ... das lässt ja doch annehmen, dass sie ihm am Ende verziehen hat. S. findet das nicht unrealistisch, ich denke noch darüber nach.

      Ihre Tätigkeit hat mir ja sehr gefallen, als ich das erfahren habe, mochte ich sie gleich noch lieber. *g*

      Wir mochten den Film jedenfalls und können ihn auch weiterempfehlen. :)

      Unser Sonntag war noch angenehm, danke, ich habe ihn mit Schreiben und S. mit PC verbracht. *g*

      <3

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    3. Huhu! <3

      Yay, ihr mochtet den Film! <3 Über das Ende kann man sich streiten, das stimmt. Ich fand es deshalb glaubwürdig, dass Aurora Jim verzeiht, weil er in einer absoluten Ausnahmesituation gehandelt hat - niemand wäre nach dieser langen Komplettisolation noch psychisch stabil, denke ich. Und letztlich wäre die Alternative gewesen, dass sie beide einsam und getrennt voneinander vor sich hin leben, bis sie dann eben jeder für sich sterben - da gefällt mir dieses Ende doch weit besser. :)

      Wir sind momentan kältebedingt nahezu in unserer Wohnung gefangen, weil es für Georg im Rolli ohne Bewegung einfach ZU kalt ist, aber unser Sonntag war auch ganz schön. :)

      <3!

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  4. Huii,

    den Film hab ich letzte Woche auch gesehen :)
    Und ich muss dir zustimmen, ich persönlich hätte die Action gar nicht gebraucht. Und das sage ich als jemand, der Actionfilme liebt. Mein Freund war da anderer Meinung, aber mei ;D
    Aber wie du sagst, ich fand allein die beiden Charaktere so toll und dieses Beziehungsdrama, das den Namen wirklich mal verdient hat, hätte für mich ausgereicht. Vor allem eben, weil, wie du sagst, keine leichte Lösung für Jim geboten wird. Und auch, wenn ich ihn verstanden habe, so verstehe ich auch Auroras Reaktion.

    Hach, eigentlich hast du alles gesagt :D

    Freut mich, dass er euch auch gefallen hat :)

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    1. Huhu du! <3

      Whee, das freut mich, dass du den Film auch mochtest und ihn sogar noch so empfunden hast wie ich. =) Aurora konnte ich definitiv auch verstehen - die waren in dieser Lage absolut nicht zu beneiden, alle beide.

      Ganz liebe Grüße! :)

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