Dienstag, 18. Oktober 2016

Bürokratisches Ersticken

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Seit 2008 ist Georg nun schon auf Pflege angewiesen. Erst kam er in Pflegestufe 1, dann in Pflegestufe 2 und letztlich in Pflegestufe 3.

Von Anfang an waren wir uns sicher, dass ich Georgs Pflege allein übernehme. Wir haben aufgrund der Pflegebedürftigkeit meiner Oma, die im Dezember 2008 starb, gesehen, wie es finanziell schwachen Menschen ergeht, die einen Pflegedienst oder (temporär) einen Heimplatz in Anspruch nehmen. Stichworte: satt und sauber; der Rest bleibt weiterhin an den Angehörigen hängen, die für ihre permanente Leistung dann jedoch kein Geld mehr bekommen, weil das Pflegegeld für den Pflegedienst draufgeht. Das kam für uns nicht infrage.

Seit Jahren ist die Beantragung jedes neuen Hilfsmittels für Georg ein Kampf, so manchen habt ihr hier auf dem Blog bereits miterlebt. Ich bin der festen Überzeugung, dass nicht die Pflegetätigkeit an sich häuslich Pflegende an den Rand ihrer Kräfte treibt, sondern die Bürokratie der Krankenkassen und Behörden. Müssten häuslich Pflegende nicht permanent um Rechte und Unterstützung kämpfen (und hätten sie grundsätzlich eine KRANKENVERSICHERUNG, verflucht) – vieles sähe anders aus. Dann müsste man ihnen auch nicht ständig Kuren nahelegen, die sie sich nicht in Anspruch zu nehmen trauen, weil es niemanden gibt, der sie in ihrer Pflegetätigkeit KOMPETENT vertreten könnte.

Nachdem ich Georg nun seit Jahren aus eigener Körperkraft im Rollstuhl umherschiebe, hat unsere Hausärztin uns vor Kurzem eine Brems- und Schiebehilfe für den Rolli verschrieben. Diese habe ich über unser Sanitätshaus, das mich bereits in die Handhabung eines solchen Geräts eingewiesen hat (lief alles super), bei unserer Krankenkasse beantragt.

Das Ergebnis?

Bevor die Krankenkasse eine Entscheidung trifft, muss ein Gutachten vom MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) erstellt werden. Dazu kommt allerdings niemand zu uns nach Hause, um sich von unserer tatsächlichen Situation ein Bild zu machen, »das läuft alles schriftlich ab«, wie mir die zuständige Mitarbeiterin am Telefon sagte.

Ich fragte, wozu dann ein Gutachten nötig sei – Georgs Krankenakte ist lang, und alle auch nur annähernd relevanten Unterlagen liegen der Krankenkasse (und auch dem MDK) längst vor.

Bei diesem Gutachten gehe es ja auch gar nicht vorrangig um Georg, wurde mir gesagt, sondern um mich. Der MDK müsse prüfen, ob ich tatsächlich eine Schiebehilfe brauche oder ob das Schieben für mich körperlich nicht auch weiterhin aus eigener Kraft machbar sei.

Wie der MDK das denn bitte auf rein schriftlichem Wege prüfen wolle, wollte ich wissen. Ich bin zwar selbst chronisch krank, habe aber im eigentlichen Sinne keine Behinderung, die mir das Schieben erschwert. Schwer wird unsere Situation dadurch, dass Georg knapp 90 Kilogramm wiegt, dass ich nur 1,62 Meter groß bin und mein Körper durch die permanente Beanspruchung nicht mehr lange in dem Maße einsatzfähig sein wird, wie es nötig ist, wenn ich keine Entlastung bekomme. Schwer wird unsere Situation dadurch, dass ein in Vollzeit pflegender Angehöriger in Deutschland finanziell derart abrutscht, dass die Haltung eines eigenen Kfz unmöglich wird, und wir sämtliche Wege zu Fuß/mit dem Rollstuhl erledigen müssen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die Situation Pflegebedürftiger und pflegender Angehöriger sich nicht gravierend verbessert.

Dann solle ich ihr das doch in einer Stellungnahme für den MDK zusenden, meinte die Mitarbeiterin der KK. Ich muss gestehen, dass ich ein paar Augenblicke brauchte, um zu begreifen, dass diese Aussage ernst gemeint war.

Na schön. Dann sende ich ihr genau das eben in einer Stellungnahme für den MDK zu – und bin wieder einmal froh, Mitglied im Sozialverband VdK zu sein, der mich im Falle einer Ablehnung des Antrags rechtlich vertreten wird.

Ich finde es tragisch, dass pflegende Angehörige ihre Krankenkasse in der Regel nicht als kompetenten Helfer, sondern als zusätzlichen Gegner erleben. Als einen Gegner, dem sie beweisen müssen, dass ihre Leistung es wert ist, unterstützt zu werden. Dass ihre Körper es wert sind, geschont zu werden – um langfristig leistungsfähig zu bleiben. Denn fällt die einzige häusliche Pflegeperson aus, bleibt nichts anderes, als doch auf einen Pflegedienst oder ein Heim zurückzugreifen. Und DAS kostet die Krankenkasse wesentlich mehr, obwohl der Pflegebedürftige schlechter versorgt wird. Ich habe das für mich »bürokratisches Ersticken« genannt – eine bessere Bezeichnung ist mir noch nicht dafür eingefallen.

Kommentare:

  1. Oh Mann, Alex, das hört sich wirklich irre an. Manchmal habe ich den Eindruck, die KK haben irgendwie was davon, wenn sie pflegende Angehörige strietzen und sei es nur die persönliche Befriedigung eines Sachbearbeiters. Unfaßbar ist so was.

    Ein Mitglied meines Agility-Vereins ist aufgrund einer Muskelerkrankung auf einen E-Rolli angewiesen. Wenn ich da manchmal höre, was den KK wieder einfällt, wenn an dem Rolli mal was kaputt ist und sei es nur ein Platten, das ist unglaublich und man weiß nicht, ob man drüber lachen oder weinen soll.

    Ich drücke die Daumen, das der MDK und der KK-Sachbearbeiter ihren gesunden Menschenverstand doch nicht an der Stechuhr abgegeben haben und ja, der VdK ist in solchen Situationen wirklich eine große Hilfe. Das habe ich selbst schon erlebt.

    LG und alles Gute
    Daniela

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    1. Vielen lieben Dank für deine Worte. <3

      Was du im ersten Absatz geschrieben hast - ja, so kommt es mir auch vor. Natürlich würde das jeder Mitarbeiter abstreiten und auf Vorschriften verweisen, aber die Art und Weise, wie da mit den Versicherten umgegangen wird - das ist ohne Worte und erinnert ans Vorgehen des Jobcenters. Erst mal abwimmeln, erst mal fertigmachen, vielleicht gibt er/sie dann von allein auf und es kann Geld gespart werden.

      Das mit dem Rolli kommt mir auch extrem bekannt vor. :/ Früher haben Georg und ich das Drüber-Lachen gewählt - würden wir immer noch gern, weil das schon einiges erleichtert, aber meistens fehlt uns die Kraft dafür.

      Für den VdK sind wir wirklich unendlich dankbar.

      Nochmals vielen Dank! :)

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  2. Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, daß einem da das Lachen echt im Hals stecken bleibt. Dieses "ausgeliefert sein" an bürokratische Willkür ist wirklich übel und es macht Menschen, denen das Leben eh eine Last aufgebürdet hat, zusätzlich das Leben schwer.

    Klar streitet das jeder Mitarbeiter ab, aber manchmal habe ich das Gefühl in solchen Institutionen sammeln sich gerne mal Menschen, die dann da ihre Macht demonstrieren können. Das ist traurig und trifft dann am Ende Menschen wie Euch, die ihr Leben gegen alle Widerstände meistern und im Griff haben, wofür ich Euch ehrlich bewundere.

    LG
    Daniela

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    1. Genau das meinte ich. Es ist einfach ein Gefühl völliger Machtlosigkeit, wo man eigentlich dringend Unterstützung bräuchte. Und Machtdemonstration - ja, leider hab ich dieses Gefühl auch oft. Und das ist bitter.

      Ich hoffe das Beste und wünsche dir ein schönes Wochenende! <3

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