Samstag, 2. Juli 2016

Brexit, Wahlchaos und Gedanken an den Krieg

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Diese Leute, die im Vereinigten Königreich für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben und jetzt schockiert sind, dass ihre Stimme ZÄHLT – die wollten zum Teil nur protestieren. Solche Menschen kennen wir. Solche Menschen gibt es hierzulande zum Beispiel unter jenen, die die AfD wählen. In Österreich unter jenen, die die FPÖ wählen. Das sind die Protestwähler, die Denkzettelwähler, jene, die unzufrieden sind und den bequemsten Weg gehen, um der Regierung ihre Unzufriedenheit zu verdeutlichen, weil sie sich in Sicherheit wiegen, dass ohnehin nichts Schlimmes passieren kann in unserem Europa. In unserer EU, die auch mir einmal wie ein Garant dafür erschien, dass es hier, bei uns, nie wieder zu einem Krieg kommen wird.

Falsch gedacht. Die Briten verlassen die EU. Österreich wählt zu einem erschreckend großen Teil rechts und muss jetzt seine verpatzte Bundespräsidentenwahl wiederholen. In Deutschland kriechen AfD-Unterstützer aus Ecken, in denen man niemals rechtes Gedankengut vermutet hätte. Und auch in anderen Ländern wird der Ruf nach einer Loslösung von der EU lauter, während in den USA »Präsident Trump« eine realistische Option darstellt, gerade jetzt, wo die Nazis überall an Sympathien und Wählern gewinnen.

Die Unzufriedenheit ist berechtigt. In der EU, in der ganzen Welt läuft vieles schief. Aber das auf DIESE WEISE auszudrücken, weil man denkt, das bringt die Politik zum Umdenken, die Rechten gewinnen sowieso nicht, es passiert ja nichts Schlimmes – das ist verflucht gefährlich. Schaut euch die Briten an, die jetzt gegen den Brexit protestieren, den sie selbst herbeigeführt haben:

»Ich dachte, meine Stimme zählt nicht.«
»Ich dachte, wir bleiben eh drin.«
»Ich dachte, das kann nicht passieren.«
»Ich dachte, wenn ich für den Brexit stimme, nimmt das Land weniger Ausländer auf.«
»Ich will noch mal abstimmen, ich war nicht richtig informiert.«

Wie HOHL kann man eigentlich sein?

Eure Stimme ZÄHLT. Jede einzelne. Das ist Demokratie. Eure Stimme bei einer offiziellen Wahl ZÄHLT. Ganz egal, ob ihr in Wahrheit »doch gar nicht rechts« seid und nur mal kräftig mit dem Zeigefinger wackeln wolltet.

Und wenn sich erneut rechtsextreme Regierungen bilden? Regierungen voller Hass? In Deutschland, in Österreich, vielleicht sogar in den USA? Was dann?

Ich dachte lange Zeit, die EU sei meine Garantie dafür, niemals persönlich einen Krieg erleben zu müssen. Diese Garantie bröckelt gerade allumfassend. Die Nazis wollen die EU nicht. Und die Nazis, die stehen an irgendeinem Punkt letzten Endes immer für Krieg. Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht in zwei Jahren. Aber das Weltbild der Rechten ist mit einem friedlichen Zusammenleben nicht vereinbar. Schon allein das Parteiprogramm der AfD ist mit einem friedlichen Zusammenleben nicht vereinbar. Von »Präsident Trump« ganz zu schweigen. Jene, die sagen, man solle diese Leute nicht Nazis nennen, haben wohl einfach ihre Ziele nicht gründlich betrachtet.

Sollte unser Land Teil eines Krieges werden, werden Menschen wie Georg und ich keine Möglichkeit haben, es zu verlassen oder auch nur weiter menschenwürdig zu existieren. Die Nazis wollen keine Unterstützung für behinderte und/oder pflegebedürftige Menschen. Soziale Themen interessieren sie nicht ernsthaft. Wir sind nicht mobil. Wir haben niemanden, der uns nennenswert unterstützt. Wir sprechen oft darüber – direkt, rational und ohne Panik – dass wir uns im Falle eines Krieges vermutlich gemeinsam das Leben nehmen würden. Dasselbe gilt für den Fall, dass uns anderweitig jedwede menschenwürdige Lebensgrundlage genommen wird. Manchmal wird an dieser Grundlage schon jetzt massiv gekratzt.

Das ist keine Schwarzmalerei. Das ist Realität. Wir sind rational denkende, zueinander offene Menschen. Wir wären naiv, würden wir darüber nicht nachdenken und sprechen. Wichtig: Es geht hier nicht um depressive Todessehnsucht. Diese Überlegungen und Gespräche haben nicht das Geringste mit unserer Psyche zu tun. Und es ist garantiert kein Weg, den wir uns wünschen oder derzeit enger ins Auge fassen. Aber es ist einer, den wir aufgrund der Geschehnisse um uns herum nicht vollständig ausschließen können.

Diese Leute, die im Vereinigten Königreich für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben und jetzt schockiert sind, dass ihre Stimme ZÄHLT – die wollten zum Teil nur protestieren. Und sie taten es auf die schlimmste, denkbar unreflektierteste Art und Weise. Wenn du etwas verändern willst, finde deine eigene Stimme, verbinde dich mit Gleichgesinnten, DENK NACH – aber stimm um Himmels willen nicht für das Ende eines einigen Europas oder gar für Nazis.

Kommentare:

  1. Das unterschreib ich so (und hab es auf FB geteilt).

    Menschen!

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    1. (FB fühlt sich berufen, das Tauben-Cover als Bild neben den Link zu setzen o.O XD)

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  2. Ihr bringt das so sehr auf den Punkt!

    Ich finde es erschreckend, was momentan so abgeht und was für Wahlentscheidungen Menschen treffen (können), ohne nachgedacht zu haben.

    Ich bin dem Thema Politik gegenüber eher träge eingestellt, ich engagiere mich nicht, das meiste, was so passiert, registriere ich mit Resignation. Aber gerade diese Sache mit dem Brexit hat mich echt schockiert. Natürlich, da gibt es einiges in letzter Zeit, das schief läuft, aber diese Grundlage, unter der die Brexit-Abstimmung abgelaufen ist, die Tatsache, dass die Leute nicht einmal wissen, was für Konsequenzen das hat ... das hat nichts mehr mit Schuss vor den Bug für die Politik zu tun, das ist einfach dämlich.

    Ich meine, was kann das nach sich ziehen? Dass GB an sich zerbricht, dass immer mehr Länder vielleicht ebenfalls die EU verlassen, ihr beschreibt gut, dass das das Zusteuern auf einen Krieg sein kann ... wenn alles zusammenbricht, was genau das verhindern soll.

    Und ich verstehe eure Gedanken. Sollte unser Land, unser Europa tatsächlich wieder in eine so rechte Richtung abrutschen (und ich halte das absolut nicht für unmöglich, gerade weil jeder diese Gefahr unterschätzt, das Spielchen hatten wir schon mal ...), dann gibt es eine Menge Leute, die nichts mehr von unserem Sozialsystem zu erwarten haben. Das alles zu gefährden ist so absolut dämlich, dass mir die Worte dafür fehlen.

    Was mit dieser Welt los ist, frage ich mich ja schon länger, aber gerade wenn man sich das letzte Jahr so anschaut, möchte man nur noch die Hand gegen die Stirn hauen - sich selbst, weil man es nicht glauben kann, und den anderen, um ihnen Vernunft einzubläuen. Ich sehe in all dem, was momentan passiert, genug Potential für eine Katastrophe.

    Danke für diesen Beitrag, der mir aus der Seele spricht!

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    1. Vielen, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! <3

      Und ich kann irgendwie auch gar nichts mehr dazu sagen, was nicht du bereits gesagt hast. Ganz besonders den vorletzten Absatz unterschreibe ich dick und fett - Potenzial für eine Katastrophe, das trifft es perfekt. Und wenn nicht jede Menge Menschen schleunigst um- bzw. erst mal NACHdenken, bekommen wir Probleme, deren Ausmaß nicht abschätzbar ist. ._.

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    2. Sehr gerne! <3

      Das konnte ich einfach nicht unkommentiert stehen lassen, obwohl ich mich ja sonst bei so Themen auch eher zurückhalte. Ich hatte sogar direkt nach der Brexit-Sache überlegt, selbst einen Beitrag zu dem Thema zu schreiben, so sehr hat mich das beschäftigt.

      Ich hoffe so sehr, dass das Umdenken nicht erst kommt, wenn es zu spät ist ... denn wenn ich mir so überlege, was da alles passieren kann, bin ich mir sicher, dass das eigentlich niemand erleben möchte.

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    3. <3

      Mich/uns hätte ein Post von dir zum Thema auf jeden Fall interessiert! :)

      Und ganz genau das. Niemand kann das tatsächlich wollen. Woran es da fehlt, ist einfach das Bewusstsein, dass das kein Spaß mehr ist und es tatsächlich um etwas GEHT, wenn man jetzt wählt. o.o

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