Montag, 13. Juni 2016

Wegen der Liebe im Hals

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Nach wie vor stecke ich mitten in meinem persönlichen Waidbronn-Reread (dem sich coolerweise auch Lexi und Jade angeschlossen haben, Lexi ist sogar schon fertig!), ich habe nun noch achtzig Seiten von »Codewort: Puls« vor mir – und plötzlich passiert mir etwas, das mich seit Monaten auch am effektiven Überarbeiten von »Die Liebe ist wie ein Planet im Hals« hindert: Ich möchte nicht fertig werden. Ich möchte mich nicht von Douglas und Suey trennen, möchte noch länger in der Entstehung ihrer Beziehung verweilen und nicht die Schrecknisse sehen, die ich ihnen angetan habe. Oder die mein Gehirn ihnen UND MIR angetan hat, denn Fakt ist: Die Gräueltaten, die der Roman beinhaltet, gehören zu den Dingen, die ich mir nicht auf bewusster Ebene ausgedacht habe. Mein Kopf fühlte sich während der letzten Szenen an wie ein Kino, und ich wusste eine Weile selbst nicht, wie es ausgeht.

Obwohl »Codewort: Puls« stellenweise eine böse, grausame Geschichte ist, ist sie im Rückblick eines nicht für mich: düster. Douglas lebt freiwillig ein weitgehendes Einsiedlerleben, ehe er auf Suey trifft, weil er familiäre Verpflichtungen hat, die ihm jedwede Lust auf zusätzliche zwischenmenschliche Kontakte rauben, und er kann beißend sarkastisch sein – aber ein düsteres Gemüt hat er nicht. Das merkt man der Geschichte an, das merke ich mit jeder Seite, die ich lese, und ich glaube, das war unbewusst immer mit ein Grund, warum ich sie von Anfang an so überbordend geliebt habe: »Codewort: Puls« vermittelt ein Grundgefühl, das dem Gefühl in meinem eigenen Kopf nahekommt. Douglas ist in vielerlei Hinsicht ein unfreier Mensch, ein Mensch, der eigentlich viel Traurigkeit empfindet und sie in bitterbösen Humor verwandelt, aber er bleibt dabei stets jemand, der absolut aufrecht in den Spiegel schauen kann. Er wird nie zu einer in sich versunkenen, dunklen Gestalt.

Und als absolutes Sahnehäubchen zu dieser Wahrnehmung der Geschichte gab es gestern eine neue Rezension zu »Codewort: Puls«, und zwar von der lieben Dana von Bambinis Bücherzauber, die auch bereits »Schwester golden, Bruder aus Stein« und »Sein Artist« rezensiert hat. Ein Zitat:

Für mich ist es schon das dritte Buch von Autorin Alexandra Dichtler und es ist wirklich faszinierend, wie unterschiedlich der Schreibstil in den Büchern ist. In dieser Geschichte ist die Stimmung nicht so gedrückt und melancholisch, dadurch sind die Sätze ausgeschmückter, flüssiger und sehr angenehm zu lesen. Die emotionale Lage der Figuren kommt in ihren Büchern schon durch den Stil klar zum Ausdruck und unterstützt damit die Stimmung sehr gut. Und so unterschiedlich wie die Atmosphäre in den Werken ist, so verschieden sind auch die Themen.


Ich bin hier gerade ein einziges Herz.

Die gesamte Rezension findet ihr hier: Klick!

Ich bin Dana SO unglaublich dankbar, dass sie alle drei Waidbronn-Einzelbände gelesen und rezensiert hat – ihre Wahrnehmung zu den unterschiedlichen Geschichten zu lesen, war wirklich etwas ganz Besonderes für mich. Und es freut mich natürlich extrem, dass »Codewort: Puls« nicht schlechter abschneidet als die beiden Vorgänger, obwohl das Lektorat hier ausschließlich von Georg und mir gemacht wurde, nicht von einem_einer gelernten Lektor_in. Ein tolles Ergebnis für uns. ♥

Nun hoffe ich, dass ich mich allem Widerwillen zum Trotz in den nächsten Tagen wieder von »Codewort: Puls« lösen und es zu Ende lesen kann, um mich dann endgültig in die Arbeit an »Löwenherzen 2580« zu stürzen. Und dafür muss ich dann auch endlich »Die Liebe ist wie ein Planet im Hals« abschließend überarbeiten, auch wenn ich die Geschichte noch so sehr festhalten will – denn diese Erzählung, die eigentlich als reines Puls-Prequel vorgesehen war, wird nun in die Löwenherzen mit einfließen, ebenso wie die Novelle »Marian«, von der ich hier schon berichtet habe.

Ich finde mein Gehirn fast gruselig, was diese Geschichte betrifft. Erst dachte ich: Och, das wird halt so eine Art kleine FanFiction zu meinem eigenen Zeug – und jetzt wird das Ding die längste und komplexeste Waidbronn-Geschichte überhaupt. Sie hat jetzt schon knapp 55.000 Wörter, dabei befindet sie sich handlungstechnisch erst bei etwa der Hälfte. Aber natürlich ist das Ganze auch wundervoll für mich, denn Leonid, der eine zentrale Figur in den Löwenherzen ist, hat mir schon in »Sein Artist« unglaublich viel bedeutet, und ihn jetzt noch einmal zu schreiben, ist fantastisch, auch wenn er sich in mancherlei Hinsicht gravierend verändert hat. ER ist ein düsterer Charakter, und wie.

Im Grunde habe ich die Entwicklung von »Löwenherzen 2580« einem besonderen Autor zu verdanken: David Mitchell. Ohne seine Romane »Cloud Atlas« und »Ghostwritten« hätte mein Gehirn vermutlich nicht angefangen, ein so komplexes, auf mehreren Zeitebenen spielendes und doch komplett ineinander verwobenes Ding zu entwickeln, noch dazu einmal mehr ohne bewusste Planung. Auf bewusster Ebene habe ich nun allerdings jede Menge zu tun, damit dieses Riesenteil letzten Endes keine Logiklücken aufweist und auf der reinen Informationsebene auch dann verständlich bleibt, wenn man die drei Waidbronn-Einzelbände nicht kennt. (Empfehlen würde ich das Lesen anhand der vielen emotionalen Verknüpfungen aber nur Menschen, die zumindest »Sein Artist« kennen, wie hier bereits gesagt.)

Auch »Codewort: Puls« hat schon jede Menge Page-Marker von mir verpasst bekommen (diesmal in Pulsblau, einem nicht ganz reinen Blau mit einem leichten Graustich), die jene Stellen markieren, die Elemente enthalten, die in »Löwenherzen 2580« wiederverwendet werden.

Wichtig sind unter anderem:

- die technischen Errungenschaften der Puls-Zeit, auf welchen die Technik in »Löwenherzen 2580« zum Teil aufbaut, auch wenn 460 Jahre dazwischenliegen.
- alles, was Zir betrifft – seine Fähigkeiten und Fertigkeiten, sein Charakter, ja, sogar die Erinnerung an sein Aussehen kann für einen Aha-Effekt sorgen.
- das Gleiche in etwas geringerem Maße in Bezug auf Suey und Douglas wie auch in Bezug auf Ni'iv-Ay und Ve'i-Nan.
- das Grundwissen um die Überbevölkerungsproblematik auf Ar'tinx-I'disk.
- das Grundwissen rund um die Quelle.

»Die Liebe ist wie ein Planet im Hals«, das nun in die Löwenherzen eingebettet wird, erzählt die Vorgeschichte von Zir und Ver'em. Letzterer wird in »Codewort: Puls« nur ein einziges Mal namentlich erwähnt, doch ihm ist es mit zu verdanken, dass sich diese Geschichte überhaupt ereignen konnte. Zir beschreibt die Liebe als »großes, schweres Ding, das irgendwann immer im Hals stecken bleibt«, als »Planet im Hals« – als etwas, das zu groß, zu intensiv und für ihn immer zu schmerzhaft ist, um es wirklich vollständig zu erfassen.

Und genau so geht es mir mit diesen Geschichten. Ich kann letztlich gar nicht genau sagen, warum es gerade sie sind, die mich in SO gravierendem Maße an sich binden, dass ich sie nicht zu Ende lesen bzw. überarbeiten will, weil ich mich dann in gewisser Weise von ihnen trennen muss. Einen Teil der Antwort habe ich oben beschrieben, einen anderen Teil machen die für mich so unglaublich liebenswerten Charaktere aus – aber andere Teile der Antwort werden vielleicht für immer im Dunkeln bleiben. Doch letztlich reicht »Wegen der Liebe im Hals« ja auch vollkommen aus.

Kommentare:

  1. Hallo Alexandra :)
    Vielen Dank für die Verlinkung und die lieben Worte! Ich habe mich gern in Waidbronn aufgehalten und fand die Geschichten wirklich schön, sehr unterschiedlich und immer wieder bwegend und zum Nachdenken anregend! :)
    Liebe Grüße
    Dana

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    1. Liebe Dana,

      tausend Dank für deinen Kommentar, ich freue mich sehr! :) Das war wirklich etwas ganz Besonderes für mich, und ich bin schon sehr gespannt auf deine Gedanken zu FWVT. <3

      Alles Liebe
      Alex

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