Donnerstag, 16. Juni 2016

Vorsicht, durchgeknallt: Eine Frage der Schwere

GD

Erstmals seit 2011 gibt es heute mal wieder einen kurzen Prosatext von mir zu lesen. Daran geschrieben habe ich circa drei Monate, was für eine Kurzgeschichte von knapp 1.500 Wörtern eine lange Zeit ist, aber für mich behinderungsbedingt immer noch in einem Bereich liegt, den ich positiv sehe.

Vorwarnung: Die Geschichte ist ziemlich durchgeknallt und definitiv nicht allzu ernst zu nehmen. Wie ich darauf gekommen bin, kann ich mir selbst nicht erklären – die Protagonisten waren plötzlich comicfigurenartig in meinem Kopf (ähnlich den roten Blutkörperchen in der alten Kinderserie »Es war einmal … das Leben«, kennt die außer Alex und mir noch jemand?), und ich dachte mir: Warum nicht?

Derzeit schreibe ich auch an etwas Ernsterem, einer Geschichte (vermutlich vorrangig für Kinder) namens »Vor den Träumen«, aber bis diese fertiggestellt und vorzeigbar ist, dauert es noch recht lange. Heute poste ich hier dafür die etwas schräge Kurzgeschichte namens »Eine Frage der Schwere« – ich wünsche allen, die sie lesen möchten, viel Spaß dabei. :-)

Eine große Bitte an alle, die reinschauen: Könntet ihr mir sagen, ob bei euch die kursiven Stellen im Text angezeigt werden und ob der Titel fett angezeigt wird? Kürzlich mussten wir ja feststellen, dass nicht jeder Browser die Blogger-Formatierungen unterstützt, und dieser Text ist nun direkt aus Word in den Post kopiert. Es würde mich interessieren, ob das etwas bringt oder ob bei manchen nach wie vor keine Formatierungen zu sehen sind. Vielen lieben Dank im Voraus! :-)

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 Eine Frage der Schwere

Mein Name ist Fettlinde von Schmalz. Ja, lachen Sie ruhig. Ich habe mir diesen Namen jedoch nicht ausgesucht, ebenso wenig wie Sie sich den Ihren, nehme ich an. Und Fakt ist, dass Ihre Spezies eine Mitschuld an dem Umstand trägt, dass Namen wie dieser für meine Spezies zum Standard geworden sind. Lange Zeit galt er sogar als ausnehmend schick. Fettlinde, tja, dieser Vorname war in unserer Welt einst so beliebt wie die Namen Marie und Mia in der Ihren.
Unsere Welt?, fragen Sie sich jetzt womöglich. Was zum Geier meint diese Fettlinde damit?
Diese Fettlinde meint damit einen Ort, an dem Sie einen nicht unerheblichen Teil Ihrer Lebenszeit zubringen: Ihr Bett. Man findet uns allerdings auch in anderen Polstermöbeln.
Ich bin eine Hausstaubmilbe. Eine etwas … nun, sagen wir, eine etwas zu voluminöse Hausstaubmilbe. Mit einigen anderen, artverwandten Lebewesen bildet meine Spezies den Mikrokosmos Hausstaub. Hauptsächlich halten wir uns, wie bereits erwähnt, in Ihren Schlafzimmern auf, konkreter: in Ihren Matratzen, den Bettdecken oder den Kopfkissen. In einem Gramm Hausstaub können sich über 2500 Exemplare von uns tummeln. Das bedeutet, in einer Standardmatratze befindet sich rund eine Viertelmillion von uns adretten Tierchen.
Warum ich mich als etwas zu voluminöse Hausstaubmilbe bezeichne? Tja, das hängt vorrangig mit Ihrer Ernährung zusammen. Fast Food, Chips, Schokolade – der moderne Mensch speist fett, und vor allem wird er dadurch mitunter fett, was zu der verhängnisvollen Tatsache führt, dass die Menschen eine immer größere Körperfläche in ihre Betten wuchten, die wiederum eine immer größere Menge Hautschuppen abwirft. Und – ahnen Sie es? Hautschuppen sind die Leibspeise einer jeden Hausstaubmilbe.
Die in Hülle und Fülle vorhandene Kost, die seit Jahren wie Manna vom Himmel regnet, hat im Laufe der Zeit zu einer infernalischen Verfettung des Milbenvolks geführt. Wir mussten uns eines Tages nicht einmal mehr zwingend bewegen, um an Nahrung zu kommen.
Und hier beginnt die eigentliche Geschichte. Es ist mir ein Bedürfnis, sie Ihnen zu erzählen. Damit Sie wenigstens den Hauch einer Ahnung bekommen, welche Dramen sich in Ihren Schlafzimmern abspielen, ohne dass Sie Notiz davon nehmen …

Der Hausstaubmilbenstamm, zu dem ich gehöre, schwelgte seit Langem in einem El Dorado aus Hautschuppen, doch das Überangebot an Nahrung forderte seinen Tribut. Ich hatte noch die glamourösen Zeiten miterlebt, in denen »Dick ist schick« gegolten hatte, aber diese Ära neigte sich dem Ende zu. In unserem Milieu wurden wir allmählich zur Lachnummer. Die anderen Bewohner der Matratze tuschelten bereits über uns undisziplinierte Milben, und den Anfang machten ausgerechnet die sonst so friedliebenden Rädertierchen. Für gewöhnlich stachelten sie keine Konflikte an, sondern kümmerten sich eher um ihr eigenes Auskommen.
Schon allein dieser maßlosen Provokation wegen stand für namhafte Vertreter des Milbenstammes fest, dass sich etwas Grundlegendes ändern musste, und zu diesen gehörte ausgerechnet – mein Chef.
Die Praxis von Dr. Schubpo Milbos, in der ich schon seit meinem Berufseinstieg als seine Assistentin arbeitete, lag unweit des Kopfkissens.
Schubpo saß an seinem Schreibtisch, wo er das Konzept für eine verpflichtende Kurzstudie zum Fitness-Zustand seiner Patienten skizzierte. Kürzlich hatte er auf Milb-TV eine Dokumentation über die Sensationsgeilheit der Menschen gesehen. Es war bereits von Fällen die Rede, in denen einzelne Milben derart fettleibig geworden waren, dass ihre menschlichen Gastgeber sie auf ihrer Matratze entdeckt, eingefangen und in ein Glas gesperrt hatten. Dr. Milbos hatte sich vor Schreck fast verschluckt, sich ein Gläschen Hautfein No. 5 gegönnt und war daraufhin in eine ohmachtgleiche Schockstarre gefallen.
Als er wieder zu sich gekommen war, beschloss er, dagegen anzukämpfen, dass unser Milbenstamm auf diese Art ein Ende finden würde, und selbstredend lag er mir ab diesem Zeitpunkt mit dem Thema in den Ohren.
Er machte sich sofort an die Arbeit und klamüserte eine Strategie aus. Die Gewichtskorsetts, die er dabei festzurrte, waren strikt, aber, wie er meinte, nicht allzu bevormundend, zumindest nicht, wenn man das Normalgewicht einer Hausstaubmilbe im Auge behielt. Dieses liegt, abhängig von Geschlecht und Größe, bei gerade mal 3,5 bis 5,8 Mikrogramm, während seine Patienten inzwischen teilweise das Vierfache auf die Waage brachten, wie die Studie zeigen sollte.
Ja, als er die Studienunterlagen einige Tage später auswertete, stellte er endgültig fest, wie dringend sein Eingreifen war, denn mehrere der hochadipösen Milben hatten schon fast die Schwelle zur Sichtbarkeit erreicht – und auch ich befand mich unter jenen bedauernswerten Geschöpfen.
Im Wissen, dass diese unsinnige Völlerei beendet werden musste, entschied sich Dr. Milbos, ein Abspeck-Camp zu gründen.

Ich seufzte am nächsten Morgen mehrfach auf, als der Doktor mir seine Strategie erläutert hatte.
Wie bereits angedeutet, teilte ich die Vorliebe vieler Patienten für die unbegrenzt verfügbaren Leckereien, hatte meinen Appetit jedoch im Griff (dachte ich zumindest). Ich sah zwar ein, dass zwischen einem kleinen Nachtmahl und hemmungsloser Völlerei ein gravierender Unterschied bestand, dennoch hielt ich sein Drängen vorerst für übereilt.
»Fetty, ich mache mir ernsthafte Sorgen um unseren Milbenstamm«, gab er jedoch keine Ruhe. »Auf die Gefahr hin, plakativ zu werden: Wir brauchen Nachwuchs, nicht die fettesten Milben der Welt. Die Anzahl der Milben zählt, nicht deren Körperfläche, auch wenn sie die weitere räumliche Verbreitung des Stammes allein durch ihre Fülle vorantreiben. Sieh dir die Ergebnisse noch einmal genau an, und du wirst merken, dass ich recht habe!«
Schließlich gab ich resigniert auf. Wenn Schubpo sich erst einmal auf ein Thema eingeschossen hatte, war er zumeist nicht mehr zu bremsen.
»Außerdem brauche ich noch dein Milbwort in dieser Angelegenheit«, setzte er noch einen drauf. »Gib mir dein Milbwort, dass du meinem Abspeck-Camp beitrittst und als leuchtendes Beispiel für die Patienten fungierst.«
»Sollst du haben«, gab ich mich entspannt. Auch das noch, dachte ich jedoch bei mir. Bedingungslose Unterstützung war nun wirklich nicht das, was ich »dieser Angelegenheit« entgegenbringen wollte, aber Schubpo war nun mal mein Vorgesetzter, und er hätte ohnehin nicht lockergelassen. Also setzte ich mich an meinen Schreibtisch, aktivierte den Milbkompander und kontaktierte über das Fatnet diejenigen Milben, bei denen akuter Handlungsbedarf bestand. (Sehen Sie? Sogar unsere Version des Internets war von der »Dick ist schick«-Mentalität geprägt worden!)
Das Milbwort war ein zweischneidiges Schwert. Zwar war es das innigste Zeichen der Milbschaft und deren Milbungen, doch wurde es gebrochen, wurde man gnadenlos aus der Milbschaft ausgeschlossen. Meine Laune befand sich dementsprechend auf dem Tiefpunkt.

Als sich die größten Schwergewichte am folgenden Abend in der Praxis Milbos eingefunden hatten, erläuterte er den Patienten sein Vorhaben und rang ihnen ebenfalls ihr Milbwort ab, jede seiner Anweisungen zu befolgen.
Einige Bürden sollten auf sie (uns!) zukommen. Um einen deutlichen Gewichtsverlust zu erreichen, musste neben der Ernährungsreduktion auch regelmäßig mit ausdauernder Bewegung reagiert werden.
Nach vollständiger Sichtung des Gesamtkonzepts fasste ein eigens angefertigter kurzer Film das Vorgehen zusammen. Wahrlich keine Produktion aus Milbywood mit Milbal-Effects, sondern eine aus der Privatschmiede Dr. Milbos’, doch man zeigte sich einsichtig: Gewicht beeinflusst Umfang, Umfang beeinflusst Sichtbarkeit, Sichtbarkeit heißt: Ab ins Glas!, so die Kernaussage. Die Milbschaft musste zwingend abspecken.
»Ich bin mir fast sicher, dass ich mir einige Sperenzchen von wegen Hunger anhören darf, aber da müssen sie durch«, sagte Schubpo zu mir, als die Patienten seine Praxis wieder verlassen hatten. »Und du auch, Fetty.«

Ich gab mir ernsthaft Mühe, und das Abspeck-Camp zeigte Wirkung. Bereits nach zwei Wochen der Plackerei hatte jeder Teilnehmer des Camps einige Mikrogramm verloren.
Doch dann ging die Tortur erst richtig los: in einem nahegelegenen Hain, der auf einem kleinen, halbrunden Flokati-Kissen lag. Das Polster befand sich auf der linken Seite der Matratze, bildete von dort aus zunächst einen gemäßigten Anstieg und verlief weiter in schroffen Steilhängen.
Zum Ansporn ließ Dr. Milbos die anderen Milben wissen: »Ich jogge hier jeden Morgen.« Dann wandte er sich an mich: »Fetty, zeig ihnen, wie es geht!«
»Warum ich?«, empörte ich mich.
»Weil ich es dir sage«, raunzte Schubpo mich an. »Für den Anfang ist ein Erkundungslauf angedacht; du markierst die Strecke: immer den Milbpfad entlang. Denk an dein Milbwort!«
Ich verfluchte mich stillschweigend dafür, ihm das Milbwort gegeben zu haben, während der Doktor fortfuhr: »Mit dir laufen Lohnlita Rundback, Fetthelm Rosthal und Aghadi Kohnfl.«
Letzterer sank bei der Nennung seines Namens auf die Knie und brach gespielt in Tränen aus: »Dr. Milbos, ich bin doch Anhänger der Milban-Religion! Es ist meine religiöse Pflicht als Milbist, Völlerei zu betreiben! Außerdem ist Sport laut Milban streng untersa…«
»Bei aller Religiosität«, schnaubte Dr. Milbos, »Milbwort ist Milbwort. Sie wissen, was das bedeutet, Aghadi.«
Zähneknirschend fügte sich der Gescholtene.
»Na also«, lachte Dr. Milbos, sah unserem schnaufenden Trüppchen nach und rief: »Letztlich ist alles nur eine Frage der Schwere!«

Dies ist die Geschichte, die ich Ihnen unbedingt erzählen wollte. Damit Sie Bescheid wissen. Und damit künftig nicht nur meine, sondern auch Ihre Spezies ein ungutes Gefühl mit sich herumträgt.
Und nun, da ich Sie hoffentlich nachhaltig verunsichert habe, will ich zur Belohnung für mein letztes Training doch mal sehen, was Sie mir heute so auf Ihrem Kopfkissen hinterlassen haben …

Kommentare:

  1. Aaaawwwwwwwwwwwwww <3

    So cool :D <3

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    1. <3

      Waaah, und vergessen: ich seh die kursiven Stellen <3 Die Schriftart ist auch toll <3

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    2. Sehr schön! <3 Die Schriftart ist »Garamond«, die Alex auch für »Marian« genommen hat und für »Löwenherzen 2580« nehmen wird, da wir uns dachten, dass die Schrift sich einerseits von der sonstigen Post-Schrift abheben sollte, andererseits aber alle Uploads dann zumindest gleich aussehen sollten. :-)

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  2. Whee - ich hab nun mal den Explorer-Abgleich gemacht (und der zeigt z.B. direkt in Blogger formatierte Kursivstellen nicht an, fette Stellen dagegen schon), und sowohl die kursiven als auch die fetten Stellen werden da angezeigt. \o/ <3 Im Firefox ja sowieso, bei meinem zumindest. Das find ich jetzt mal sehr großartig, auch in Bezug auf den Löwenherzen-Upload. \o/ <3

    Ich les die ganze Geschichte jetzt noch mal (<3!) und mach dann Kaffee. :D

    (Geistreichster. Kommentar. EVER.)

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  3. Klasse. So beginnt der Freitag morgen mit einem Lächeln. Danke Georg, für die kleine Geschichte aus dem Milbversum.

    Ich sehe hier auf dem IE sowohl die fette Überschrift, als auch die kursiven Worte. Ich schaue heute Abend aber noch mal zuhause auf meinem Notebook nach, was Chrome dazu sagt.

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    1. Liebe Daniela,

      vielen Dank fürs Lesen und deinen lieben Kommentar! :-)

      Und super lieb von dir, dass du auch noch auf Chrome nachschauen willst, auch dafür ein großes Danke! :-)

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    2. So noch mal kurze Rückmeldung, also Chrome, sowohl am Notebook, als auch auf dem Tablet zeigt alles vorbildlich an. Fett und kursiv, alles ist ordentlich zu sehen.
      LG
      Daniela

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    3. Yay! :-) Vielen, vielen Dank für deine Mühe! :-)

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  4. Huhu! <3

    Das war herrlich! :D Ich mag die kleine Geschichte sehr!

    Du hast dir so coole Wörter ausgesucht, mein Favorit ist Milbwort! *.* Ich find's toll! Das wäre ein Kandidat, um ihn in den Sprachgebrauch aufzunehmen. :D

    "Dick ist schick", "Fatnet" - das sind auch so lustige Formulierungen.

    Hach ja, ich hatte meinen Spaß. Dankeschön für die Kurzgeschichte. :)

    Ich hab sowohl am PC (Safari) als auch am Handy die richtige Formatierung. :)

    Liebe Grüße! <3
    Jade

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    1. Huhu! <3

      Vielen, vielen lieben Dank fürs Lesen, für deinen tollen Kommentar und fürs Nachschauen! :-) Alex bedankt sich auch, das sind gute Voraussetzungen für die Löwenherzen, dass die Formatierung passt. :-)

      Ich freue mich total, dass dir die Geschichte so gut gefallen hat, darauf gebe ich dir mein Milbwort! :-) *gg*

      Liebe Grüße zurück! <3
      Georg

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    2. (So, jetzt aber richtig. :D Erst hätte ich es fast anonym abgeschickt, dann habe ich mich eingeloggt und die Antwort bei mir im Blog gepostet. o.o :D)

      Heyho! <3

      Gerne! <3

      Jep, für die Löwenherzen ist das super! Ich hoffe, Blogger bleibt dann auch brav. ^^

      *gg* Das würde ich dir sogar ohne Milbwort glauben. ;) :D

      <3

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    3. (Haha, kann ja mal passieren! :D)

      Wir glauben, da mein Text ja aus Word kopiert war, müsste es auf diese Weise gehen. :-)

      Ach, und das Milbwort kann zur Sicherheit ja trotzdem nicht schaden. *gg*

      <3

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