Donnerstag, 19. Mai 2016

Weil ich lernen möchte

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Eine große Bitte vorab an alle Leser_innen, die auch nur im Entferntesten mit dem Thema Diversität (Vielfalt) etwas anfangen können: Bitte lest diesen Post, auch wenn er relativ lang ist, und lasst mir eure Meinung zu den Fragen am Schluss da. Das muss kein langer Text sein, eine kurze Antwort mit eurer persönlichen Sichtweise reicht vollkommen aus. Ganz egal, ob ihr selbst eine Erkrankung und/oder Behinderung habt, ob ihr dem LGBTQ*/LGBTIA-Spektrum angehört oder euch aus anderen Gründen für Vielfalt und Gleichberechtigung interessiert – eure Meinung zu diesem Eintrag interessiert mich sehr und würde mir total weiterhelfen.

Vielen lieben Dank im Voraus! ♥

Vor einiger Zeit habe ich in diesem Post schon einmal von Ash erzählt. Ash ist Aktivist_in und bloggt sehr aufschlussreich über queerfeministische Themen, vor allem über Gender und BeHinderungen. Außerdem hat er_sie im Februar auf Twitter den Hashtag #beHindernisse initiiert, zu dem ich mich unter anderem im anfangs verlinkten Eintrag ebenfalls geäußert habe.

Im seinem_ihrem Post Lernprozesse hat Ash den Hashtag und die damit verbundenen neuen Erkenntnisse reflektiert. Meine Antwort darauf könnt ihr bei Interesse hier nachlesen – alles für mich im Augenblick Wichtige kommt aber auch in den nun folgenden Eintrag. Zum Teil etwas abgewandelt und erweitert, weil seither ja schon einige Zeit vergangen ist, aber der Inhalt als solcher bleibt der gleiche. :)

In erster Linie hat sich #beHindernisse auf mein Selbstbild als Autorin wie auch auf meine Beschränkungen als solche und als Mensch ausgewirkt. In all meinen Geschichten, ob veröffentlicht oder nicht, spielt Diversität eine große Rolle. In diesen Geschichten leben behinderte Charaktere, LGBTQ*/LGBTIA-Charaktere, Charaktere, die in irgendeiner Art und Weise einer Minderheit angehören. Allerdings habe ich mir als Autorin lange Zeit nie große Gedanken über Begrifflichkeiten gemacht – aus dem schlichten Grund, dass sie mir selbst nicht wichtig sind.

Ein Beispiel: Es gibt in meiner Kernfamilie keinen einzigen Menschen, der noch nie in psychiatrischer Behandlung war. Mehr als die Hälfte der Mitglieder meiner Kernfamilie befanden sich bereits für längere Zeit in einer psychiatrischen Einrichtung, mich eingeschlossen. Dennoch empfindet keiner von uns Aussagen wie »Wow, ist ja irre!«, »Das mache ich wahnsinnig gern!« etc. als ableistisch oder diskriminierend. Hier findet für mich persönlich eher eine Bedeutungsverschiebung statt. Ein ehemals negativ besetzter, inzwischen aber veralteter und in Bezug auf tatsächliche psychische Erkrankungen absolut unangemessener Begriff erfährt in beiden Fällen eine neue Bedeutung, die in der Regel eine positive ist. Und selbst wenn sie negativ gebraucht wird (»Bist du irre?!«), bezieht sich eine solche Äußerung in der Regel nicht auf reale psychische Erkrankungen.

Ähnlich empfinde ich bei Begriffen wie »verrückt«, schräg«, »dumm«, »Idiot« etc. – all das sollte heute nicht mehr als Bezeichnung für psychisch kranke oder wenig intelligente Menschen herhalten müssen. Die Neubesetzung dieser Begriffe ist okay für mich, weil ich nie, nie, niemals einen tatsächlich kranken/wenig intelligenten Menschen so bezeichnen würde. Wenn ich von einem Angehörigen erzähle, sage ich nicht: »Mein Angehöriger XY ist verrückt«, sondern »Mein Angehöriger XY hat die Erkrankung ETCPP«. Und daher: Für mich persönlich sind solche Begriffe völlig in Ordnung, wenn sie nicht missbraucht werden, und ein Missbrauch wäre für mich eben, tatsächlich Erkrankte so zu bezeichnen.

Aber natürlich geht es noch weiter: ICH sehe das so, aber durch #beHindernisse habe ich erstmals in vollem Umfang begriffen, wie viele Menschen sich von solchen Bezeichnungen eben doch herabgesetzt fühlen. Und nun ist da mein Autoren-Ich, das inzwischen vier veröffentlichte Bücher hat, die FÜR Diversität stehen sollen und GEGEN Ausgrenzung, die Vielfalt als Realität darstellen wollen – und die solche Begriffe beinhalten, weil ich so weit zur Zeit der Entstehung dieser Bücher noch gar nicht gedacht habe.

Was mich etwas beruhigt, ist, dass alle vier Bücher bereits von mehreren psychisch und/oder körperlich behinderten Menschen gelesen wurden und von diesen bislang durchweg positives Feedback bekamen. Mir wurde gesagt, dass ich sämtliche in den Büchern vorkommenden Erkrankungen und/oder Behinderungen realistisch und respektvoll dargestellt habe, und das ist schon mal sehr viel wert. Ich hoffe, dass das etwas ist, das grundsätzlich durchklingt – der Respekt, den ich besonders vor Menschen habe, die es eben nicht total leicht haben. Und dass ich eine Erkrankung und/oder Behinderung eben NICHT als Grund ansehe, jemanden in die Opfer-Ecke zu drängen oder innerhalb einer Geschichte ausschließlich über diese Erkrankung und die Probleme damit zu schreiben.

In »Codewort: Puls« gibt es beispielsweise Marc, Douglas’ jüngeren Bruder, der die bipolare Störung hat. Auf die Erkrankung in all ihren Facetten gehe ich in dem Buch überhaupt nicht ein; die Hauptfigur ist Douglas, früher »das gesunde Kind«, der sich nicht nur auf Marcs hin und wieder vorkommende Aussetzer konzentriert, sondern auch auf Marcs persönliche Haltung. Und darauf, dass die Großmutter der beiden Marc allein aufgrund seiner Erkrankung seit ihrer beider Kindheit permanent in Schutz nimmt, obwohl er durchaus in der Lage ist, selbstständig zu denken und Verantwortung für sich zu tragen. Es ist KEIN Buch über die bipolare Störung. Es ist ein Buch, in dem ein Nebencharakter die bipolare Störung hat, die ihn aber nicht auf- oder abwerten soll.

Douglas ärgert sich oft über seinen Bruder, allumfassend. Natürlich schließt das die Erkrankung mit ein, zum Beispiel, wenn Marc sich in einer manischen Phase mal eben ein Motorrad bestellt, dann im subtil dystopischen Rahmen der Geschichte ruhiggestellt wird und zugedröhnt Lieder aus der Kindheit schmettert. Aber »Codewort: Puls« soll kein Problembuch sein, sondern einfach ein Science-Fantasy-Roman mit Gay-Romance-Note, in dem eben zufällig auch ein psychisch kranker Charakter vorkommt, ohne eine Hauptrolle einzunehmen. Ich wünschte, so etwas gäbe es öfter. Aber es scheint eine Art ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass ein Autor, wenn er kranke und/oder behinderte Charaktere in seine Geschichte aufnimmt, deren Krankheit und/oder Behinderung zu Tode thematisieren muss. Als wäre Krankheit und/oder Behinderung eine Charaktereigenschaft. Doch so denke ich nicht.

Wie auch immer: Douglas nennt seinen Bruder zuweilen beispielsweise »Idiot«, und das nicht aufgrund seiner psychischen Erkrankung oder weil er ihn für nicht intelligent halten würde. Wenn jemand aber solche Begrifflichkeiten in Bezug auf Ableismus kritisch sieht, könnte das einen falschen Eindruck von meinem eigenen Denken erwecken. Und das fände ich tragisch, denn es würde gegen alles gehen, was ich mit meinen Geschichten in Wahrheit will. Ich habe besonders »Codewort: Puls« vor der Veröffentlichung noch einmal auf fragwürdige Begriffe gecheckt (und zwar aufgrund von Ashs Tweets, die ich zuvor gelesen hatte), habe sogar Begriffe wie »wahnsinnig« und »irre« ausgetauscht (außer, sie kamen von absoluten Unsympathen in der Geschichte :D) – aber an »Idiot« haben Georg und ich beispielsweise nicht gedacht. Wir sehen das tatsächlich beide so, wie ich es oben beschrieben habe: Wir empfinden nur Begriffe als feindlich, die auch tatsächlich so gemeint sind, und das merken wir im Allgemeinen schon. Also, ob etwas herabwürdigend gemeint ist.

Bei meinem neuesten Buch »Frei wie verkrüppelte Tauben« war mir im Vorfeld klar, dass schon allein der Titel anecken würde. »Verkrüppelt«, dieses Wort benutzt man in der Regel heute nicht mehr. Es ist ein hässliches Wort und ich würde es, wenn man damit eine behinderte Person beschreiben würde, tatsächlich als sehr unpassend und diskriminierend empfinden. Nun ist es aber so, dass »Frei wie verkrüppelte Tauben« eine mitunter wirklich hässliche Geschichte ist. Mit einem Protagonisten, dessen Seelenleben, dessen Äußeres, dessen Denk- und Ausdrucksweise nicht mit einer allumfassenden Korrektheit vereinbar ist. Es ist sein Titel. Er kommt aus seinem Kopf und seiner Seele. Darum empfinde ich diesen Titel als passend, zumal das Wort »verkrüppelt« im Buch nirgendwo auf Menschen bezogen wird. Dennoch ist mir klar, dass manche Menschen das anders sehen werden und es da auch zu Anfeindungen kommen könnte. Einen subtilen Vorgeschmack dessen habe ich gestern bereits bekommen. Aber das nehme ich in Kauf. Kunst muss für mich nicht immer korrekt sein, und die Glaubwürdigkeit meiner Figuren ist mir unendlich wichtig. Das bedeutet aber NICHT, dass mich objektive Kritik dazu nicht interessieren oder ich nicht darüber nachdenken würde, ganz im Gegenteil.

Ich frage mich seit #beHindernisse immer wieder: Wie viel Ableismus steckt tatsächlich in meinen bisherigen Geschichten, insbesondere in den veröffentlichten Büchern, von dem ich möglicherweise nicht einmal etwas ahne? Begriffe, die ich nicht im Ansatz auf dem Schirm habe, weil sie für mich bislang einfach nichts dergleichen implizieren? Das würde ich gern herausfinden. Nicht, um die bereits erschienenen Bücher noch einmal völlig umzukrempeln, dafür habe ich weder das Geld noch bei allen die Befugnis, denn bis auf »Codewort: Puls« und die Printausgabe von »Sein Artist« sind sie ja in Verlagen erschienen und von diesen auch lektoriert worden. Das macht mich ein Stück weit sicherer, denn sprachlich haben Lektoren da einen wesentlich besseren Überblick und hätten wirklich krasse Sachen mit Sicherheit entdeckt. Und letztlich haben auch alle meine Charaktere ihre eigene Stimme; was sie sagen, denken und fühlen, entspringt nicht grundsätzlich dem, was ich selber richtig finde. Was erschienen ist, ist erschienen, das kann, will und werde ich nicht mehr umwerfen.

Aber: In künftigen Büchern (ein paar wird es noch geben vor 2018) möchte ich besser auf solche Dinge achten. Und darum möchte ich meine bisherigen Bücher von jemandem, der sich gut damit auskennt und intensiv damit beschäftigt, anhand der Kriterien Diversität und Ableismus beurteilen lassen. Von jemandem, der sie tatsächlich alle gründlich liest und für mich sammelt, was aus kritischer Sicht alles an diskriminierender Sprache zu finden ist. Das würde mir helfen. Sehr.

Und der Mensch, der das für mich machen wird und dem ich unendlich dankbar dafür bin, ist Ash. Und ich freue mich sehr auf seine_ihre Meinung zu meinen Büchern, denn Ash kann etwas, was manche andere Aktivist_innen nicht können oder zumindest nicht tun: Er_sie bleibt respektvoll und sachlich, auch wenn er_sie Kritik übt.

In letzter Zeit fallen mir vermehrt Aktivist_innen auf, die zwar laut nach Barrierefreiheit und Gleichberechtigung schreien, die aber selbst in einem Ton sprechen/schreiben, dass mir ganz anders dabei wird. Übergriffig. Aggressiv. Respektlos. Teils beleidigend. Und solche Menschen möchten für Toleranz stehen? Das verstehe ich nicht. Das ist für mich genauso problematisch wie Gewalt von politisch Linksradikalen, die sich als besser wahrnimmt und inszeniert als die Gewalt der Rechtsradikalen. Aber man kann meiner Meinung nach nicht gegen Gewalt sein, wenn man selbst Gewalt ausübt. Und man kann nicht ernsthaft gegen Diskriminierung sein, wenn man selbst Übergriffigkeit, Aggression und Beleidigungen im Kampf für die eigenen Ziele anwendet.

Darum bin ich so unendlich froh, dass Ash die Bücher prüfen möchte. Weil ich weiß, dass er_sie sachlich bleiben wird, selbst wenn es extrem viele Punkte in den Geschichten geben sollte, die er_sie als problematisch empfindet.

Dass ich ausnahmslos jede Kritik in den künftigen Büchern umsetze, kann ich zwar nicht versprechen, zumal es vorrangig um ein Gemeinschaftsprojekt mit Lexi geht. (Jaa, das ist endlich mal eine ansatzweise Info, was mit Ex-»AURA« und Ex-»Grenzwandler« passieren wird. *gg*) Aber wir möchten darüber nachdenken und die Kritikpunkte neu bewerten. Ich will mein bisher Geschriebenes reflektieren, und gerade dann, wenn es um bloße Begriffe geht, die man leicht austauschen könnte, an mir arbeiten. Gerade WEIL Diversität mir so ein großes Anliegen ist und weil im Hinblick darauf weitere Bücher kommen werden. Bücher, die FÜR Vielfalt stehen sollen. Da möchten wir wirklich noch mal mehr als bisher darauf schauen, was wir alles geschrieben haben und wie das bei Betroffenen ankommen könnte. Sich so auszudrücken, dass absolut alles hundertprozentig korrekt ist, ist für Autoren mit authentischen Figuren (die eben nicht immer alle korrekt sind) vermutlich unmöglich. Aber garantiert gibt es auch vieles, was problemlos geändert werden KANN und dann sogar präziser klingt.

Meine Frage an euch, die ihr euch ebenfalls mit Diversität beschäftigt, ist nun: Wie seht ihr das mit den Begrifflichkeiten? Welche Formulierungen empfindet ihr ganz persönlich als diskriminierend? Gab es hier auf dem Blog oder in einem meiner Bücher schon Begriffe, die euch gestört oder verletzt haben?

Ich würde mich extrem über ehrliche Antworten hierzu freuen. Weil ich lernen möchte.

Kommentare:

  1. Schon wieder Erste? o.o

    Ähm: Ich sehe das grundsätzlich wie du, insbesondere bei den genannten Begriffen, wobei ich mich zum Beispiel schwertun würde, Redewendungen wie "ist ja irre" oder "ich glaub, ich spinne" oder so auszutauschen, weil ich die einfach nicht (und auch früher nie) in irgendeiner Form mit tatsächlicher kognitiver/psychischer Krankheit oder Behinderung in Verbindung gebracht habe.
    Bei "Krüppel" und allen Varianten ist das wiederum anders, das verwende ich tatsächlich nicht in meinem eigenen Sprachgebrauch, auch wenn es in meinen Geschichten durchaus vorkommt, z.B. in Seths Leben, einfach, weil die Menschen dort kein anderes Wort haben bzw. im Grunde auch gar nicht versuchen, eine nicht verletzende Wortwahl zu benutzen.
    Es kommt halt auf den Kontext an, würde jetzt zum Beispiel erwartet, dass in einem historischen Roman Begriffe geändert werden, die in der Vergangenheit aber genau so verwendet wurden, fände ich das nicht angebracht.
    Ein schönes Beispiel ist das Wort "debil". Das benutze ich idR nicht, wenn es aber in einem historischen Roman vorkäme, um eine kognitiv eingeschränkte Person zu bezeichnen, wäre das passend und in dem Sinne nicht diskriminierend. Im Gegensatz dazu hat es allerdings mein ehemaliger Biologielehrer verwendet, während er uns Dia-Fotos (ja, ich bin im 21. Jhd. zur Schule gegangen) von Menschen mit verschiedenen Gendefekten und den damit einhergehenden körperlichen Merkmalen zeigte: "Menschen mit Down-Syndrom [ab und an verwendete er auch noch Mongoloismus >.<) sehen so und so aus und sind debil."
    Ich glaube, DA müssen wir nicht über die Frage ableistisch oder nicht diskutieren, ähem.

    Aber sonst kommt es mMn immer auf den Kontext an. Bei dir wäre mir bisher wirklich nie was aufgefallen, das aus meiner Sicht irgendwie diskriminierend gewirkt hat.

    <3 <3 <3

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    1. Ja! \o/

      Und du kriegst auch noch eine ordentliche Antwort; heute bin ich zu scheintot für weitere Konzentration. <3 <3 <3

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    2. Jetzt aber! \o/

      Erst mal vielen Dank für den Kommentar. <3 Das scheint so ein Thema zu sein, zu dem die meisten lieber schweigen; vielleicht, weil da eine ebenso große Unsicherheit herrscht wie bei mir.

      »[...] wobei ich mich zum Beispiel schwertun würde, Redewendungen wie »ist ja irre« oder »ich glaub, ich spinne« oder so auszutauschen, weil ich die einfach nicht (und auch früher nie) in irgendeiner Form mit tatsächlicher kognitiver/psychischer Krankheit oder Behinderung in Verbindung gebracht habe.«

      Genau so geht es mir auch. Das sind Begriffe, die ich im Alltag niemals in Bezug auf tatsächliche Krankheiten angewendet habe, und mir ging es durch die Hinweise auf Ableismus bezüglich dieser Begriffe eher so, dass ich überhaupt erst dadurch an diese Krankheiten gedacht habe. Ein bisschen wie wenn ein Kindergartenkind im Kindergarten ein schwarzes Kind kennenlernt, dort ganz normal mit ihm spielt, und dann plötzlich so Anweisungen kommen wie: »Du darfst den/die XY aber nicht so und so und so nennen oder darauf oder jenes ansprechen, weil er/sie schwarz ist, das ist unhöflich/rassistisch/etc.« - dabei wäre das Kind ohne diese Hinweise niemals darauf gekommen, dass XY überhaupt anders ist. So fühlt es sich für mich mit diesen Begriffen an. Sie sind im allgemeinen Sprachgebrauch idR NICHT mehr auf Kranke/Behinderte bezogen - und das empfinde ich eigentlich eher als positiv; das ist nichts, wo ich persönlich eine Notwendigkeit sehe, daran zu rühren, weil das aus meiner Sicht eher das Gegenteil bewirkt, als man ja eigentlich möchte.

      Bei Begriffen wie »Krüppel« oder »debil« - da ist auch für mich keine Diskussion nötig. Personen so zu bezeichnen, geht gar nicht. Und mir war so was von klar, dass manche da nicht würden differenzieren können - also gar nicht beachten, dass in FWVT eben KEIN Mensch so bezeichnet wird und der Titel unter anderem auch eine Metapher für das Seelenleben des Protagonisten ist. Und auch dafür, wie in Ulm und anderen Städten mit den Stadttauben, die ja ehemals Haustiere waren und gar nicht auf eigenen Überlebenskampf ausgerichtet sind, umgegangen wird - nämlich abgrundtief hässlich und grausam.

      Und - Kontext ist das Zauberwort, das sehe ich auch so. Mich befremdet es immer extrem, wenn Menschen sagen, der Kontext wäre egal, es käme nur darauf an, ob man bestimmte Begriffe benutzt, und wenn man das tut, ist man grundsätzlich ein Arschloch etc. (was ja nun auch nicht toleranter ist *hust*). Ähm, ja.

      <3 <3 <3

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  2. Sooo da ich weiß, wie viel dir daran liegt, werde ich als Behinterter auch mal versuchen, dir ein paar meiner Gedanken zuteil werden zu lassen. Eins aber vorweg: Bisher habe ich deine Bücher (noch!) nicht gelesen, kann deinen Schreibstil in den Büchern also nicht wirklich beurteilen.

    Ich finde, man kann die Nutzung oder Nichtnutzung von Begrifflichkeiten wie "Idiot", "Krüppel", "verrückt" usw. nicht verallgemeinern. Es gibt durchaus Situationen bzw. Dialoge, da wäre es einfach unnatürlich, diese Worte auf biegen und brechen zu umkurven. Allerdings sollte man natürlich vorsichtig sein. Einen Menschen, der beispielsweise in psychologischer Behandlung ist, als "irre" oder "verrückt" zu bezeichnen kann sehr schnell nach hinten los gehen. Das Wort "Krüppel" hat für mich persönlich aber nochmal eine Sonderstellung. Es mag sein, dass es im Altdeutschen ein normales Wort wie heute bspw. "behindert" gewesen ist. Heutzutage würde ich persönlich es aber durchaus als sehr diskriminierend/beleidigend empfinden, selbst so bezeichnet zu werden. Das soll aber keineswegs eine Kritik an deinem Buchtitel von FWVT sein! Ich mag es halt persönlich nicht, so genannt zu werden. Wenn jedoch jemand so beschrieben wird, ist es Sache desjenigen, wie er es auffasst. Da es mich persönlich stören würde, würde ich es im eigenen Sprachgebrauch aber nicht nutzen.
    Mit dieser Einstellung "Rede nur so, wie du auch mit dir reden lassen würdest" bin ich bisher sehr gut durchs Leben gekommen. Es gehört nunmal eine sehr große Portion Feingefühl dazu, die richtigen Worte für den richtigen Empfänger zu finden. Jemanden, den ich seit Jahren kenne, spreche ich natürlich anders an, als jemanden, den ich gerade erst kennen gelernt habe.

    Formulierungen sind ein verdammt schweres Thema, bei dem es denke ich auch kein richtig oder falsch gibt. Jeder Mensch ist anders sensibel und während der eine das Wort "behindert" als Diskriminierung auffasst, weil er gerne "Mensch mit erhöhtem Hilfebedarf" genannt werden will (genau so eine Formulierung schon erlebt), ist es für den anderen total normal und er würde jede andere Bezeichnung als albern empfinden.

    Letztendlich merke ich gerade, dass ich genauso schlau wie am Anfang bin... Man kann es halt nicht pauschalisieren und genauso wenig kannst du als Autor es JEDEM recht machen. Ich denke aber, du solltest einfach so schreiben, wie du es für richtig hältst, denn nur so kannst du es wirklich authentisch wirken lassen. Du sagst ja oft, dass die Figuren in deinem Kopf tatsächlich leben und existieren. Wieso also denen den Mund verbieten? Schreiben soll dich mit Freude erfüllen. Wenn du aber bei jedem zweiten Satz ne halbe Stunde nach einer möglichst unkritischen Formulierung suchst, schränkst du dich selbst ein und empfindest das Schreiben wohl eher als Last, als als Freude.

    Vielleicht könntest du ja in einem Vorwort genau dieses Thema ansprechen? Dort einfach beschreiben, dass du dir der Problematik durchaus bewusst bist und um Gottes Willen niemanden beleidigen und/oder diskriminieren willst. Vielleicht gibt es ein solches Vorwort aber schon und ich erzähle dir nur Dinge, die du sowieso schon weißt... Aber ich empfand diesen Tipp als erwähnenswert, und sei es für einen anderen Autor, der deinen Blog liest :)

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    1. Hallo und vielen lieben Dank für deinen ausführlichen Kommentar! <3

      Dass du meine Bücher nicht kennst, macht überhaupt nichts, auch allgemeine Sichtweisen sind mir mehr als willkommen. :)

      »Rede nur so, wie du auch mit dir reden lassen würdest« - das ist eine gute Einstellung, finde ich. Und meine volle Zustimmung zu deinem gesamten zweiten Absatz: Verallgemeinerung ist sehr, sehr schwer, auch und gerade bei so einem heiklen Thema. Einen behinderten Menschen als »Krüppel« zu bezeichnen, empfinde ich persönlich zum Beispiel als unterste Schublade - so würde ich niemals einen Menschen nennen, und würde jemand Georg so bezeichnen, würde ich vermutlich mental und verbal ziemlich explodieren. Wie der Titel FWVT gemeint ist, erschließt sich erst beim Lesen vollständig, oben in der Antwort an Lexi steht auch einiges dazu - Menschen mit Behinderung sind damit definitiv nicht gemeint. :)

      Auch die Begriffe »irre« und »verrückt« in Bezug auf tatsächliche psychische Erkrankungen sind für mich totale No-Gos; da ging es mir wirklich nur um die neue Bedeutung. Wenn ich persönlich z.B. »Ist ja irre!« sage, meine ich damit idR etwas positiv Überraschendes - und mir das abzugewöhnen, weil »irre« FRÜHER einmal ein Begriff für tatsächliche Krankheiten war, der heute aber absolut nicht mehr zeitgemäß ist, fühlt sich schon sehr merkwürdig für mich an. Der Sinn erschließt sich mir nicht vollständig, auch wenn ich es bei gerade diesem Begriff versuche, weil sich eben doch Leute davon verletzt fühlen.

      Auch der Begriff »Idiot« ist für mich so eine Sache. Ich würde ihn nie, NIEMALS in Bezug auf einen geistig eingeschränkten Menschen verwenden, und er ist meines Wissens wesentlich älter als die nationalsozialistische Rassenlehre, der er beim Thema Ableismus zugeschrieben wird. Das ist ein ganz, ganz schwieriges Thema für mich - weil ich persönlich kein Problem mit dem Begriff in Geschichten habe, aber eben nun weiß, dass es doch auch nicht wenige Leute gibt, die das völlig anders sehen. In der Medizin und der Psychologie ist der Begriff heute ein No-Go. Aus meiner persönlichen Sicht spricht also nichts dagegen, ihn in einer anderen frühen Bedeutung zu verwenden: Im Lateinischen steht »Idiot« zum Beispiel für »Pfuscher« oder »Stümper«.

      Es nicht JEDEM recht machen zu können - ja, das trifft es sehr gut, finde ich. Denn selbst wenn man nahezu jeden kritischen Begriff umschifft - irgendetwas bleibt sicher dennoch, das dann wieder jemand als problematisch empfinden könnte. Insofern finde ich deinen Ansatz vom Anfang wirklich gut - einfach so sprechen und schreiben, wie man es in Bezug auf sich selbst auch okay findet.

      »Du sagst ja oft, dass die Figuren in deinem Kopf tatsächlich leben und existieren. Wieso also denen den Mund verbieten? Schreiben soll dich mit Freude erfüllen. Wenn du aber bei jedem zweiten Satz ne halbe Stunde nach einer möglichst unkritischen Formulierung suchst, schränkst du dich selbst ein und empfindest das Schreiben wohl eher als Last, als als Freude.«

      Das kommt noch dazu, ja. Schreiben macht (mir) im Grunde nur Spaß, wenn die Figuren lebendig wirken - und kaum eine Figur, die spannend zu schreiben ist, besitzt einen völlig korrekten Wortschatz und sagt immer nur das Richtige. Daher - ja, ich seh das so wie du. :) Was ich in Bezug auf Ableismus ändern kann, ohne die Lebendigkeit meiner Charaktere einzuschränken, möchte ich auch ändern und da wirklich achtsamer werden, vieles kann ja wirklich problemlos ausgetauscht werden - aber zurechtschleifen möchte ich sie nicht.

      Die Idee mit dem Vorwort (oder ggf. auch Nachwort) behalt ich mir mal im Hinterkopf und spreche mich mit Lexi ab, vielen Dank! :)

      Ich wünsch dir ein schönes Wochenende! :)

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