Montag, 23. Mai 2016

Differenzieren und hinterfragen

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Ich möchte gern noch einmal Bezug auf meinen Post »Weil ich lernen möchte« nehmen. Darin schrieb ich unter anderem:

In letzter Zeit fallen mir vermehrt Aktivist_innen auf, die zwar laut nach Barrierefreiheit und Gleichberechtigung schreien, die aber selbst in einem Ton sprechen/schreiben, dass mir ganz anders dabei wird. Übergriffig. Aggressiv. Respektlos. Teils beleidigend. Und solche Menschen möchten für Toleranz stehen? Das verstehe ich nicht. Das ist für mich genauso problematisch wie Gewalt von politisch Linksradikalen, die sich als besser wahrnimmt und inszeniert als die Gewalt der Rechtsradikalen. Aber man kann meiner Meinung nach nicht gegen Gewalt sein, wenn man selbst Gewalt ausübt. Und man kann nicht ernsthaft gegen Diskriminierung sein, wenn man selbst Übergriffigkeit, Aggression und Beleidigungen im Kampf für die eigenen Ziele anwendet.

Ich möchte »Gewalt von politisch Linksradikalen« gern etwas spezifizieren. Hiermit meinte ich insbesondere Gewalt gegen Unbeteiligte, wie Lexi sie beispielsweise in diesem Post beschrieben hat. Sinnlose Gewalt, Gewalt um des Radaumachens willen – denn auch die gibt es leider. Auch von links. Was ich damit ausdrücklich NICHT meinte, war, dass rechte Gewalt von links nach dem Motto »Halte auch die andere Wange hin« hingenommen werden soll. Dass geschwiegen werden soll, wie es die Mehrheit leider immer noch tut. Widerständische Bewegungen, die sich gegen rechts engagieren, werden immer wieder in Situationen kommen, in denen sie sich radikalisieren müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das ist tragisch. Das ist das Gegenteil dessen, was ich mir eigentlich wünsche. Das macht es aber nicht weniger wahr. Und das zu leugnen, wäre Ausdruck einer Doppelmoral. Ich kann nicht gegen Gewalt sein, aber der Gewalt unbeteiligt zusehen. Wenn mein Aktivismus aber Bahnen einschlägt, die wiederum Unbeteiligte schädigen, stehe ich mit jenen auf einer Stufe, gegen die ich mich doch eigentlich richten möchte. Die Grenzen sind verschwommen, ein Patentrezept gibt es nicht, und mir ist in vollem Umfang bewusst, wie schwierig dieses Thema ist. Das Hinnehmen rechter Gewalt kann allerdings keine (gute) Lösung sein. Angesichts der derzeitigen politischen Lage hier und besonders auch in Österreich würde ich mir wünschen, dass alle großen TV-Sender vor jeder Sendung fünf Minuten Bildmaterial aus dem Zweiten Weltkrieg zeigen. Zu viele von uns scheinen vergessen zu haben, dass wir all das schon einmal erlebt haben. Andere wiederum scheinen zu begrüßen, dass sich die Geschichte gerade wiederholt. Und dann gibt es noch jene, die durchaus merken, was passiert, die aber eben bequem schweigen.

Eine für mich sehr treffende Tweetkette von Claudius Holler zum Thema findet ihr hier: Klick!

Ganz ähnlich empfinde ich bezüglich Aktivismus für die Gleichberechtigung und Menschenrechte Behinderter. Mitte 2015 ging zum Beispiel ein enormer Aufschrei durchs Netz, weil die Journalistin Monica Lierhaus es wagte, öffentlich zu sagen, dass sie die Operation bedauert, die zwar ihr Leben verlängert, ihr aber zugleich auch ein Leben mit einer schweren Behinderung eingebracht hat. Wohlgemerkt: Sie sprach von sich, und nur von sich. Dennoch empörte sich eine gigantische Menschengruppe über Frau Lierhaus und fühlte sich von ihr herabgesetzt. Frau Lierhaus wurde öffentlich in einem Maße angegriffen, das mir Übelkeit verursacht hat. Von Menschen, die angeblich Aktivismus für Inklusion betreiben. FÜR Menschen mit Behinderung. Einen behinderten Menschen, der ohnehin schon mit seinem Leben hadert, derart anzugehen, widerspricht diesem Ziel meiner Meinung nach.

Die Aufregung um Monica Lierhaus hat sich längst gelegt, doch das Thema an sich bleibt aktuell. Den besten Post zu diesem Thema, den ich persönlich kenne, findet ihr auf dem Blog »Kuka – behindert und gut dabei | Aus dem Leben einer tauben Katze«: Klick!

Er sagt alles aus, was ich niemals in bessere Worte fassen könnte, weshalb ich ihn euch einfach verlinke, statt mich noch weiter aufzuregen. Diese verurteilende Art von Aktivismus kann ich nicht ernst nehmen – nicht im positiven Sinne. Georg sieht das ebenso, und anders als meine ist seine Behinderung extrem gravierend und einschränkend – »keine Ahnung vom Thema« kann uns also keiner vorwerfen.

Wer verurteilt, ohne zu differenzieren, wer Gewalt kritisiert, sie aber selbst munter gegen Unbeteiligte anwendet, steht für uns für vieles – aber nicht für einen Aktivismus, der unterstützt werden sollte.

Es ist unendlich wichtig, zu differenzieren. Selbst nachzudenken, zu hinterfragen. Das gilt für uns auch ganz besonders beim Thema Begrifflichkeiten. Nicht jeder, der (oft auch aus Unwissenheit) mal ein ableistisches Wort benutzt, ist behindertenfeindlich. Die Absicht sollte geprüft werden, nicht nur der Ausdruck. Und wenn die Absicht keine feindliche war, gibt es die Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen. Keine Garantie, die gibt es niemals, aber eine Chance.

Es ist auch nicht jeder behindertenfeindlich, der Georg auf der Straße seltsam anstarrt oder betreten wegschaut. Nicht jedwedes verletzende Verhalten hat einen feindseligen Hintergrund. Das macht es nicht angenehmer, klar. Es bleibt trotzdem ätzend. Aber es hilft, zu differenzieren, sich nicht sofort von allem und jedem angegriffen zu fühlen. Und damit hilft man ganz besonders auch sich selbst. Leider vergisst man das zu häufig – da nehme ich mich selbst nicht aus.

Kommentare:

  1. Hey Alex,

    ich habe auch schon deinen anderen Post dazu gelesen und kann dir wirklich nur zustimmen. (Ich kann das so gar nicht in Worte fassen, da stoße ich an meine Grenzen des Möglichen, leide unter akuter Wortlosigkeit.) Ich finde auch, dass man differenzieren sollte und nicht nur des Angreifens wegen angreifen sollte. Ich folge auf Twitter zbsp. immer mal vielversprechenden feministischen Accounts, manche davon entpuppen sich jedoch als wahre Nein-Sager. Die auf intolerante Weise von Toleranz predigen, von Gleichsetzung, von vielen Dingen, denen ich auch zustimme, aber selbst wenn man ihnen zustimmt, sind diese Menschen auf Krawall gebürstet und gehen selbst ihre Unterstützer an, denn niemand kann es anscheinend richtig machen, außer jene. Das sind natürlich nur ganz wenige Leute, die das machen, es ist nicht so, als könnte man da (oder irgendwo) alle über einen Kamm scheren, aber mich erschreckt das immer sehr. Ich sehe alles, was pauschalisiert, als kritisch an (pauschalisierte sie), fühle mich da manchmal aber selbst als Unterstützer und als Mensch, der ebenso dazulernen und sich bessern und sich für solche Dinge sensibilisieren möchte, angegriffen. Auch wenn es natürlich nicht gegen mich gemeint ist, aber seine eigenen "Leute" noch als "undifferenziert" und "Nachplapperer" zu beschimpfen, bringt letzten Endes nichts außer eine Fütterung des Hasses. Ich finde das ganz, ganz schwierig und immer sehr schwer, den richtigen Weg zu finden, mit so was umzugehen. (Also für mich ist es jedenfalls schwer.) Ich merke auch immer wieder, wie ich meine Begriffbenutzung überdenke und das ist auch gut, aber vieles geschieht auch aus Unwissen heraus. Ich habe auch bemerkt, dass diejenigen, die sich wirklich bemühen, gerne mal genauso angegangen über einen Kamm geschoren werden wie jene, die sich gar nicht drum scheren. Was voraussetzt, dass man mir (oder eben Menschen wie mir) nicht zutraut, sich zu bessern oder auch weiterzulernen. Für mich ist das Hetze und da möchte ich nicht mitmachen, ob das von links, von rechts oder (wie meist) aus der Mitte der Gesellschaft kommt, hat für mich auch nichts damit zu tun.

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    1. Liebe Juls,

      danke, danke, danke für deinen ausführlichen Kommentar. Und ich kann eigentlich nur jeden Satz so unterschreiben. Auch für mich habe ich noch keinen klaren Weg gefunden, mit all diesen Fällen umzugehen - aber ganz wichtig finde ich, sich dessen bewusst zu sein und, genau wie du sagst, bei aggressiver Hetze nicht mitzumachen. Wirklich, danke für deine Worte. <3

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  2. Hab endlich mal wieder ein paar Blogposts aufgehört - ich bin total weit hinterher, ich weiß. Aber ich fand den hier sehr sehr gut. Danke. <3

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