Montag, 18. April 2016

Wo ich Tick zum ersten Mal traf

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Hallo und willkommen zum nächsten »Frei wie verkrüppelte Tauben«-Post! Die erste Station unserer sentimentalen Reise führt euch an einen Ort, der lange Zeit einer von wenigen war, die ich von der Stadt Ulm wirklich gut kannte: den Hauptbahnhof. Außerdem gibt es ein neues Zitat aus dem Roman, das auch schon auf dem Twitter-Account und der Facebook-Seite des Ka&Jott Verlags zu lesen ist.

Tick und ich kennen uns nun schon seit über zwölf Jahren. Oder besser: Ich kenne die erste vage Vorahnung von Ticks heutiger Persönlichkeit schon seit über zwölf Jahren. Doch während ich älter wurde und als Mensch und Autorin wuchs, blieb Tick immer achtzehn, bis seine Geschichte ihre absolut endgültige Form erreicht hatte. »Frei wie verkrüppelte Tauben« spielt im Jahr 2015 – mit der Veröffentlichung des Buches darf Tick in meinem Kopf also endlich älter werden, und ich hoffe, ihr werdet ihn mögen und ihm auch in euren Köpfen einen Platz zugestehen. :)

Tick ist ein Punk. Ein teils recht klischeehafter Punk mit orange gefärbten Stachelhaaren, Lippenpiercing, diversen Ramones-Shirts und einem ungesunden Hang zum Alkohol, teils aber auch einer, der keiner festen Ideologie hinterherläuft, der die Dinge hinterfragt und differenzieren kann. Vor Beginn der Handlung von »Frei wie verkrüppelte Tauben« war Tick ein typisches »Bahnhofskind«. Er hing regelmäßig mit Romy (vor ihrem Coming-out Roman) und anderen Freunden am Bahnhof rum, betrank sich, führte krude Diskussionen und ging erst spät nach Hause. Ein Zuhause, das hatte Tick allerdings immer, auch wenn man das Kinder- und Jugendheim, in dem er größtenteils aufwuchs, nicht mit der Sicherheit einer fürsorglichen Familie gleichsetzen kann. Er war nie obdachlos, und obwohl er nach Abschluss der Hauptschule keine Lehrstelle gefunden hat, hat er sich einen Job gesucht und ist berufstätig.

Wir sind uns nicht unähnlich, Tick und ich. Er ist zwar ein gutes Stück melodramatischer als ich, aber als er am Ulmer Hauptbahnhof erstmals in meinen Kopf stolperte, vage umrissen und noch ohne unumstößliche Gestalt, musste ich ihn einfach mögen und mit mir nehmen. Allerdings begann ich erst 2009 damit, ernsthaft an »Frei wie verkrüppelte Tauben« zu schreiben. Zuvor gab es nur kurz skizzierte Szenen, die aber allesamt ihren Platz in der endgültigen Version des Romans gefunden haben. (Versionen gab es insgesamt fünf, die Grundhandlung zwischen Tick und Romy blieb aber in allen immer bestehen.)

Der Ulmer Hauptbahnhof war werktags mein täglicher Anlaufpunkt zur Zeit meiner schulischen Ausbildung zur Erzieherin. Viel mehr als den Bahnhof, meinen Schulweg und die Innenstadt kannte ich damals nicht von Ulm, und ich kann verraten, dass auch ich dort ab und zu ein wenig mehr gemacht habe als auf Züge zu warten. (Ähm, Georg meint, das klänge missverständlich. Okay, ja, er hat recht. Also: Ich spreche von billigem Alkohol und kruden Diskussionen!)

Später, im Rahmen der Ausbildung zu Bürokaufleuten, die Georg und ich von 2006 bis 2009 zusammen absolvierten, wurden der Bahnhof und seine Umgebung aber auch zu einem gemeinsamen Platz von uns beiden. Denn Anfang 2007, als wir gerade frisch zusammengekommen waren, hatten wir sonst keinen Ort, an dem wir uns zu zweit aufhalten konnten, ohne irgendwen zu stören.

Über unseren allerliebsten gemeinsamen Ort in Bahnhofsnähe hat Georg im Dezember 2012 bereits inklusive Foto gebloggt:


Und hier gibt es nun noch ein paar Fotos vom letzten Mittwoch, die wir extra für diese Reise gemacht haben und die verschiedene Schauplätze von »Frei wie verkrüppelte Tauben« in Bahnhofsnähe zeigen:

Blick auf den Hauptbahnhof von der Ulmer Olgastraße aus.

Blick auf die Straßenbahnhaltestelle Hauptbahnhof.

Ein uraltes, klappriges Damenrad vor dem Hauptbahnhof – ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht, ob Tick inzwischen ein Fahrrad hat, das spielte für den Roman nie eine Rolle; aber falls ja, dann in etwa so eines. Dass das alte Rad sorgfältig abgeschlossen an einem Fahrradständer steht, passt aber gut zu ihm, er ist (wenn er nicht gerade einen cholerischen Ausraster hat) sehr umsichtig mit seinem Hab und Gut. :D

Die Stufen zum Hauptbahnhof, links davon gibt es einen Burger King. Vor diesem hat Tick als Teenager einen Menschen kennengelernt, der ihm auf lange Sicht nicht guttat, während Georg und ich im Inneren des Ladens schon viele Milchshakes zusammen getrunken haben. Einmal, das muss Ende 2006 gewesen sein, hat Georg es ernsthaft gebracht, selbstgebackene Linzertorte von seiner Oma mit in den Burger King zu nehmen, die wir dann dort heimlich zu unseren Milchshakes gegessen haben. Wir fielen nicht annähernd auf, weil zur selben Zeit eine offenbar geistig verwirrte alte Dame mit einem Putzlappen (!) durch das Schnellrestaurant stürmte, lautstark »Dia Drecksei!« (schwäbisch für »Diese Drecksäue!«) brüllte und die zugegebenermaßen recht schmutzigen Tische abwischte. Wir wissen leider gar nicht mehr, wie das ausging – es war auch ein alter Herr dabei, der sie irgendwann dann wohl rausgebracht hat.

Seitlicher Blick auf die Bahnhofsunterführung, die in die Einkaufspassage führt.

Die Stufen (plus Rolltreppe) zur Bahnhofsunterführung.
Hierher flüchtet Tick sich im Roman einmal in einem Moment voller Selbsthass und Ratlosigkeit.

Blick auf das Theater Ulm – hier hat eine Figur aus »Frei wie verkrüppelte Tauben« früher gespielt, die keinen
einzigen persönlichen Auftritt hat, aber dennoch mitverantwortlich für die Handlung der Geschichte ist.

Ein Werbeschild am Theater mit der Aufschrift »VÖGEL!«
(bezieht sich auf den Ballettklassiker »Schwanensee«) – passt perfekt!

Eine alte Telefonzelle in Bahnhofsnähe – zu Ticks und Romys liebsten
gemeinsamen Hobbys gehören nämlich ausführliche Scherzanrufe.

Das Innenleben der Telefonzelle mit Kartenschlitz und Münzeinwurf.

Und hier folgt natürlich noch das Zitat, welches den zentralen Konflikt zwischen Tick und Romy aufzeigt – den barrierefreien Text gibt es wie bei den Fotos jetzt als direkte Bildunterschrift:

Der Text, wie immer auf weißem Hintergrund mit bunten Tropfen:

Romy verwandelt sich. Seit über einem Jahr. Früher hieß Romy Roman und war seit dem Kindergarten Ticks bester Freund. Na ja, sein bester Freund ist er immer noch. Nur dass er jetzt in Frauenklamotten rumläuft und massig Enthaarungscreme benutzt. […]
Ziemliche Scheiße, das alles. Für Tick ist Romy nach wie vor ein Er, keine Sie. Aber das kann er Romy nicht sagen. Wie auch? Du kannst nicht auf Demos gegen Diskriminierung mobilmachen und dann deinem besten Freund vor den Latz knallen, dass er deiner Meinung nach für alle Ewigkeit ein Mann bleiben soll, obwohl er der festen Überzeugung ist, transsexuell zu sein – oder transident, das Wort mag Romy lieber. Weil er kein besonderes Sexualverhalten hat, sondern eine besondere Identität, sagt er.

ALEXANDRA DICHTLER – FREI WIE VERKRÜPPELTE TAUBEN

www.kj-verlag.de

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