Donnerstag, 7. April 2016

Wir kommen nicht wieder

GD

Heute hatten wir nach zwei anderen Terminen auch einen Friseurtermin, und für uns persönlich wurde er zu einem Friseurbesuch des Grauens, der mit dem Entschluss endete, dass wir diesen Salon niemals wieder besuchen werden.

Der Grund waren braune Äußerungen vom Feinsten, die zwischen der dienstältesten Friseurin (Typ Barbie und um die vierzig Jahre alt, sicher sind wir uns da aber nicht) und einer schätzungsweise etwas jüngeren Kundin (ähnlicher Typ, aber fülliger) pingpongartig hin und her geschossen wurden, was die anderen anwesenden Angestellten des Salons stillschweigend hinnahmen. Der Vorfall entgleiste, als schließlich Alex die beiden unterbrach und ihren Äußerungen widersprach.

Unter anderem gab es von den zwei Frauen …

- Kritik daran, dass Geflüchteten Psychologen zugestanden werden – »das ist doch unser Geld.« Genau, es ist euer Geld, weil ihr das große Glück hattet, in einem privilegierten Land geboren zu werden. Euer Verdienst ist das allerdings nicht.

- die Aussage, dass man die Geflüchteten, die kürzlich auf einen Turm stiegen, um gegen ihre Unterbringung zu protestieren, lieber hätte abstürzen lassen sollen, anstatt sie von dort herunterzuholen.

- Beschwerden darüber, dass viele Geflüchtete hier Fahrräder besitzen und auf diesen durch die Stadt fahren (!!!) – »wer zahlt denen das und wer zahlt es uns, falls DIE einen Unfall bauen?« Es ging dann noch weiter, dass sie ja auf ihren Kosten sitzenblieben, sollte ihnen ein Geflüchteter mit dem Fahrrad ins Auto fahren. (Persönliche Meinung: Falls heute noch irgendjemand eine Versicherung hat, die nicht einspringt, wenn ein Unversicherter ihm_ihr Schaden zufügt, ist er_sie selber schuld.) Es ging dann noch weiter damit, dass in diesem Fall ja der Staat einspringen müsse, und wieder: »Das ist doch unser Geld.«

- die mehrfache Frage, ob DIE eigentlich ein Hotel erwarten, wenn sie die karge und unhygienische Unterbringung kritisieren. (Darüber, was für eine begrenzte Zeit zumutbar ist und was nicht, kann man natürlich streiten. Fakt ist aber dennoch, dass die Unterbringung vielerorts katastrophal ist und kaum ein Deutscher eine solche Unterbringung geduldig hinnehmen würde.)

- die Beschwerde, man dürfe so etwas ja nicht mehr frei sagen, ohne in die Nazi-Ecke abgeschoben zu werden (welch Wunder, wenn man Menschen abstürzen lassen will und sich bei einem Unfallszenario als Allererstes darum sorgt, wer einem den Schaden zahlt). Aussage der Friseurin: »Aber 95% aller Deutschen denken so wie wir.«

Hier unterbrach Alex das »Gespräch« und sagte, dass sie ganz sicher nicht so denke und es bei derartigen Äußerungen kein Wunder sei, dass Menschen für rechts gehalten werden, weil das rechtes Gedankengut IST und nichts anderes.

Daraufhin meinte die Kundin abfällig: »Das hab ich mir gedacht.«

Alex: »Was haben Sie sich gedacht?«

Die Kundin: »Dass Sie das nicht so sehen.«

Alex: »So? Woran haben Sie das denn erkannt?«

Die Kundin zögerte merklich, sagte nicht sofort etwas.

Alex etwas provokativ: »Sieht man mir vielleicht an, dass ich selbst aus einer Flüchtlingsfamilie komme?«

Dann fiel der Satz, der uns beide am meisten schockiert hat. Die Kundin druckste erst wieder etwas herum und meinte dann: »Das sieht man einfach, so sozial.«

Alex: »Ach, dann sehen Sie mir meine Meinung an, weil ich einen behinderten Mann habe?«

Dem widersprachen sowohl die Kundin als auch die Friseurin vehement und behaupteten, das sei eine Unterstellung. Gerade diese Vehemenz sprach meinem Empfinden nach aber für sich, und ebenso die Tatsache, dass »sozial« hier einen eindeutig negativ besetzten Geschmack bekam.

Letztlich behaupteten die Kundin und die Friseurin, sie hätten Alex’ Meinung über ihre Aussagen »an ihrem Gesichtsausdruck« erkannt. Alex wiederum sagte, dass eine weitere Diskussion wohl zwecklos sei. Zu der sie behandelnden Friseurin sagte sie zum Schluss, dass sie die Haare nicht geföhnt haben und nicht mehr länger als nötig im Salon bleiben wolle. Also gingen wir. Und wir kommen nicht wieder. (Und ich glaube es fast nicht, dass ich nach diesem Tag noch diesen Eintrag geschafft habe, aber das musste einfach sein.)

Kommentare:

  1. *verharrt in sprachlosem Erstaunen*
    Das ... nein. Einfach nur nein.

    Erschreckend an solchen Äußerungen ist für mich auch immer, dass sie von Menschen kommen, von denen man es nicht erwartet hatte. Gerade im Kollegenkreis gibt es Menschen, die eigentlich nett sind - aber dann kommen so komische Äußerungen (nicht so krass wie hier, aber meh). In den Fällen, die ich dahingehend erlebt hab, kam auf die ein oder andere Argumentation wenigstens kein Widerspruch, sondern "Ich weiß auch nicht"-Schweigen.

    Aber es ist echt zum Kotzen.

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    1. Was mir heute am meisten nachhängt, ist die Sache mit den Fahrrädern. Wie missgünstig und unverständig kann man sein? Es klang für mich so und war wahrscheinlich auch so gemeint, als wäre in Wirklichkeit gesagt worden, dass man die Geflüchteten doch bitte wegsperren soll, damit die blondierten Wohlstandsklopse ihren Anblick nicht ertragen müssen.

      Ich hätte dort gern auch etwas zu dem Ganzen gesagt, aber das Gespräch war für mich viel zu schnell.

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  2. Krass! Mich haben diese Äußerungen dermaßen überrascht, dass ich grade erstmal lachen musste - vor Ungläubigkeit...
    Das ist echt traurig, dass es wirklich solche Menschen gibt, die so unfassbar eingeschränkt in ihrer Gedankenwelt sind^^ =/
    Aber ich finds super das Alex ihnen widersprochen hat, vll gibt es so ein paar Leute in dem Laden, die dadurch zum Denken angeregt werden, oder vll sogar den Mut fassen, bei solchen Situationen auch einzuhaken.
    Mich jedenfalls hat das darin bestärkt, in solchen Fällen auch den Mund aufzumachen und mutig zu sein! =)

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    1. Ich glaube, das kann ich verstehen, denn wäre ich nicht anwesend gewesen, hätte ich nicht glauben können, dass in diesem Salon, in dem wir seit Jahren Kunden sind, so eine Stimmung herrschen könnte.

      Außer uns und der anderen Kundin waren leider nur die zwei anderen Angestellten da, die nichts gesagt haben. Das war für mich einfach unglaublich, und mit das Schlimmste war für mich, dass das Gespräch so schnell war, dass ich selbst nichts dazu sagen konnte.

      Aber es freut mich sehr, dass dich das Ganze bestärken konnte! :-)

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  3. Uff.
    Ich bin gerade ziemlich fassungslos. Und sehr, sehr, SEHR wütend. ._.

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