Freitag, 29. April 2016

Schaukeln, saufen und überleben

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Nahe der Ulmer Karlstraße liegt der Karlsplatz. Dabei handelt es sich um einen kleinen Park, der einen merkwürdigen Mix aus Kinderspielplatz, Naherholungsraum und Trinkertreffpunkt in sich vereint. Es gibt einen Wasserlauf, zahlreiche Spielgeräte (unter anderem ein großes Piratenschiff inmitten eines riesigen Sandkastens), zwei Gartenschachfelder und jede Menge Grün. Im Frühjahr 2007, als Georg und ich noch nicht lange zusammenwohnten, hat sogar ein Entenpärchen seine Küken im Wasserlauf auf dem Karlsplatz großgezogen, die wir täglich bestaunen konnten.

Ein Dorn im Auge ist einigen Anwohnern dagegen die kleine Laube auf dem Karlsplatz, die seit Jahren als täglicher Treffpunkt für Trinker dient. Seit 2014 gab es vermehrt auch Aufregung um Fixer und ihre weggeworfenen Spritzen. Manche Anwohner fühlen sich bedroht durch die Trinker, deren Hunde und natürlich die Fixer, und gemessen daran, dass sich im Park auch täglich Kinder aufhalten, können Georg und ich besonders den letzten Punkt natürlich verstehen. Weggeworfene Heroinspritzen auf einem Kinderspielplatz sind wirklich nicht das, was man als »sicher« bezeichnen kann.

Was wir in unseren zweieinhalb Jahren als Anwohner so gar nicht teilen konnten, war die teilweise Aussage, von den Trinkern und ihren Tieren ginge irgendeine Gefahr aus. Ehrlich nicht. Man kann diesen Treffpunkt aus anderen Gründen kritisch sehen, aber wir haben uns bei Regen oft in dieser Laube untergestellt und sind kein einziges Mal auch nur dumm angestarrt oder gar angepöbelt worden – anders als von den Normalos auf dem Spielplatz, die Georg traditionsgemäß blöd begafften. Auch die Hunde, die teils mit unter der Laube waren, blieben bei ihren Besitzern; keiner der Anwesenden hatte irgendein Interesse, andere Nutzer des Parks auch nur anzusprechen.

Das ist unsere Erfahrung. Dass im Park ein Kommen und Gehen herrscht, dass es immer mal wieder auch Leute anderer Gesinnung geben wird, ist klar.

Georg und ich verbinden so viele persönliche Erinnerungen mit dem Karlsplatz, dass es mir unmöglich ist, in einem einzigen Eintrag alle ausführlich zu erzählen. Einmal erlebten wir dort auf dem Heimweg von der Berufsschule den unglaublichsten herbstlichen Blätterregen, den wir jemals gesehen haben. Sonnenschein, blauer Himmel, heftiger Wind und all diese wirbelnden Blätter in allen denkbaren Gelb-, Orange- und Rottönen – das werden wir niemals vergessen, und ich habe mich an diesem Tag richtig gefreut, dass ich zu Hause angekommen bemerkte, noch mal loszumüssen, um einen vergessenen Brief in den Briefkasten auf dem Karlsplatz zu werfen.

Viele Male saßen wir einfach nur auf irgendeiner Bank in der Sonne, manchmal zum Lernen, manchmal aber auch nur so. Einmal kamen wir vom Einkaufen, haben dort eine Pause gemacht und Schokoladeneier mit Nougatfüllung gegessen. Das ist so eine ganz lapidare Erinnerung, die trotzdem total lebendig ist.

Einmal fanden wir eine tote Ente auf dem Karlsplatz. Sie sah nicht so aus, als wäre sie auf natürliche Weise gestorben, und als hätten die anderen Enten ein Vorzeichen darin gesehen, gab es im Folgejahr dort keine Entenküken mehr.

Die bedeutsamste Erinnerung ist aber wohl die, wie Georg mir im Herbst 2006 auf einer Bank in diesem Park anvertraute, dass ihm ein Arzt auf seine direkte Nachfrage gesagt hatte, dass er ihm keine nennenswert über Mitte 20 reichende Lebenserwartung »versprechen« könne. Und das war der Moment, in dem mir klarwurde, dass Georg der ehrlichste und loyalste Mensch war, der mir je begegnet war. Denn das war die Zeit, in der wir einander erst näher kennenlernten – und erfahrungsgemäß sind die meisten Menschen nach so einer Aussage ganz schnell weg. Diese Möglichkeit wollte er mir geben: zu entscheiden, ob ich ihn trotzdem kennenlernen will. (Und er hat es dieser Vermutung so was von gezeigt. Okay, SO alt ist man mit 30 nun nicht, aber trotzdem.)

Nicht zuletzt befindet sich in unmittelbarer Karlsplatz-Nähe auch das bengalische Restaurant Anondo, in dem wir 2008 unsere Hochzeit gefeiert haben. Geht unbedingt dorthin, falls ihr jemals nach Ulm kommt! Ihr müsst!

In »Frei wie verkrüppelte Tauben« spielt der Karlsplatz als Schauplatz eine wichtige Rolle, weil er für Tick ein zuverlässiger Rückzugsort ist. Keiner, der ihm körperlich besonders gut bekommt, aber na ja – er ist Tick. *hust*

Der Karlsplatz in Bildern:

Blick ins Frühlingsgrün, links im Hintergrund die Laube.
 
Blick Richtung Wasserlauf und Spielplatz.

Der Briefkasten auf dem Karlsplatz.

Rückansicht von Georg im Rolli auf dem Fahrradweg durch den Karlsplatz. *hust*
Links im Hintergrund die Laube, rechts der Wasserlauf.

Blick auf die Laube und die öffentliche Toilette.

Blick auf den Gehweg durch den Karlsplatz.

Das Piratenschiff, darauf der Schriftzug »Karlsplatz-Piraten«.

Die Schachfelder und -tische auf dem Karlsplatz.

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