Mittwoch, 27. April 2016

Liebevoll und mitreißend: »Eisprinz und Herzbube« von Elena Losian

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Heute habe ich mal wieder eine Buchempfehlung für euch. Zumindest für diejenigen von euch, denen »Sein Artist« und »Codewort: Puls« gefallen haben und die das Genre Gay Romance auch insgesamt mögen.

Ein kurzer Vorabblick auf die Protagonisten:

Emilio ist fünfzehn und ein Hitzkopf ohnegleichen. Nicholas ist siebzehn und wirkt nach außen wie ein formvollendeter Schnösel und Alleskönner. Durch Missverständnisse und Kommunikationsprobleme geraten die beiden immer wieder aneinander – dabei haben sie mehr gemeinsam, als sie ahnen.

Der Roman »Eisprinz und Herzbube« von Elena Losian ist in der Polygon Noir Edition des MAIN Verlags erschienen und wird vom Verlag als Jugendbuch bezeichnet. Dazu, warum ich diese Einordnung nicht ganz teilen kann, komme ich später noch. Die Polygon Noir Edition insgesamt steht für »Gay Jugendbücher und New Adult«, und damit ist zumindest die Richtung schon mal passend, denn »Eisprinz und Herzbube« ist unter anderem auch ein Selbstfindungs- und Coming-out-Roman.

Losians Hauptcharaktere Emilio und Nicholas haben mich verzaubert. Was auf den ersten Blick wie eine eher oberflächliche, süße Gay Romance wirkt (und »süße Gay Romance« trifft es auf jeden Fall), entpuppt sich nach und nach als hochsensibles Porträt zweier Jungen, die in mehr als nur komplizierten Verhältnissen leben.

Achtung, leichte Spoiler:

Emilios Mutter, im Teenageralter schwanger geworden, wollte ihr Kind nicht haben und hat sich kurz nach seiner Geburt aus dem Staub gemacht. Aufgewachsen ist Emilio deshalb bei seinem Vater Julian – und dessen Lebensgefährten Phil. Mit Unterstützung ihrer Familien haben die beiden selbst noch sehr jungen Männer den Kleinen behalten und großgezogen, doch um die Umstände seiner Zeugung in totaler Zugedröhntheit und die Ablehnung von Emilios Mutter leider immer ein großes Geheimnis gemacht. Sie haben es gut gemeint und waren selbst überfordert, Emilio machen die Heimlichkeiten aber spätestens zu dem Zeitpunkt schwer zu schaffen, als seine Mutter plötzlich beschließt, ihn kennenlernen zu wollen, und seine beiden Väter darüber unterschiedlicher Meinung sind und sich zerstreiten.

Auch Nicholas’ Familie ist weit davon entfernt, heil zu sein. Seit dem Tod seiner kleinen Schwester hat seine Mutter schwerste psychische Probleme, die ihren Höhepunkt erreicht haben, als sie das Geschehene verdrängt und mehr und mehr aufhört, ihre Umwelt wahrzunehmen, ja sogar zum Teil ihren Sohn Nicholas gar nicht mehr wiedererkennt. Hier ist Losian so weise, der psychisch schwerkranken Frau keine namentlich benannte Diagnose aufzudrücken. Das Dunkel, das den genauen Verlauf der Erkrankung teils umgibt, macht sie glaubwürdig, während zu detaillierte Informationen womöglich für Risse gesorgt hätten. Nicholas in jedem Fall trägt eine Verantwortung, die zu schwer für sein Alter ist. Sein überforderter Vater stützt sich auf ihn, sein älterer Bruder ist ausgezogen, und Nicholas’ immerwährende Bemühungen, etwas zu leisten, sich zu beweisen, gesehen zu werden, bringen ihm zwar an der Schule Respekt und die Position als Schulsprecher ein, doch in seiner Familie ist er weiterhin nur derjenige, der übersehen wird, sich aber kümmern soll.

Emilio und Nicholas prallen mehrfach aufeinander, weil sie gemeinsam im Fußball-Team der Schule sind, und geraten fast permanent in Streit. Emilio wurde, seit er denken kann, wegen seiner schwulen Eltern gehänselt und hat nahezu panische Angst davor, ebenfalls »schwul zu werden« – Nicholas dagegen ist bekennender Homosexueller und versteht Emilios merkwürdige Reaktionen auf ihn vollkommen falsch, während Emilio Nicholas als arroganten Angeber verkennt.

Als die beiden sich einmal mehr zornentbrannt gegenüberstehen, kommt es zu einem überraschenden Kuss zwischen ihnen, der provokativ von Nicholas ausgeht. Ab diesem Zeitpunkt erleben beide eine Achterbahnfahrt der Gefühle, fassen aber in all dem Chaos dennoch zögerlich Vertrauen zueinander. Auch für ihre familiären Probleme scheinen sich Lösungen anzubahnen.

All das klingt nach einem dichten, tiefgründigen Jugendbuch – und in Bezug auf diesen Handlungsstrang und die jugendlichen Charaktere ist es das auch. Wie schon gesagt, Milo und Nick haben mich verzaubert. Losian beschreibt diese beiden Jungs SO glaubwürdig, lässt den Leser SO nah an sie heran – ich musste sie einfach lieben und mit ihnen bangen. Und zum Schmunzeln bringt mich im Nachhinein, dass Nick, der mir anfangs tatsächlich sehr schnöselig vorkam, sich zu meinem absoluten Lieblingscharakter des Buches entwickelt hat. Durch seine fragwürdige Rolle in seiner Familie konnte ich ihn ab einem bestimmten Zeitpunkt unglaublich gut verstehen und er kam mir so nah wie kein anderer Charakter, obwohl ich Milo ebenso liebhabe.

Auch Milos bester Freund Etienne war mir grundsympathisch, genau wie Milos Eltern, ganz besonders der nach außen oft ruppige Phil, der Milo gegenüber der zwar nervigste, anstrengendste, aber auch TOLLSTE Vater ist, den man sich vorstellen kann.

Warum dieses bezaubernde Buch auf Amazon (die Rezi ist dort bereits eingestellt, wird aber irgendwie noch nicht angezeigt) von mir dennoch keine vollen fünf Sterne bekommen hat, ist zum einen der oben schon angesprochene Punkt: Ein Jugendbuch ist der Roman für mich nicht. Nicht wirklich. Klar, Milo und Nick sind fünfzehn und siebzehn, und das Buch ist in Bezug auf sie sehr, sehr glaubwürdig. Aber es gibt auch Verhaltensweisen und Szenen im Roman, die ich als nicht gut genug durchdacht für ein Jugendbuch empfinde.

Einmal zum Beispiel kommt Phil an Julians Stelle zum Rektor, weil Milo mit einem anderen Schüler und ihrem gemeinsamen Fußballtrainer aneinandergeraten ist – und teilt dort erst mal eine kräftige Runde Beleidigungen aus, was vollkommen folgenlos bleibt. Auch wenn ich fluchende Charaktere liebe und Phils Zorn verstehen konnte: Eine solche Szene vor dem Rektor und dem Trainer könnte in der Realität nicht gänzlich folgenlos bleiben. Ich habe Phil gefeiert für sein Ausflippen, aber damit durchzukommen, suggeriert etwas für mich Falsches in einem realistischen Jugendbuch.

Auch ansonsten verhalten sich die Erwachsenen im Roman teils unreifer als die Jugendlichen. Das an sich ist keineswegs unglaubwürdig; es gibt mehr als genug Menschen, die so gravierend als Eltern versagen, obwohl sie es nur gut meinen. Aber all das bleibt weitgehend unreflektiert im Raum stehen, und das finde ich unglaublich schade, denn die Handlung an sich wäre problemlos ab etwa dreizehn Jahren verständlich und empfehlenswert. Als Milo dann doch endlich mal Erklärungen bekommt und Nicks Vater seine Fehler einsieht, geschieht das recht kurz und zusammenfassend, während die beiden jungen Charaktere (Milo mit seinen fünfzehn ist wirklich noch sehr jung) mehrere ausführliche Sexszenen durchleben, die für ein Verständnis der Handlung nicht nötig gewesen wären.

Natürlich, es ist Gay Romance. Und natürlich, da erwarten die meisten Leser, dass es auch mal sexuell zur Sache geht. Aber da hätte der Verlag sich meiner Meinung nach entscheiden müssen: Jugendbuch oder New Adult? Die Grundhandlung: unglaublich toll und anrührend, perfekt für ein Jugendbuch. Die unreflektierten Handlungen und der Sex: für meinen Geschmack zu extrem für ein Jugendbuch.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde auf gar keinen Fall, dass ein Jugendbuch eine heile Pillepalle-Welt zeigen soll. Im Gegenteil, ich fand sämtliche Probleme und Milos und Nicks Kämpfe damit absolut glaubwürdig. Aber ein Buch für Jugendliche herauszugeben und es als solches zu bezeichnen, umfasst auch eine Verantwortung: nämlich die, dass den jungen Lesern die Möglichkeit gegeben wird, das Geschehen wirklich zu erfassen und zu reflektieren. Auch in Bezug auf Etiennes ebenfalls schwierige und sogar von Gewalt geprägte familiäre Lage habe ich mir das oft gedacht.

Da wäre ein gutes Lektorat gefragt gewesen. Denn die für mich unpassenden Szenen waren nicht so gravierend, dass man sie nicht mit einem geübten Auge hätte anpassen können, ohne den Charakter der Geschichte und die eigentliche Handlung zu verändern. Auch stilistisch sind mir einige Schwächen aufgefallen, bei denen ich mich fragte, wer um Himmels willen das lektoriert hat.

Das laste ich aber nicht Losian an, sondern dem Verlag, denn als Autor hat man es oft ziemlich schwer, die eigene Geschichte kritisch zu betrachten. Dafür GIBT es Lektoren, und dieser liebevolle, mitreißende Roman hätte ein besseres Lektorat verdient gehabt, als das, welches ihm letztlich zuteilwurde.

Liebevoll und mitreißend – das sind genau die Adjektive, die ich für »Eisprinz und Herzbube« als am passendsten empfinde. Milo und Nick, Etienne, Milos Eltern – in diesen Charakteren steckt unglaublich viel Herzblut, und das war für mich auf jeder Seite spürbar. Das hatte zur Folge, dass ich spätestens auf den letzten 150 Seiten unglaublich große Angst um die Charaktere hatte – als wären sie Freunde, keine Figuren, wie es mir mit meinen eigenen Charakteren ja auch nahezu immer geht. Und das ist auch der Grund dafür, warum ich dieses Buch absolut empfehle, trotz der unleugbaren Schwächen. Weil es wundervoll ist. Weil die Charaktere lebendig sind, so sehr, dass es mich nicht gewundert hätte, wären sie plötzlich aus dem Buch herausgeklettert und in meine Küche marschiert, um mal zu schauen, was noch so im Kühlschrank ist. Keine Pizza, sorry, Etienne. Wir bestellen welche, wenn du willst.

Ob ein Buch mich mitreißt, steht und fällt mit den Charakteren. Erst kürzlich habe ich einen hochgelobten Roman eines jungen deutschen Autors gelesen, bei dessen Besprechung sich Leser und Kritiker schier überschlagen vor Begeisterung – aber er hat mich nicht tiefergreifend berührt. Obwohl der Stil und die Ausarbeitung des Buches nahezu das Wort »Perfektion« provozieren: Die Figuren blieben für mich austauschbar und beliebig. Standardfiguren: der ewige Grübler, der Nerd, die Lebenshungrige. Da lebte nichts für mich, da waren nur Buchstaben.

Losians Buch dagegen hat bezüglich Stil und Ausarbeitung Schwächen, aber es LEBT. Als bewegten sich da tatsächlich Menschen zwischen den Buchdeckeln, die jederzeit aus dem Buch – Etienne, das ist Zitronenjoghurt, verflucht! Magst du so was überhaupt oder nimmst du mir den jetzt aus Trotz weg, weil du keine Pizza findest?

Und deshalb: Meine Fresse, ich will mehr von Losian lesen! Unbedingt!

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