Montag, 25. April 2016

Aufmerksamkeit

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Romy und Tick sind Menschen, deren Aussehen Aufmerksamkeit erregt. Zu Beginn von »Frei wie verkrüppelte Tauben« befindet sich Romy seit etwas über einem Jahr im Transitionsprozess, also im Wechsel ihres sozialen Geschlechts, und bekommt erst seit kurzer Zeit Hormone. Dass sie eine Frau ist, ganz egal wie sie aussieht, ist für Fremde und selbst für Tick schwer vorstellbar, und so wird sie häufig als »geschminkter Kerl« wahrgenommen:

Der Textausschnitt in barrierefrei:

Dann aber sitzen sie im Bus einer etwa vierzehnjährigen Göre gegenüber, die sie dämlich anglotzt. Okay – eigentlich glotzt sie vor allem Romy dämlich an. Tick sieht vielleicht halbwegs wild aus mit einem Meter fünfundachtzig, dem Lippenpiercing und den stacheligen, orange gefärbten Haaren. Aber ein geschminkter Kerl sorgt definitiv für mehr Aufmerksamkeit.
Romys braune Locken kringeln sich bis auf die Schultern, und seine schwarz umrandeten Augen tun so, als würden sie das Mädchen nicht bemerken. Tja, so ist Tick aber nicht gestrickt.
»Können wir dir irgendwie behilflich sein?«, fragt Tick die Göre.
Die guckt schneller auf den Boden, als er »Kippe« sagen könnte.

Die Szene ereignet sich auf dem Weg zu Ticks Wohnung, die eigentlich nur ein kleines Zimmer mit Dusche, Klo und Küchenzeile ist. Dieses befindet sich im dritten Stock eines großen, grauen Wohnhauses in der Ulmer Karlstraße – und damit in direkter Nachbarschaft zu Georgs und meiner ersten gemeinsamen Wohnung. Von Anfang 2007 bis Sommer 2009 haben wir in der Ulmer Bessererstraße gewohnt; zwei Gehminuten und wir befanden uns in der Karlstraße.

Aufgehalten haben wir uns dort aber so gut wie nie, wir sind die Karlstraße nur ab und an entlanggegangen, wenn wir zum Einkaufen zum Supermarkt Treff 3000 in der Frauenstraße gelaufen sind, oder fuhren mit dem Bus dort entlang, wenn Georg einen Kliniktermin hatte. Oh, und Pizza gekauft hat Georg sich dort auch ab und zu, als er im Rahmen unserer Reha-Ausbildung ein Praktikum beim Deutschen Roten Kreuz gemacht hat. Heute fühlt es sich unfassbar für uns an, dass er damals noch allein zu Fuß unterwegs sein konnte. Es gab auch damals schon relativ häufig Stürze, aber alles in allem kam er klar.

Für Georg war dies jedenfalls seine erste eigene Wohnung, wie das kleine Zimmer Ticks erste eigene Wohnung ist – das Internat in der Ausbildung zählt für Georg ebenso wenig wie für Tick das Kinder- und Jugendheim. Und ähnlich wie Romy und Tick war Georg es auch damals schon gewohnt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, in seinem Fall wegen seiner Geh- und Sprachbehinderung.

Blick auf einige Häuser in der Karlstraße,
ein großes, graues ist auch dabei.

Blick in einen Hof mit Mülltonnen
– ja, die spielen tatsächlich eine Rolle. *gg*

Blick von der Karlstraße Richtung Karlsplatz,
der noch einen eigenen Eintrag bekommen wird.

Blick auf die stark befahrene Karlstraße
– links vorne bei dem hellblauen Haus geht es
in die Bessererstraße, wo Georg und ich wohnten.

Blick in die Bessererstraße
– im zweiten Haus von vorne rechts wohnten wir.
 
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