Mittwoch, 3. Februar 2016

Der Indie-Autor-Preis 2016 – außen vor durch #beHindernisse

Ein Gedankenanstoß

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Seit Wochen denke ich nun schon darüber nach, diesen Eintrag zu schreiben. Getraut habe ich mich bislang aber nicht – weil ich mir jetzt schon denken kann, dass viele ihn als unwichtig abtun werden. Ich betrachte ihn noch nicht einmal selbst als DAS Thema, das es zwingend braucht. Aber er vereint zwei wichtige Themen meines Lebens: das Schreiben und das Leben mit Krankheit und Behinderung bzw. fehlender Inklusion.

Und da gestern auf Twitter der Hashtag #beHindernisse durch die Decke schoss und unerwartet riesigen Anklang fand, dachte ich mir heute: Jetzt oder gar nicht mehr. Alles Wichtige über den Werdegang dieses Hashtags hat Ash an dieser Stelle zusammengefasst – tausend Dank dafür!

Meine eigenen Tweets zum Thema waren diese (meh, das Einbetten funktioniert gerade mal wieder nicht, daher einfach Screenshots):








Und wie gesagt: Ebenjenen Post schreibe ich jetzt. Ehe ich ihn aber »richtig« beginne, ist es mir wichtig, deutlich zu machen: Ich möchte ihn nicht als Rant verstanden wissen. Nicht als zornerfüllte Protestschrift oder dergleichen. Ich möchte tatsächlich ausschließlich einen Gedankenanstoß geben, und es würde mich unglaublich freuen, wenn auch die Organisatoren des Indie-Autor-Preises 2016 diesen Eintrag lesen und tatsächlich darüber nachdenken würden. Ob das realistisch ist, weiß ich leider nicht, aber ich versuche es einfach mal.

Wer unseren Blog seit längerer Zeit verfolgt, weiß: Georg und ich fühlen uns nicht als Aktivisten bezüglich Inklusion. Nicht, weil wir Aktivismus bezüglich Inklusion für unwichtig halten würden, ganz im Gegenteil. Aber die Wahrheit ist: Unser Alltag kostet uns so viel Kraft, dass wir die Teile unseres Lebens, die uns mal keine Kraft kosten, lieber mit Dingen verbringen, die uns Spaß und zumindest ansatzweise ein Abschalten ermöglichen. Ganz schaltet man nie ab, wenn man selbst oder in meinem Fall die Person, die man liebt und pflegt, theoretisch jeden Moment ersticken könnte, das ist klar. Um eine Abgrenzung vom reinen Alltag bemühen wir uns dennoch, und das gelingt uns manchmal auch. Zum Beispiel durch diesen Blog und das Schreiben.

Nun liegt mir aber ein Thema am Herzen, das man vielleicht doch ein klein wenig als aktivistisch bezeichnen könnte. Denn wie bereits gesagt geht um zwei Punkte, mit denen ich mich gleichermaßen intensiv auskenne: das Schreiben und das Leben mit Krankheit und Behinderung.

Ende Dezember/Anfang Januar bekam ich mehrmals Info-Post von neobooks für den Indie-Autor-Preis 2016, Kategorie: Fantasy. Der Wettbewerb in Kurzform: Vom 17.12.2015 bis einschließlich 18.01.2016 konnten Selfpublisher, die einen Fantasy- oder Science-Fiction-Roman veröffentlicht haben, ihr betreffendes via neobooks veröffentlichtes Werk dafür einreichen. Der Gewinner des Jury-Preises erhält unter anderem 3.000,- Euro Preisgeld in bar und wird auf literaturcafe.de vorgestellt.

Die Gewinner (es gibt auch noch einen Community-Preis) werden am 14.03.2016 benachrichtigt. Am 17.03.2016 (also drei Tage später) muss der_die Gewinner_in bereits persönlich auf der Leipziger Buchmesse anwesend sein, um seinen Preis entgegenzunehmen, und am 19.03.2016 ebenfalls noch einmal dort zugegen sein.

Wer sich auch nur ein bisschen mit den Umständen beschäftigt, die eine schwere körperliche Behinderung mit sich bringt, kann es sich wahrscheinlich denken: Drei Tage reichen nicht aus, um eine (zumindest weitgehend) barrierefreie Anreise und Unterkunft für mehrere Tage zu organisieren. Selbst einem nichtbehinderten Menschen dürfte es nicht ohne Weiteres gelingen, so kurz vor der Leipziger Buchmesse noch ein bezahlbares Zimmer mit mindestens zwei (eher mehr, wenn die Anreise entsprechend lang dauert) Übernachtungen zu bekommen. Wer also eine körperliche Behinderung hat und nicht über die finanziellen Ressourcen verfügt, einfach in jedem Fall auf gut Glück zur Buchmesse zu fahren und ein paar Tage in Leipzig zu urlauben, hat meiner Meinung nach einen enormen Nachteil in Bezug auf die Teilnahme.

In meinem persönlichen Fall heißt das, dass ich überhaupt nicht teilnehmen konnte, denn selbst WENN Georg und ich bereit wären, ihn für fünf Tage (weniger geht aufgrund der langen Anfahrt nicht) fremden Menschen (Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege) zu »überlassen«, müsste auch das organisiert werden. Nicht erst drei Tage vorher, sondern so, dass wir uns sicher sein können, dass die entsprechende Person auch tatsächlich qualifiziert ist. Ich kenne bislang wenig medizinisches Fachpersonal, das spontan beantworten konnte, wie das Heimlich-Manöver funktioniert, auch wenn das ziemlich erschreckend klingt und ist.

Nun sind wir aber ein Extremfall. Die Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten, ist die absolute Ausnahme, und ein Roman, der so laut »Anti-Mainstream« schreit wie Codewort: Puls, hätte bei einer Preisverleihung wahrscheinlich sowieso keine Chance. Daher bin ich jetzt nicht übermäßig deprimiert darüber, nicht teilnehmen zu können, zumal die Anfahrt nach Leipzig mit dem Preisgeld für uns zwar möglich, jedoch garantiert auch abartig stressig wäre. Auch ich selbst bin schließlich nicht gesund.

Deshalb möchte ich mich lieber auf einen anderen Gedanken konzentrieren. Nämlich auf den, dass ich mehrere körperbehinderte Menschen kenne, die schreiben. Und das zum Teil verdammt gut. Kein einziger von ihnen wäre aber in der Lage, innerhalb von drei Tagen die Anfahrt nach und die Unterkunft in Leipzig zu organisieren. Denn wie ich könnte kein einziger von ihnen einfach nur zum Spaß nach Leipzig tuckern, sondern wäre für die gesamte Unternehmung auf das Preisgeld angewiesen. Der Wettbewerbsablauf schließt damit momentan nicht ausschließlich behinderte Autoren aus, sondern auch finanziell schwache, wenn sie nicht zufällig jemanden kennen, der sie in Leipzig ein paar Tage lang beherbergen würde. Die Zugfahrt allein ist vielleicht noch irgendwie stemmbar, wenn die Kosten für die Unterkunft komplett wegfallen.

Wie anfangs geschrieben: Dies soll kein Rant sein. Mir ist absolut bewusst, dass hier kein absichtlicher Ausschluss von Personengruppen stattfinden sollte, und mir ist auch klar, dass ein so gigantischer Wettbewerb sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.

Was ich mich aber frage, ist, ob der Wettbewerbszeitraum künftig nicht vielleicht um einen Monat nach vorne verlegt werden könnte. Wäre der Einsendeschluss der 18.12.2015 gewesen und der Benachrichtigungstermin der 14.02.2016, hätte selbst so ein problembeladenes Gespann wie Georg und ich noch in weitgehender Ruhe Anreise und Unterkunft planen können. Finanziell wäre im Gewinnfall schließlich wirklich für alles gesorgt.

Natürlich könnte man fragen, weshalb man für einige wenige Personen, deren Teilnahme (und letztendliche Auswahl für die Long- und Shortlist) dann ja noch nicht einmal sicher ist, einen solchen Aufwand betreiben sollte. Aber genau das ist für mich Inklusion: einen anfänglichen Aufwand in Kauf zu nehmen, damit künftig wesentlich weniger Aufwand betrieben werden muss und alle Menschen gleichberechtigt an einer Sache teilhaben können.

Vielleicht kenne ich mich zu wenig aus in der gesamten Materie. Vielleicht gibt es Gründe, die gegen ein Vorziehen des Zeitraums sprechen, die ich nicht bedenke(n kann). Doch ich finde, ein paar Gedanken ist die Frage, wie solche Wettbewerbe inklusiver gestaltet werden könnten, in jedem Fall wert.

Der Indie-Autor-Preis ist sicherlich vergleichsweise unbedeutend im Meer der fehlenden Inklusion. Aber das Schreiben ist nun mal ein Thema, mit dem ich mich gut auskenne und zu dem ich etwas sagen kann. Das habe ich hiermit getan.

Für Rückmeldungen (natürlich auch für kritische!) und das Teilen dieses Eintrags wäre ich sehr dankbar. Das ist wirklich ein Thema, das mir am Herzen liegt, und jeder ernst gemeinte Gedanke dazu ist mir wertvoll.

Kommentare:

  1. Ich finde Deine Gedanken und Deine Stellung zu dieser Art von Organisation, nennen wir es mal so, durchaus nachvollziehbar.
    Ich meine (falls ich jetzt nicht irgendwas falsch verstehe), der Zeitrahmen von der Benachrichtigung und der Messe ist ja schon sehr, sehr klein.
    Und das dürfte ja nicht nur für Menschen, die aufgrund körperlicher Einschränkungen beeinträchtigt sind, durchaus problematisch sein, sondern auf für Menschen, die eventuell noch eine Familie organisieren müssen. Mütter zum Beispiel, die kurzfristig noch ihr Kinder irgendwo unterbringen müssen. Oder Menschen, die vielleicht noch einen weiteren Beruf haben (ausser das Schreiben, meine ich).
    So kurzfristig Urlaub zu bekommen, oder einfach auf gut Glück zu nehmen, ist ja auch schwierig.

    Oder habe ich da jetzt irgendwas falsch verstanden?

    Liebe Grüsse,
    Kate.

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    1. Zuallererst: Tausend Dank für deinen Kommentar! <3

      Nein, du hast alles richtig verstanden - es sind drei Tage, und irgendwie wird halt davon ausgegangen, dass jene, die teilnehmen, das dann schon wuppen werden oder ohnehin auf der Leipziger Buchmesse sind. Und du hast vollkommen recht: Jeder Mensch, der nicht einfach mal auf gut Glück dort hinfahren kann (sei es aufgrund von Verpflichtungen aller Art, körperlichen Einschränkungen oder mangelnder Kohle), hat ein Problem. Nicht sehr fair, denn es sind nun mal nicht alle Autoren Studenten, die von Mama und Papa gesponsert werden und für die es keine nennenswerten Auswirkungen hat, dem Alltag mal fernzubleiben. Gerade jene, die diese Finanzspritze ECHT dringend bräuchten, um ihrem Schreiben mal etwas unbesorgter nachgehen zu können, werden durch diesen Ablauf behindert. :/

      Uff. Jetzt, wo es den Post gibt und ich die Verantwortlichen via Twitter und FB direkt angesprochen, aber keine Antwort erhalten habe, bin ich irgendwie frustrierter als vorher. Ignoranz ist schlimmer für mich als schlichte Unbedachtheit, obwohl ich eigentlich gar nicht damit gerechnet hatte, dass mir jemand antwortet.

      Danke für deine Gedanken. <3

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  2. Hallo,

    zuerst einmal bitten wir um Entschuldigung für die verspätete Rückmeldung; es ist uns zunächst irgendwie durchgerutscht. Wir haben das intern in der Phantastischen Akademie kurz besprochen. Vielen Dank, dass du uns auf dieses Thema aufmerksam gemacht hast. Die logistische Planung des Indie-Preises obliegt neobooks, aber wir stehen natürlich in engem Kontakt und werden den Einwand bei der Planung für folgende Preise einfließen lassen. Es sollte möglich sein, mehr Zeit herauszuschinden, beziehungsweise deutlicher zu machen, dass eine Anwesenheit auf der Leipziger Buchmesse zwar schön, aber nicht notwendig ist.

    Nur zur Sicherheit: Es besteht keine Anwesenheitspflicht für den/die Gewinner/in des SERAPH. Wir haben die Leipziger Buchmesse als Termin gewählt, weil wir so den Autor/innen mehr Aufmerksamkeit und schöne Lesungen verschaffen wollten. Ja, dadurch ist es zeitlich immer recht eng - wir selbst rotieren ab Dezember als Ehrenamtliche, um das alles organisiert zu bekommen. Leider lässt es sich kaum anders machen, da wir die Einsendungen immer erst Ende des Jahres bekommen und das dann an die Jurys verteilt werden muss, die dann entsprechend viel lesen müssen.

    Das war die ersten Jahre auch der Hauptgrund, warum wir allein keinen Indie-/Ebook-Preis ausgelobt haben, da wir die zusätzliche Arbeit keinesfalls hätten stemmen können. Mit neobooks haben wir einen Partner gefunden, der das endlich ermöglicht.

    Wir werden Wege finden, das alles besser zu kommunizieren und es für unsere Gewinner/innen einfacher zu gestalten. Denn die Förderung von Talenten ist unser Anliegen; deshalb machen wir das alles ja überhaupt.

    Zuguterletzt: Das Spektrum der SERAPH-Gewinner/innen war in den letzten Jahren breit gestreut. Wir würden empfehlen, auch ungewöhnliche Romane einzureichen, denn wir vertrauen unseren Jurys, die Qualität eines Textes zu erkennen.

    Lieben Gruß,

    Christoph Hardebusch

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    1. Lieber Christoph,

      zuerst vielen Dank für deine Antwort! Es freut mich wirklich sehr, dass du dich hier zu Wort gemeldet hast.

      Die Geschichte, um die es bei mir ging, kann ich für den SERAPH leider nicht einreichen - »Codewort: Puls« ist via neobooks und BoD erschienen, und selbstverlegte Bücher sind von der Teilnahme am SERAPH bislang ja leider ausgeschlossen. Mir ging es darum »nur« um den Indie-Autor-Preis - und dieser wiederum setzt eine Anreise zur Leipziger Buchmesse voraus, was aufgrund der im Post aufgeführten Punkte besonders für Menschen mit Behinderung ein großes Problem darstellt, wenn sie nicht genügend Vorlaufzeit haben.

      Nichtsdestotrotz finde ich schon allein die Tatsache, dass du meinen Eintrag gelesen und dir Gedanken dazu gemacht hast, großartig. Von neobooks kam bislang leider gar nichts hierzu.

      Ich fände es schön, wenn es in den kommenden Jahren zumindest ein wenig einfacher für behinderte oder anderweitig eingeschränkte Autoren wäre, sich für eine Teilnahme zu entschließen - und sei es eben schlichtweg dadurch, dass eine persönliche Anwesenheit auf der Leipziger Buchmesse nicht zwingend vorgeschrieben ist, wenn ein größeres Planungsfenster für die Autoren nicht drin ist. :)

      Herzliche Grüße und nochmals vielen Dank!

      Alexandra Dichtler

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