Mittwoch, 11. November 2015

Was ich mit »Codewort: Puls« mache und andere wirre Infos

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Während ich heute furchtbare Warteschleifenmusik am Telefon hörte, wurde mir etwas klar. Etwas, das mich überrascht hat – und zugleich auch nicht.

Bevor ich mich an einen Erklärungsversuch mache, sollte ich erwähnen: Es ist mir nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahr passiert, dass ich spontan ein gutes Sümmchen Geld mehr zur Verfügung habe als geplant. Wir leben in einem sehr alten Haus mit ebenso alten Ölöfen, und einmal im Jahr müssen wir unseren Heizöltank auffüllen lassen. Eine extrem kostspielige Angelegenheit, wie man sich vorstellen kann. Doch wir sparen immer recht paranoid, wenn es auf den Herbst zugeht; so auch in diesem Jahr, in dem wir eigentlich wesentlich weniger Geld zur Verfügung haben als sonst. Uneigentlich waren wir diesmal letztlich jedoch so sparsam, sowohl im Alltag als auch beim Heizen, dass wir jetzt Geld übrig haben. Nicht genug, um davon sehr lange Zeit zu leben oder auf die Malediven zu fliegen oder so, aber genug, um das Self-Publishing-Experiment von Sein Artist ein wenig weiterzutreiben: Irgendwann in den nächsten Wochen wird es nun doch eine Print-Version geben. Ist drin.

Es mag manchen vielleicht seltsam vorkommen, dass ich hier immer von »wir« spreche, aber Fakt ist wirklich: Solche Entscheidungen treffe ich nicht ohne Georg, da wir nicht nur unser Geld, sondern auch unsere Worte teilen. An Sein Artist war Georg zwar nicht so maßgeblich beteiligt wie an Codewort: Puls, aber nichtsdestotrotz ist auch diese Geschichte eine, die er gemeinsam mit mir liebt.

Und während ich nun also die ersten Schritte einleitete, gestern, und die furchtbare Warteschleifenmusik am Telefon hörte, heute, wurde mir klar: Dieses Projekt nun auf diese Weise zu planen, zu einhundert Prozent selbstbestimmt, gibt mir etwas. Mehr, als mir die Verlagsveröffentlichung von SGBAS gegeben hat, und mehr, als mir die reine E-Book-Veröffentlichung von Sein Artist gegeben hat. Nicht, weil Menschen das Buch dann gedruckt werden kaufen können, obwohl ich nun schon oft nach einer Print-Version gefragt wurde. Ich glaube nicht, dass ich damit nennenswert etwas verdienen werde. Aber ich weiß, dass dieses Buch letztlich bei allen Menschen im Regal stehen wird, die mir etwas bedeuten und denen ich etwas bedeute. Und dass ich es auch in zwanzig Jahren noch werde halten und anschauen können, egal welche digitalen Revolutionen es bis dahin gegeben haben mag.

Ich glaube nicht an »Erfolg«. Das festzuhalten, ist mir wahnsinnig wichtig: Ich glaube nicht an »Erfolg«, nicht in Bezug auf Geschichten, wie ich sie schreibe. Denn ganz ehrlich? Auch im Indie-Bereich sind Mainstream-Stoffe am besten verkäuflich. Das ist einfach so. Sich darüber zu beschweren, ist müßig, und wer den Mainstream-Schreibern ihren »Erfolg« neidet, ist doch eigentlich frei, sich ihnen anzuschließen. Es zwingt mich niemand dazu, Stoffe fernab dessen zu schreiben, was echten »Erfolg« verspricht. Wenn ich es doch tue, ist es mein Bier (Bier! Ich hab Bier im Kühlschrank, wieso trinke ich es nicht? Moment – so, Bier), und ich muss damit klarkommen, dass ich damit keinen nennenswerten »Erfolg« haben werde.

Warum nun die Anführungszeichen? Na jaa. Ein Buch, das 2012 erfolgreich war, findet man heute schon nicht mehr automatisch in der Buchhandlung. Es kommen neue erfolgreiche Bücher, mit denen Geld gemacht wird und die Menschen eine Zeit lang lieben, bis eben wieder neue erfolgreiche Bücher kommen. Wenn es nicht gerade um Giganten wie Harry Potter geht, haben fiktive Personen keine allzu lange Lebensdauer, nicht in den Regalen der Buchhandlungen und nicht in den Herzen der allermeisten Leser. Es ist bloß eine Theorie von mir, die von eigenen Emotionen geprägt ist, aber ich glaube, Mainstream-Leser lesen »anders« als jene, die sich unbequemere, ungewöhnlichere Geschichten aussuchen.

Noch heute twittern Menschen über Die beschissene Leichtigkeit des Scheins. Noch heute schreiben mir Menschen Mails zu Bittersüß ist süß genug. Keine der beiden Geschichten empfinde ich als veröffentlichungswürdig, da es einfach Frühwerke sind, aber sie haben ein paar wenige Menschen berührt. Nachhaltig. Und ich glaube, wenn diese Geschichten das können, können es meine neueren auch. Es wird ein paar wenige Menschen geben, die sich Sein Artist ins Regal stellen und immer wieder darin lesen werden; es wird ein paar wenige Menschen geben, die Julius und Leonid nicht vergessen. Und mir ganz persönlich, finanzielle Aspekte völlig ausgeklammert, ist das mehr wert als riesengroße Beliebtheit von insgesamt eher kurzer Dauer.

Klar, ganz ehrlich: Sollte mir jemals der ultimative Stoff für ein Mainstream-Werk einfallen, schreib ich ihn auf und versuche, Geld damit zu machen. Keine Frage, auch Geld ist wichtig. Aber das wäre dann eher wie ein ganz gewöhnlicher Job für mich und hätte mit »meinem Schreiben« nicht mehr allzu viel zu tun.

Und warum mir das alles nun so wichtig ist: Ich möchte nicht als jemand gesehen werden, der glaubt, die Leserwelt hätte gerade auf ihn gewartet. Viele Indie-Autoren gehen mit SO großen Ambitionen an ihre Publikationen heran, werfen mit Werbung um sich, versteifen sich auf das Ziel, irgendwann allein vom Schreiben leben zu können – und das tue ich nicht. Ich glaube nicht daran. Selbst die meisten Verlagsautoren können das nicht, und so möchte ich nicht gesehen werden.

Ich vergleiche mich selbst, was das Self-Publishing-Experiment betrifft, am liebsten mit einem Modelleisenbahner. Mit einem erwachsenen Menschen, der eine Modelleisenbahnlandschaft besitzt, die er zwei-, manchmal auch dreimal im Jahr um ein nicht ganz billiges neues Teil erweitert, wenn er es sich gerade leisten kann. Und der sich darüber freut, diese Teile zu besitzen, seine Spielwiese zu vergrößern, ganz unabhängig davon, ob irgendwer von außen diese Begeisterung nachvollziehen kann. Ich habe einen völlig anderen Zugang zu der ganzen Thematik als jemand, der darauf hofft, den Durchbruch zu schaffen. Sollte der bei mir je eintreffen, freu ich mich natürlich, aber wenn nicht, ist nichts verloren für mich. Es ist einfach Liebe.

Das heißt nicht, dass ich es nicht großartig fände, vom Schreiben leben zu können. Es heißt nur, dass ich nicht daran glaube, dass das mit Geschichten wie den meinen möglich ist, und dass es für mich persönlich eine Art von Erfolg gibt, die dem »Beliebt und top verkäuflich«-Erfolg überlegen ist. Neulich habe ich getwittert:

Ich möchte bizarre Träume schreiben, auf deren Grund stets ein vertrautes Lachen erklingt. Vielleicht ist das schon alles.

Und das ist wahr. So empfinde ich meine Geschichten. Selbst die bizarrste Science-Fantasy-Geschichte kann (= will) ich nicht schreiben, ohne tiefgreifende zwischenmenschliche Schwierigkeiten und Interaktionen einzubauen, die dann wieder von humorvollen Aspekten relativiert werden. So schreib ich einfach.

Der emotionale Aspekt, der »Ich will es haben und Menschen schenken«-Modelleisenbahner-Spielkind-Aspekt – das ist alles, was mich dazu bringt, die Vorbereitungen auf die Print-Version toll zu finden. Es gibt nichts, was ich mir von dem Geld lieber kaufen würde; ich brauche keine Klamotten, keine Schuhe, kein Make-up, kein Smartphone, Kino stresst uns meistens nur noch unsagbar, die Anreise zu einem Urlaubsort würde uns in die Geschlossene bringen, ansonsten haben wir alles – und über »Erfolg« habe ich mich ja nun lange genug ausgelassen. Das ist alles. So möchte ich in Bezug auf diese Veröffentlichung gesehen werden. Als jemand, der nur seinem Hobby nachgeht und sich zusammen mit Georg darüber freut.

Hm, und jetzt das, was mir noch klar wurde, als ich die furchtbare Warteschleifenmusik am Telefon hörte: Ich glaube, ich werde emotional nicht damit klarkommen, wenn ich für Sein Artist nun so einen Aufwand betreibe und für Codewort: Puls überhaupt nicht.

Wären die beiden Geschichten meine Söhne, wäre Sein Artist der schmale, blasse Gymnasiast, den ich noch mal fest umarme, bevor ich ihn eine Straße vor der Schule absetze, weil er weiß, dass ich stolz auf ihn bin und ansonsten alles alleine kann. Codewort: Puls dagegen wäre der hyperaktive Erstklässler, den ich am liebsten gar nicht unbeaufsichtigt lassen würde, den ich nicht loslassen kann, bis die Lehrerin schließlich sagt, nun ist aber gut, und mich sanft, aber bestimmt aus dem Klassenzimmer schiebt. Und die ganze Zeit hätte ich Angst, dass die anderen den Kleinen missverstehen, ihm unrecht tun, ihn verletzen könnten. Wenn er einmal erwachsen ist, würde ich denken, wird er seinen Bruder wahrscheinlich um einen Kopf überragen, aber bis dahin muss ich gut auf ihn aufpassen, sonst zerbricht er. (SGBAS wäre in diesem Gleichnis übrigens meine älteste Tochter, die schon immer resolut und willensstark war und bereits seit ein paar Jahren aus dem Haus ist. Ich war überrascht, als sie diesen neuen Job angeboten bekam, und wusste nicht recht, ob das gut geht, aber ernstlich nervös war ich nicht, als sie zusagte. Das bin ich noch immer nicht, auch wenn ihr die Stelle nun nicht so gut gefällt wie gedacht. Sie kommt schon klar und braucht selten meine Hilfe, und würde ich sie ihr aufdrängen, hätten letztlich alle schlechte Laune.)

Ich glaube, Codewort: Puls ist die einzige unter den bisher fertiggestellten Waidbronn-Geschichten, bei der ich ernsthaft traurig wäre, wenn von außen GAR keine Reaktion auf sie käme. Und trotzdem merke ich schon jetzt: Falls das mit der Print-Version von Sein Artist gut klappt, werde ich nicht anders können, als mir das Gleiche auch für Puls zu wünschen. Es wäre sonst »falsch«, merkwürdig. Daher habe ich erstmals seit Jahren ein ganz konkretes Ziel fürs neue Jahr: die Veröffentlichung von Codewort: Puls zu realisieren. Im Ernst jetzt. Solche Pläne schmiede ich normalerweise nicht, ich habe das nicht kommen sehen, und ich möchte mich auch nicht auf einen Monat festlegen, aber das ist das Ziel. Wie schnell ich mit welchem Schritt sein werde, kann ich definitiv noch nicht sagen, das ist eine Frage von Zeit, Geld und Organisation.

Seltsam, wenn man so eine Erkenntnis einer furchtbaren Warteschleifenmusik verdankt. Es war wirklich eine sehr, sehr hässliche Musik; Derartiges hatte ich noch nie zuvor gehört. Womöglich brauchen Gehirne so was manchmal.

Aber ich bleibe, was immer das nun gibt, wie ein Modelleisenbahner: Ich gehe meinem Hobby nach. Und ich denke auch nicht über Puls hinaus, was den Waidbronn-Kosmos betrifft. Es gibt ein in Rohversion fertiges Prequel (Puls), ein angedachtes Sequel (Artist, aber irgendwie auch Puls-Spin-off) und vereinzelte neue Sachen, aber noch nichts von all dem befindet sich in einem vorzeigbaren Zustand, und vielleicht wird das alles auch eher wie FanFiction zu meiner eigenen fiktiven Welt, die keiner Veröffentlichung bedarf. Darüber mache ich mir jetzt noch keine großen Gedanken. Ich denke immer: Morgen könnten wir alle tot sein, und daraus resultiert: Mach mal, was jetzt ist. Und jetzt sind also der schmale Gymnasiast und der hyperaktive Erstklässler, und ich sehe mal zu, dass ich sie heil groß kriege.

Kommentare:

  1. PRINT-VERSIONEN!!!!!!!
    Asdfhjk!!!!!!!!

    Ich kann es grad nicht glauben! Ehrlich! Ja! Bitte! Bitte! Ich will mir diese Bücher (alle deine Bücher!!) in den Schrank stellen und wenn ich in 40 Jahren alt bin, will ich sie aus dem Regal nehmen, drüber streichen und lächeln, sie meinen Enkeln zeigen und sagen: "Diese Bücher, diese Autorin haben mich immer inspiriert! Ich konnte niemals so unglaublich schöne Worte formen und habe nie versucht, ihr nachzueifern, aber sie war mein Vorbild in einer fiktiven Welt."

    <3

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    1. ;_________________________________________________________;

      <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 <3 !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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  2. Wow!
    Das sind mal Neuigkeiten! Krass!!! Ich find's cool!
    Dass du eine andere Einstellung als viele andere zum Veröffentlichen hast, glaube ich dir. :) Und trotzdem finde ich es interessant, dass du letztendlich doch diesen Weg einschlägst. Auch wenn es dir um Erfolg im klassischen Sinne nicht geht, wünsche ich dir ein gutes Gelingen.
    Und die Geschichten, die noch nicht vorzeigbar sind, fände ich natürlich irgendwann auch schön zu lesen. Über eine davon haben wir ja sowieso schon gesprochen und Artist-Sequel/Puls-SpinOff klingt auch extrem spannend. *.*
    Ich sage das nicht zum ersten Mal, aber ich bewundere deine ganzen Ideen, die viele Kreativität und auch die Umsetzungspläne und -möglichkeiten wirklich.
    <3

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    1. So spannend im eigentlichen Sinne find ich es eigentlich gar nicht, dass ich das nun mache, aber cool definitiv auch. :) Ich bin an sich ein sehr, sehr rationaler Mensch - in jede Richtung. Wenn ich merke, dass etwas machbar ist, ohne dass etwas Wichtigeres darunter leidet, mach ich es einfach, auch wenn mir eben bewusst ist, dass mich der Spaß mehr kosten wird, als er mir (finanziell) letztlich einbringt. Anders da ranzugehen, hätte nicht mehr arg viel Bezug zur Realität, aber ich freu mich einfach in meinem persönlichen Rahmen darauf. :)

      Wenn sie fertig sind, kriegst du jederzeit gern alles zu lesen. <3 Zumindest die Geschichte über Zir und Ver'em muss ja bloß (...) noch überarbeitet werden, und Diego & Co. kriegen mindestens ein paar Oneshots. <3

      <3 <3 <3

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    2. Die Einstellung hat den Vorteil, dass du dich auch nicht von irgendetwas abbringen lässt (wenn es eben umsetzbar ist) aufgrund von Befürchtungen. Ziemlich befürwortenswert also. :)

      Aw, da freu ich mich. <3
      *g* Bloß noch überarbeitet werden. ^^ Aber ich lauf ja nicht weg. <3

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    3. Find ich auch, ja. :)

      Ich mich auch. <3

      Und zum Glück! Zir und Ver'em auch nicht, die mögen keinen Sport. :D <3 Aber mal gucken, vielleicht krieg ich das auch zweigleisig hin. Zir'em (Pärchenname!) und so ein bisschen die Oneshots, mit denen ich sicher lahm bin. <3

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    4. *g* Oh je, dann mögen sie mich sicher nicht. :D Joey war ja auch schon so umbegeistert. *g*

      Schau einfach, wie es am besten für dich passt. :)
      Ha, cooler Pärchenname. :)

      <3

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    5. Doooch, Ver'em ist ein sehr offener, lockerer Typ, keine Angst. :D

      Und wie eben schon geschrieben: Sowohl das erste Zir'em-Kapitel als auch der erste Ephraim-OS sind so gut wie Testleser-vorzeigebereit. \o/

      <3

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  3. Ganz, ganz viel Liebe <3
    Ich bin sehr, sehr gespannt darauf, das Endergebnis in Händen zu halten! <3

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    1. <3

      Ich auch, aber ich weiß voll nicht, wie lange das dauern wird. <3

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