Freitag, 4. September 2015

Schwind-Sucht

[Bitte beachten Sie das Wortspiel!]

GD

Blogideekasten-Thema #74: Suchtverhalten

Im Frühjahr 2007 war ich im ersten Ausbildungsjahr zum Bürokaufmann und gemeinsam mit einer guten Freundin und Kollegin, die ein Jahr später sogar meine Trauzeugin wurde, für die Azubi-Zeitung des Rehakrankenhauses zuständig. Einer unserer Artikel befasste sich mit dem Thema Internetsucht – ein Thema, welches ich heute differenzierter sehe als damals.

Ich stelle hier nun erst mal den persönlichen Abschnitt von mir ein, den es damals in diesem Artikel zu lesen gab, und hinterher füge ich hinzu, was ich heute anders sehe bzw. was ich heute über die Entwicklung dieser Art von Abhängigkeit denke.

Ich selbst war in gewissem Maße internet- oder viel eher chatabhängig. Das ständige Gefühl, in meinen favorisierten Chaträumen präsent sein zu müssen, um mich immer wieder aufs Neue in irrwitzigen Chat-Gesprächen zu verlieren und meist auch nur, um ziemlich inhaltslose Gespräche mit irgendwelchen Chattern zu führen, kam in mir immer wieder auf.

Und das Kuriose war, dass ich, wenn ich in den Chat-Portalen niemanden vorfand, nicht einfach sagen konnte: »Okay, ich geh raus«, sondern wartete. Ich brauchte mehrere Male am Tag den »Kick«, online zu sein. In meiner Hochphase war ich bis zu zwölf Stunden am Stück on.

Wenn ich auch noch so den Drang verspürte, etwas trinken zu müssen, verweilte ich dennoch vor dem Internet und führte weiterhin sinnlose Gespräche; oder ich verharrte einfach so vor dem PC und wartete darauf, dass im Chat etwas passierte. Schlussendlich war es dann sogar so weit, dass mein Bedürfnis, zur Toilette zu gehen, unterdrückt wurde, bis ich es gar nicht mehr aushalten konnte. Also ging ich schnell aufs Klo, aber immer mit dem Gedanken im Hinterkopf: »Ich verpasse was!«

Natürlich war dies nicht so. Ich gaukelte mir selbst irgendetwas vor, was die ganze Zeit, die ich im Netz verbrachte, rechtfertigen sollte. Ich verstrickte mich in Widersprüche, denn einerseits war mir klar: »Ich bin abhängig«, andererseits wollte ich es nicht wirklich wahrhaben.

Ich versuchte, mich selbst zu beschränken, indem ich mir das Ziel setzte, eine Woche lang nicht zu chatten, was auch funktionierte, aber dennoch war eher ein gegenteiliger Effekt zu beobachten.

Ein weiterer Versuch war, mit Einsetzen der Kursstufe (Klasse 12 und 13) meine Internetaktivitäten auf drei Tage (Montag, Mittwoch, Freitag) der Woche zu beschränken, jedoch ging dieser Versuch kräftig nach hinten los. Ich hielt mich nämlich nicht an diese selbst erstellte Auflage, sondern hing wieder viel zu lange im Netz.

Ein möglicher Grund für meine Internetsucht war das Fehlen einer Bezugsperson. Im Internet versuchte ich, über die »neue Kommunikation« geeignete Ansprechpartner zu finden.

Dies ist also etwas, das ich selbst erlebt habe und das sich auch nicht wegdiskutieren lässt, egal wie häufig das Thema Internetsucht belächelt wird. Was ich heute allerdings glaube, ist, dass die Art von Internetsucht, wie ich sie erlebt habe, eines Tages aussterben wird.

Denn: Meine Generation ist die letzte, die das Internet erst im späten Teenageralter kennenlernte. Für heutige junge Menschen ist das Online-Sein bereits größtenteils so selbstverständlich, wie es für mich als Kind das Haustelefon war. Wer das Internet erst als älterer Teenager oder Erwachsener kennenlernte, entdeckte erst mal eine neue Welt. Besonders für Menschen wie mich, die aufgrund von Äußerlichkeiten wie einer offensichtlichen Behinderung im Alltag ausgegrenzt wurden, war das eine überwältigende Erfahrung: Im Chat wurden sie z.B. nicht von vorneherein aufgrund von Äußerlichkeiten aussortiert, weil niemand sehen konnte, wie sie aussahen, weil niemand hören konnte, wie sie sprachen, weil auf einmal nur noch ausschlaggebend war, was sie schrieben, wenn es um die Frage ging, ob die anderen sich weiter mit ihnen unterhalten wollten oder nicht.

Ich denke, so ist überhaupt erst das Gefälle »Internet vs. Real Life« entstanden. Weil Menschen früher (und ältere Generationen [= auch ich] noch heute) aufgrund ihres Aufwachsens ohne Internet strikt trennten, was im Internet stattfand und was vor der Haustür. Ein Kind, das heute geboren wird, wird diese Trennung nicht mehr vornehmen, sobald es die virtuelle Welt kennenlernt, denke ich. Schon jetzt ist es ja so, dass viele Menschen durch ihr Smartphone nahezu daueronline sind – etwas, das ich mir niemals vorstellen könnte; weder Alex noch ich haben und wollen bis jetzt überhaupt ein Smartphone.

Die Möglichkeit, online zu verbergen, wer man ist, wie man aussieht, woher man kommt etc., wird im Laufe der Jahre vermutlich immer geringer werden. Und besonders auf diejenigen, die mit der absoluten Vernetzung von allem aufwachsen und für die das Online-Sein nichts Besonderes, sondern ein Teil des Alltags und der ganz normalen Kommunikation ist, wird diese Möglichkeit wahrscheinlich auch keine große Anziehungskraft ausüben.

Somit kann ich mir vorstellen, dass die Art von Internetsucht, wie ich sie persönlich erlebt habe, eher eine temporär existente Suchtart ist. Für viele Menschen hat sie gravierende Folgen, aber insgesamt kann ich mir heute nicht mehr vorstellen, dass sie langfristige Spuren im Suchtbereich hinterlassen wird. Denn die fast permanente Nutzung von etwas, das so fest im Alltag verankert ist wie das tägliche Zähneputzen, zählt meinem Verständnis nach nicht mehr zu den klassischen Suchterscheinungen. Abschließend möchte ich aber noch erwähnen, dass dies nur meine persönliche Ansicht ist und ich keine wissenschaftlichen Aussagen darüber treffen kann. Was ich hier außerdem bewusst ausgeklammert habe, ist das Faker-Thema, welches noch einmal ein ganz eigenes Problem darstellt. Nicht sofort zu thematisieren, dass man nicht dem Standard entspricht, und absichtliches Vortäuschen falscher Tatsachen sind zwei Themenfelder, die zwar leicht verschmelzen können, die für mich aber dennoch zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind.

So! Nun habe ich diesen Blog-Post doch tatsächlich noch rechtzeitig vor Ablauf der Deadline heute fertigbekommen, was zeitweise mehr als auf der Kippe stand, und wünsche euch allen ein schönes Wochenende.

Kommentare:

  1. Hach ja, heute ist wieder so ein Tag, auf dem ich hier rumhänge. *g*

    Die Gedanken zum Thema Internetsucht finde ich interessant - vor allem die neueren. Ich finde nämlich schon, dass man trotz aller Gewohnheit, die die Jugend heute im Umgang mit Medien von Kleinauf hat, trotzdem noch von Sucht sprechen kann, wenn sie das Gerät nicht mal für ne Stunde aus der Hand legen können. Aber gut, ich bin auch noch von der alten Schule, vielleicht beurteile ich das deshalb drastischer. Ich selbst kann stundenlang vorm PC/Handy hängen ... ich kann es aber auch stundenlang seinlassen - für mich ist es also eine Frage der Lust. Und ja, ich finde es auch durchaus praktisch, es gibt einige Kontakte, die sich über WhatsApp einfacher halten lassen. Und was Internet allgemein anbelangt - hm, einige liebe Menschen hätte ich ohne diese Möglichkeit gar nicht kennengelernt. ;)

    In der klassischen Internetsucht, wie du sie beschreibst, haben vermutlich viele Menschen gehangen. Gerade als es neu aufgekommen ist, war das ja eine ganz andere Welt, plötzlich in diesen Chatrooms hängen zu können. Wobei dieser Trend vermutlich wirklich zurückgeht, ich hab das Gefühl, klassische Chatrooms sterben nach und nach aus. Aber ich bewege mich auch seit Jahren nicht mehr in dieser Szene, kann das also nicht wirklich beurteilen.

    Dankeschön für die interessanten Gedanken. <3
    Und überhaupt - ich freue mich, so einen langen Beitrag von dir zu lesen! :)

    AntwortenLöschen
  2. Du bist jederzeit zum Hier-Rumhängen eingeladen! :-)

    Wenn jemand das Smartphone so gar nicht mehr weglegen kann, hat das schon etwas Suchtartiges, da stimme ich dir zu. Aber aus meiner Sicht im Grunde nur so lange, wie es nicht zu den allgemeinen Standardverhaltensweisen gehört, dann ist es zwar auch nicht gesünder, aber so allgemein akzeptiert und normal, dass der klassische Suchtbegriff für mich nicht mehr passt. Das Online-Sein verteufeln möchte ich auch auf keinen Fall, sonst wäre ich ja nicht hier. ;-)

    Ich chatte auch schon lange nicht mehr wirklich, habe nicht mal mehr Skype, daher weiß ich auch nicht, wie es bezüglich der Chats inzwischen aussieht. Aber einen Rückgang halte ich für sehr wahrscheinlich.

    Danke für deinen Kommentar! <3 Ich bin froh, dass ich den Post noch vor der Deadline fertigbekommen habe. :D

    AntwortenLöschen
  3. @Georg: Juhu! :)

    Hm, stimmt, da hast du recht. Allgemein wird das eher selten als Problem oder gar Sucht gesehen. Bei euch beiden finde ich das aber sehr kontrolliert, ständig im Netz hängt ihr ja nicht, bzw. habe ich das Gefühl, dass ihr euch auch nicht in Müllbeschäftigung verzettelt. Bei euch hätte ich also gar keine Bedenken diesbezüglich. ;)

    Skype ist noch en vogue, soweit ich weiß. Aber Chatrooms gehen immer mehr zurück. Oder ICQ, das war ja vor ein paar Jahren der Renner. Da hört man nichts mehr von.

    Gerne. <3 Ich freu mich immer, was von dir zu lesen. :) Hihi, das glaub ich! ;)

    AntwortenLöschen
  4. @Jade: Wuhu! :)

    Iiiiiich soll dir noch mal von Georg liebe Grüße ausrichten, heute ist er definitiv zu kaputt zum Tippen, weil wir uns grade durchs Supermarktchaos geschlagen haben. *gg* Ständig im Netz hängen wir definitiv nicht, dazu hätten wir gar keine Zeit und keine Nerven. :D

    <3

    AntwortenLöschen