Mittwoch, 16. September 2015

Keine Angst vorm Amtsgericht

Warum ein Betreuer hilfreich sein kann

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Wer unseren Blog regelmäßig liest, kennt unseren Lebensentwurf: Bei uns ist es so, dass ich Georg in Vollzeit pflege, und als häusliche Pflegeperson hat man weder ein Einkommen noch eine Krankenversicherung, sodass wir zum Überleben in der Regel auf soziale Leistungen angewiesen sind. Diese wurden uns nun aus verschiedenen Gründen vollständig gestrichen, sodass auch die Krankenversicherung wegfiel. Die habe ich natürlich lückenlos als freiwillig Versicherte neu abgeschlossen (Georg ist seit Jahren bei mir familienversichert), aber unsere Gesamtsituation ist derzeit ein riesengroßer Bürokratiehaufen.

Georgs »Anteil« an diesem Bürokratiehaufen ist weit größer und weitläufiger als meiner, aufgrund seiner krankheits- und behinderungsbedingten Defizite ist es ihm aber schon seit Langem nicht mehr möglich, solche Angelegenheiten selbstständig zu regeln. Das bedeutet, dass ich diese Dinge seit Jahren übernehme – nun allerdings bin ich an einem Punkt angelangt, der meine Kompetenz bei Weitem übersteigt. Das weiterhin auf eigene Faust zu handhaben, wäre nicht nur unendlich anstrengend, sondern schlichtweg fahrlässig, weil ich keine tiefergreifende Ahnung von den betreffenden Gebieten habe und Georg so nicht in gewohntem Umfang helfen kann.

Darum hat Georg in Rücksprache mit unserer Hausärztin vor einigen Wochen einen Berufsbetreuer beim Amtsgericht beantragt, welcher ihm nun zugestanden wurde und ab sofort sämtliche Behörden- und Finanzangelegenheiten für ihn regelt. Der Mann, der ihm nach verschiedenen Prüfungsstufen (ärztliches Gutachten, Gutachten der Betreuungsbehörde, Prüfung durch die zuständige Richterin) zugeteilt wurde, ist nicht wesentlich älter als wir, zum Glück extrem nett und Anwalt von Beruf – wir haben einen wirklich tollen ersten Eindruck von ihm gewonnen.

Was von uns zuerst gar nicht angedacht war, aber von der Betreuungsbehörde zusätzlich vorgeschlagen wurde: dass ich Georgs Betreuerin im Bereich Gesundheitsfürsorge werde. Das heißt, ich mache im Grunde das Gleiche wie seit Jahren ohnehin schon, nur habe ich einen Betreuerausweis, der medizinisches Personal grundsätzlich verpflichtet, mir jedwede Auskunft zu geben und mit mir zusammenzuarbeiten.

Jene Mediziner und deren Mitarbeiter, die mich kennen, machen das natürlich sowieso (ich durfte sogar schon regelmäßig durch den Personaleingang auf die Intensivstation einer Klinik kommen, ohne mich anzumelden, weil das Pflegepersonal mir da vertraute), insofern ändert sich erst mal nichts für uns, außer dass ich einmal jährlich einen Bericht ans Amtsgericht schicken muss, in dem steht, ob sich etwas an Georgs gesundheitlicher Situation verändert hat.

Heute Morgen hatte ich die endgültige Verpflichtung als Betreuerin. Wir glauben nach einiger Überlegung, dass das die richtige Entscheidung war, zumal wir ohnehin alles Gesundheitliche gemeinsam besprechen und entscheiden, jedweder (längere) Schriftverkehr sowie Telefonate aber von mir geführt werden (müssen).

Und was wir beide in Bezug auf den ganzen Vorgang hervorheben möchten, ist die extreme Freundlichkeit, die uns von sämtlichen Mitarbeitern des Amtsgerichts entgegengebracht wurde, mit denen wir bislang zu tun hatten. Ganz ehrlich, nach all der Ämter-Scheiße, die wir im Laufe der letzten Jahre schon mitgemacht haben, waren wir absolut geplättet, dass es auch ganz anders geht.

Und falls sich nun jemand Sorgen wegen des Schlagworts Betreuung macht: Eine Entmündigung, mit der viele diesen Begriff noch immer verbinden, ist in Deutschland nicht mehr möglich. Dass Georg nun sowohl von einem Berufsbetreuer als auch von mir offiziell vertreten wird, bedeutet natürlich nicht, dass irgendetwas über seinen Kopf hinweg entschieden werden kann; darüber haben wir uns vorher eingehend informiert. Das heißt im Klartext: Nein, ich kann nicht veranlassen, dass ein plastischer Chirurg Georg zwei Brüste verpasst, auch wenn ich ihn zehnmal pro Tag meine kleine Prinzessin nenne. Tut mir leid!

Kommentare:

  1. Erstaunlich und schön, dass es in dem ganzen Dschungel doch noch positive Momente gibt. Das klingt im ersten Eindruck nicht übel.

    Auch wenn Georg mit zwei Brüsten zweifelsfreu (Ähm, ich lass das mal so stehen) ausgesprochen reizend aussähe.

    <3 <3 <3

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  2. ... GEORG!!!! O-Ton nach dem Lesen deines Kommentars: »Na ja, vielleicht überleg ich mir das ja noch. Gib dem Affen Zucker ...«

    Also ... wer weiß. xD

    Aber wir sind wirklich, wirklich positiv überrascht, ja. :)

    <3 <3 <3

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  3. Das klingt alles ziemlich gut. Und gerade bei diesen ganzen Finanzangelegenheiten ist Unterstützung im Endeffekt vermutlich Gold wert. Und dass du einen Betfeuerschein nun hast, kann einige Dinge vereinfachen.

    Ich bin froh, dass ihr ein gutes Amtsgericht habt, das euren Fall bearbeitet. Sven hatte damit damals ja leider sehr viel Gehuddel, als es um die Pflege/Betreuung seiner Großmutter ging. Schön zu lesen, dass es auch anders geht!

    <3

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  4. @Jade (wääh, ich vergess so oft das @-Dings): Whee, gerade noch gesehen vorm Runterfahren! <3

    Definitiv, ja - das alles vereinfacht nun viele Dinge sehr.

    Stimmt, daran erinnere ich mich. Vielleicht war das bei uns der Ausgleich, weil die anderen Ämter-Sachen immer so komisch laufen. *gg*

    <3

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  5. @Alex: *g* Ja, das ist gewöhnungsbedürftig, vor allem auf dem Blog, wo man's ja eigentlich bisher nicht genutzt hat. ^^

    Oh ja. Das glaube ich gern. Ich hätte vermutlich auch gar keinen Überblick über die Finanzen von zwei Leuten gehabt.

    Stimmt, irgendwas muss ja auch mal chillig laufen!

    <3

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