Dienstag, 12. Mai 2015

Wenn man das rosa Topping abkratzt, unglaublich gut: »Wunder« von Raquel J. Palacio

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Heute muss ich mal wieder eine absolute Leseempfehlung loswerden. »Wunder« von Raquel J. Palacio wurde mir (ebenfalls mal wieder *gg*) von Lexi empfohlen und ausgeliehen, die ja seit knapp einem Jahr eine Ausbildung zur Buchhändlerin macht. Sie meinte, es würde mir gefallen, und sie behielt recht.

Ich mag realistische Bücher. Vor allem mag ich realistische Bücher über ungewöhnliche, objektiv betrachtet in vielerlei Hinsicht heftige Schicksale. Und wenn ich die von diesen Schicksalen betroffenen Charaktere dann auch noch absolut liebgewinnen kann, weil sie sich ihren Humor bewahren oder ihn überhaupt erst entwickeln, weil sie über sich selbst hinauswachsen und sich dabei dennoch nicht fremd werden, dann mag ich realistische Bücher am meisten. Insofern war dieses Buch in Bezug auf die Hauptperson August ein Volltreffer, obwohl ich auch ein paar Kritikpunkte habe.

Zuallererst: Das Buch ist zutiefst … amerikanisch. Der Umgang der Charaktere miteinander, besonders innerhalb von Augusts Familie, zum Schluss hin aber auch Geschehnisse und Interaktionen in der Schule – all das wirkte auf mich wie mit einem viel zu süßen rosa Topping überzogen. Das empfand ich mitunter als extrem anstrengend, und es gab einen Punkt, an dem es mir dann endgültig ZU viel wurde.

Was mich dazu gebracht hat, das Buch dennoch unglaublich gut zu finden? Es war der Protagonist August selbst, Auggie, der das rosa Topping wenig beeindruckt abgekratzt und humorvoll kommentiert hat. Mehrmals und ganz besonders auch noch mal zum Ende hin, wo ich meine insgesamt positive Bewertung beinahe mal zurückgezogen hätte, weil alles einfach SO überzogen war. Das Schöne war dann wirklich, dass Auggie es selbst überzogen fand, das aber ganz locker nahm. Dadurch konnte auch ich es dann einfach mit einem mentalen Stoßseufzer hinnehmen.

Auggie wirkt echt, und die anderen Protagonisten, die eine Perspektivrolle bekommen haben, ihrem Alter und ihren Erfahrungen entsprechend ebenfalls. In manchen Rezensionen wird mangelnder Tiefgang kritisiert, aber hey – das sind Kinder und Teenager. Für ihr Alter machen sie sich schon recht angemessene Gedanken, finde ich.

Ausschließlich sprachlich haben mich die jungen Leute (abgesehen von Auggie selbst und Jack) nicht ganz überzeugt. Bei Auggie und Jack hatte ich wirklich zwei Jungs ihres Alters vor mir, die restlichen Figuren klangen für mich irgendwie nicht individuell genug (woran auch die permanente Kleinschreibung in Justins Part nichts änderte, deren Sinn ich nicht so ganz begriffen habe, denn dies sind ja seine Gedanken, kein von ihm geschriebener Text). Trotzdem: Das Gesamtergebnis habe ich als stimmig empfunden, und ich fand auch jede dieser Perspektiven wichtig, um eben genau dieses Gesamtbild zu erzeugen. Julians Sicht hätte mich noch interessiert, die es nun separat zu kaufen gibt, was ich etwas schade finde. Fühlt sich etwas an wie: »Hier, wenn ihr das auch noch kauft, erfahrt ihr endlich, warum Julian so biestig war« – hmm. Wissen möchte ich es aber natürlich dennoch gern.

Fakt ist in jedem Fall: Das Buch hat mich berührt, ich konnte die Entwicklung aller Figuren nachvollziehen, und besonders Auggie musste ich einfach liebgewinnen. Das Buch ist für mich ein Entwicklungsroman, den Ruf nach mehr Action mancher Kritiker kann ich so nicht nachfühlen.

Und nachdem ich mir Bilder von Menschen angeschaut habe, die vom Treacher-Collins-Syndrom oder vom Goldenhar-Syndrom betroffen sind (und Auggie hat beides), wünsche ich mir fast, dass jeder dieser Menschen etwas von dem rosa Topping abbekommt, das Auggies Umfeld auszeichnet. Ich glaube aber, die Realität sieht anders aus. Den meisten Menschen reichen weit weniger heftige Andersartigkeiten aus, um als Fremde verstört darauf zu reagieren oder als Familie daran zu zerbrechen.

Ich weiß nicht, ob ich einem so massiv entstellten Menschen wie Auggie begegnen könnte, ohne dass ein kurzer Moment des Erschreckens da und für ihn sichtbar wäre. »Wunder« brachte mich aber dazu, mir das zumindest sehr zu wünschen (mehr noch, als man sich das als nicht völlig herz- und hirnloser Mensch sowieso schon wünscht).

Ich glaube, wer meine Geschichten halbwegs mag, wird »Wunder« lieben!

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