Samstag, 14. März 2015

Wurzeln #1 – Geliebter Kosmos

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Es ist schon wieder passiert: Sally hat mich zu einem Blog-Post inspiriert, bzw. hat ihr Post Wurzeln im Rahmen des Projekts Blogideekasten mir den nötigen Arschtritt verpasst, diesem Eintrag hier endlich Gestalt zu geben.

Zum Thema Wurzeln habe ich so viel zu erzählen, dass ich unbedingt auch an dieser Blogideekasten-Runde teilnehmen wollte, und Georg findet das Projekt ebenfalls toll. Dass wir zu jedem künftig ausgelosten Thema etwas schreiben können, ist zwar nicht sicher, aber garantiert wird uns (einzeln oder gemeinsam) zu einigen was einfallen, weshalb wir uns nun auch beim Blogideekasten angemeldet haben.

Das diesmalige Stichwort (Deadline: 20.03.2015) lautet nun also Wurzeln.

Wurzeln ... das wäre auch auf realer und persönlicher Ebene ein interessantes Thema für mich, würde mir in ausführlicher Form aber schwerfallen, denn um das aufrichtig durchzuziehen, müsste ich auch über einige Angehörige detailliert berichten. Und das ist etwas, was ich niemals tun werde: Details über Angehörige posten.

Ich versuche es daher mit einer Kurzversion, ehe ich zum eigentlichen Thema dieses Eintrags komme: Ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass die Tatsache, dass es Menschen gibt, die mich lieben, nicht automatisch bedeutet, dass es auch Menschen gibt, die sich unter allen Umständen um mich kümmern (können). Liebe und Halt haben für mich niemals zwangsläufig zusammengehört. Das macht mich zu einem Menschen, der Brüche im zwischenmenschlichen Bereich relativ gut wegstecken kann. Ich habe gelernt, weiterzumachen, immer, gerade auch dann, wenn keiner da war, der mich unterstützte. Mein Bindungsverhalten ist ziemlich komplex. Manche würden es als gestört bezeichnen (oder haben es bereits getan), aber für mich fühlt es sich wie eine gute Eigenschaft an. Beziehungen und Menschen loszulassen, die mir nicht guttun, fällt mir überdurchschnittlich leicht. Menschen, deren plötzliches Fehlen ein riesiges Loch in meine Gefühlswelt reißen würde, gibt es nur sehr wenige. Natürlich gab es schon riesige Löcher in meiner Gefühlswelt. Aber ich kann sie an einer Hand abzählen. Und irgendwie, da muss ich ehrlich sein, mag ich das.

Meine Wurzeln, das sind neben diesen wenigen Menschen und meiner eigenen Gedankenwelt vor allem Orte. Die vielen von mir geliebten Plätze, aus denen sich meine Heimatstadt zusammensetzt – die Stadt, in der ich geboren wurde und in der ich seit vier Jahren auch wieder lebe. Als Georg diese Stadt 2007 zum ersten Mal »richtig« sah, sagte er: »Hier ziehen wir irgendwann her.« Und so kam es im März 2011.

Im Geheimen und anfangs nur für mich selbst habe ich »meiner« Stadt sogar ein fiktives Abbild und Denkmal geschaffen: die Stadt Waidbronn, den Hauptschauplatz von Schwester golden, Bruder aus Stein wie inzwischen auch von Codewort: Puls. Der Aufbau und die Geschichte Waidbronns sind ein fiktives Spiegelbild meiner eigenen Herzstadt, manche Straßen heißen sogar gleich – zum Beispiel die Mozartstraße, in der Jurij aus SGBAS mit seiner Familie wohnt:

Die dritte Anschrift ließ mich schlucken. Sie lag in der Mozartstraße, wo die heruntergekommensten Blöcke Waidbronns standen. Oma und Opa hatten in ihrer Jugend dort gelebt, und die Stadt war stolz auf die modernen Wohnanlagen gewesen. Heute verfiel alles, ohne dass sich jemand darum kümmerte.

Diese Wohnblöcke gibt es in wesentlich kleinerer Form in »meiner« Stadt tatsächlich, und meine Mutter hat in ihrer Kindheit, als die Häuser noch neu waren, für kurze Zeit mit ihrer Familie dort gewohnt, ehe sie sich die Miete nicht mehr leisten konnten und zurück in die Baracke ziehen mussten, die ihnen als heimatvertriebenen Flüchtlingen aus dem Egerland schon zuvor zugeteilt worden war. (Ihrer Wurzeln beraubt, auch das passt hierher, und Lottas Opa Clemens ist ebenfalls ein Heimatvertriebener aus Böhmen, was für die Geschichte allerdings keine Rolle spielt.) Anders als in Waidbronn lebt bei uns derzeit aber niemand mehr dort, die Häuser sind in einem zu schlechten Zustand – daher denke ich, dass es okay ist, wenn ich euch ein Foto von ihnen zeige:


Als SGBAS entstand, hatte ich freilich keine Ahnung, dass mein Gehirn zu einem späteren Zeitpunkt noch weitere Geschichten kreieren würde, deren Hauptschauplatz Waidbronn sein sollte. Neben Codewort: Puls wird es mindestens noch eine weitere Geschichte geben, die im Waidbronn-Kosmos spielt. Und ich mag das. Ich mag es sehr. Diese Welt wachsen zu lassen, immer wieder auf bekannte Orte zurückgreifen zu können, diese aber aufgrund ihrer Fiktionalität trotz der realen Vorbilder jederzeit auch nach meinem Gutdünken formen und weiterentwickeln zu können.

Als Ende 2014 das Verlagsangebot für SGBAS kam, schrieb ich gerade an Codewort: Puls und musste daher erst mal schlucken, weil ich mich sofort fragte: Darf ich überhaupt weitere Geschichten aus Waidbronn schreiben, wenn die Rechte an SGBAS an den Verlag übergehen? Da ich mich im Rechtsbereich absolut nicht auskenne, machte ich mich schon mal darauf gefasst, den Stadtnamen in späteren Werken vielleicht ändern zu müssen – so ist es zum Glück aber nicht, zumal der iFuB-Verlag sehr offen und unkompliziert ist. Womöglich haben sie sogar an späteren Waidbronn-Werken Interesse, das steht aber noch in den Sternen. Und von dieser Option möchte ich mich auch nicht leiten lassen. Das wäre sonst einfach nicht mehr meine Welt.

Im Waidbronn-Kosmos werden künftig all meine Geschichten landen, die phantastische Elemente enthalten (egal ob Fantasy-Wesen, Science-Fiction, imaginäre Freunde oder surreale Einschübe) und die nicht bereits einem anderen Universum angehören.

Ich mag das grundsätzlich sehr gern, dieses Mehrere-Geschichten-aus-demselben-Universum-Ding, und habe so etwas ja auch schon häufiger gemacht.

Den Waidbronn-Kosmos gibt es nun wie gesagt seit Codewort: Puls, und dazu die immer fester in meinem Kopf verankerte Idee, alle meine künftigen phantastischen Geschichten dort anzusiedeln. (Ausnahmen von diesem Plan gibt es allerdings dann, wenn die Naturgesetze einer bestimmten Geschichte nicht in diesen Kosmos passen. Die Lebensbedingungen auf der Phantastik-Ebene sollen trotz der voneinander unabhängigen Werke aufeinander abgestimmt sein und sich nicht widersprechen.) Waidbronn soll der Grund und Boden sein, in dem meine Phantastik-Geschichten Wurzeln schlagen dürfen.

Hier kommen zur Übersicht noch einmal die Kurzbeschreibungen der zwei Geschichten, die dort bereits spielen, welche sich seit ihrer jeweiligen Urversion beide leicht verändert haben:

Schwester golden, Bruder aus Stein
Ist Lotta krank, weil sie von einem Mädchen gerufen wird, für dessen Existenz es keinerlei Belege gibt? Krank wie der schizophrene Stas, der ältere Bruder des chaotischen Jurij? Je tiefer die Beziehung zwischen Lotta und Jurij wird, desto mehr scheinen Wahn und Realität zu verschwimmen. Die junge Frau ahnt nicht, dass sie Jurij durch ihre Nähe in Gefahr bringt – und mit ihm alle, die sie lieben. Denn Lottas Leben ist nicht, was es zu sein scheint ...


(Über diesen Klappentext bin ich wahnsinnig glücklich, weil er meiner ursprünglichen Kurzbeschreibung auf FF.de sehr nahekommt. Anfangs wollte der Verlag im Klappentext bereits auf Lottas Kleinwüchsigkeit eingehen, doch das wollte ich nicht. SGBAS ist nicht die Geschichte der kleinwüchsigen Lotta, sondern Lottas Geschichte, und Lotta ist eben kleinwüchsig. Dass das so ist, merkt der Leser dann bereits im Prolog von allein, und innerhalb der Geschichte kommen natürlich auch ein paar Probleme dazu, die Lotta dadurch hat. Diese Argumentation hat das Team sofort aufgegriffen und unterstützt. Bei Stas gab es komplexere Überlegungen, denn seine Erkrankung spielt eine andere Art von Rolle, sodass ich die jetzige Erwähnung im Klappentext absolut okay finde. Dass das Wort schizophren mitunter auch abstempelnd und fehlerhaft verwendet wird, heißt ja nicht, dass es generell nicht genutzt werden darf.)

Codewort: Puls
2120: Nachdem Douglas während eines Sahara-Urlaubs verlorengegangen und zwei Tage lang hilflos umhergeirrt ist, hält er ihn zunächst für eine Fata Morgana: den hübschen jungen Mann mit der graublauen Haut, der in einer fremden Sprache zu ihm spricht, die seine dann jedoch beängstigend schnell erlernt. Doch Douglas halluziniert nicht. Su'e-Vid ist ein Außerirdischer. Ein redseliger, nervtötender Außerirdischer noch dazu – und er bringt Douglas, der ihn nach ihrer unerwarteten Rettung vorübergehend bei sich aufnimmt, unwissentlich in Gefahr. Denn Su'e-Vid trägt etwas bei sich, in dessen Besitz verschiedene mächtige Personengruppen gelangen wollen – und das sich direkt in seinem Gehirn befindet. Dieses dient ihm zugleich als Herz und gerät zunehmend durcheinander, wenn es um Douglas geht ...


Hier sieht man eines bereits sehr deutlich: Die beiden Geschichten haben neben ihrem Hauptschauplatz noch eine andere Gemeinsamkeit. Einen Charakter, der seinen Gegenpart unwissentlich in Gefahr bringt, während sie sich näherkommen. Das war ursprünglich gar nicht so beabsichtigt – also, ich hatte während des Schreibens von Puls gar nicht auf dem Schirm, dass ich da eine weitere große Gemeinsamkeit erschaffe. Und es gibt noch mehr Ähnlichkeiten: Lotta und Douglas, denen jeweils die Hauptperspektive gehört, sind beide Vollwaisen und recht kratzbürstig, wenn man sie nur oberflächlich kennt. Jurij und Su'e-Vid aka Sue oder Suey, ihre Gegenparts, sind beide hochgradig verpeilt, aber enorm zugewandt und interessiert an anderen. Während Lotta und Jurij trotz aller Schwierigkeiten aber über intensive familiäre Bindungen verfügen, waren Douglas und Suey von klein auf weitgehend auf sich allein gestellt. In Puls prallen keine Teenager, sondern erwachsene Menschen aufeinander, 28 und 24 Jahre alt und dennoch alles andere als gefestigt.

Leider gibt es keine Chance, dass Lotta und Jurij in meinem Kopf jemals auf Douglas und Suey treffen – SGBAS spielt im Jahr 2011, Puls über hundert Jahre später. Die Figuren der dritten anvisierten Waidbronn-Geschichte leben allerdings im Hier und Jetzt und könnten den SGBASlern theoretisch durchaus mal über die Füße stolpern, wenn auch nur kopfintern.

Das dritte Werk ist aber sowieso noch Zukunftsmusik – jetzt geht es in meinem Hirn erst mal weiter vorrangig um Puls. Ich hätte die Überarbeitung am liebsten noch etwas hinausgezögert – je mehr Abstand zur Geschichte, desto objektiver erfolgt meine Auseinandersetzung damit –, aber ich kann nicht. Es verlangt mich danach, mich mit Douglas und Suey zu beschäftigen, und auch wenn ich in den nächsten zwei Wochen nicht soooo viel Zeit für sie freischaufeln kann, möchte ich die Überarbeitung in den kommenden Tagen starten, um inmitten der ohnehin stets präsenten Begeisterung auch mal was Sinnvolles für die Story zu tun.

Das also ist mein geliebter Kosmos – der Waidbronn-Kosmos, der auf meinen eigenen Wurzeln aufbaut und meinen Phantastik-Geschichten Platz für die ihren schenkt.

Kommentare:

  1. Huhu! <3

    Ich mag den Post sehr!
    Ich bin gerade definitiv zu müde, um noch irgendeinen gescheiten Kommentar hinzukriegen, aber den Beitrag finde ich toll. Und ich will Puls lesen. Und das dritte Projekt, das in Waldbronn spielt. Diese Zusammenhänge finde ich ja total spannend, ich mag sowas auch sehr!

    Liebe Grüße! <3
    Jade

    PS: Über noch mehr Wurzel-Beiträge würde ich mich freuen! ;)

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    1. Wuhu! <3

      Aww, das freut mich voll! Und ich mag auch müde Kommentare! :D <3

      #2 kommt definitiv noch, #3 je nachdem, wie fit Georg insgesamt ist. :)

      Liebe Grüße zurück! <3

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