Freitag, 27. März 2015

Es gibt Leben, in denen geht jeden Tag die Welt unter

GA

Blogideekasten-Thema Was ich noch zu sagen hätte (eh hier alles untergeht)

Es gibt Leben, in denen geht jeden Tag die Welt unter. Ganz ohne Armeen von Charlies, ganz ohne Flugzeugabstürze, ja, sogar ganz ohne Terror und Flucht. Es gibt Leben, in denen geht jeden Tag die Welt unter, und würden wir es überhaupt bemerken, wenn eines dieser Leben sich in der Parallelstraße, um die Ecke, in der Nachbarwohnung abspielen würde?

Es ist unwahrscheinlich, denn das wäre unbequem. Dann müssten wir nämlich etwas tun, um weiter ruhig schlafen zu können, zumindest, wenn wir unsere in alle Welt hinausposaunte Betroffenheit bezüglich anderer Unglücke ernst meinen. Etwas, das über besagte hinausposaunte Betroffenheit und ein paar Tränchen vorm Fernseher hinausgeht.

Wir riefen in Ulm einmal den Notarzt, weil unser alter russischer Nachbar uns den Tränen nah im Treppenhaus aufhielt und auf sein Herz deutete. Er verstand kein Deutsch, wir kein Russisch, aber was er meinte, war durch seine Gestik klar. Wir kamen mit in seine Wohnung, Notarzt und der Sohn des Mannes trafen ein, der Mann schien letztlich doch nichts Körperliches zu haben, aber zur Sicherheit musste er natürlich dennoch weiter untersucht werden, und fast alle Anwesenden machten uns Vorwürfe, das medizinische Team mit Blicken, der Sohn verbal: »Der ist nur verrückt.«

Vielleicht bist du ja verrückt, Welt, weil du alles und doch nichts siehst.

Es ist leicht, betroffen zu sein, wenn man es in Wahrheit nicht ist. Wäre jeder von uns im Alltag derart interessiert an anderen, wie wir es in medial aufgebauschten Katastrophenfällen sind, wäre die Welt eines Einzelnen natürlich nicht automatisch gerettet, das wäre utopisch – aber vielleicht würde sie ab und zu mal nur straucheln, statt unterzugehen.

Kommentare:

  1. Dem ist nichts hinzuzufügen. Mache ich trotzdem. Die Showmaschinerie läuft. Weil das Volk es so will. Doch will es das wirklich oder wird auch Volkes Reaktion nur medial hochgeputscht? Will man wirklich, daß der örtliche Radiosender den ganzen Tag (!) lang nur über ein Thema berichtet, über das es zu dem Zeitpunkt nichts Wahrhaftes zu berichten gab? Oh, ich fange gerade an, mich in Rage zu schreiben und höre deswegen jetzt besser auf. ;-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Verstehen wir aber. Wir waren die letzten zwei Tage komplett offline, weil uns alles nur noch aufgeregt hat, und haben auch Fernsehen und Radio weitgehend ausgelassen. Definitiv gibt es viele, viele Leute, die das Verhalten der Medien kritisch sehen und regelrecht genervt sind. Aber es muss auch jene geben, die z.B. den BILD-Schund lesen und kaufen - würde die Masche nicht ziehen, wäre das Blatt längst pleite. Würden alle straight abschalten, wenn derartige Berichte laufen, oder sich darüber beschweren, könnte sich die Art von Berichterstattung langfristig nicht halten. Fuuh, schwierig. Aber definitiv was, über das man sich guten Gewissens aufregen darf. ;)

      Löschen
  2. Unsere heutige Welt ist leider zu kalt als dass wir ohne medialen Zirkus noch ECHTE Betroffenheit spüren könnten. Als dass wir der Nachbarin, die es nicht schafft, die Einkäufe nach Hause bringen und auf unsere Mitmenschen schauen.... *laber, sülz*
    Nee, wir sind es. Und jeder einzelne von uns kann etwas daran ändern. Und da reicht es nicht, dass man bei einem (zugegeben sehr tragischen) Flugzeugabsturz "Oh, wie schade und ach,die tun mir aber alle Leid, das muss ich jetzt unbedingt posten, damit jeder sieht, was für ein empathischer Mensch ich bin." denkt und sich dann einen Tag lang super rüksichtsvoll etc. fühlt.

    Ähm. Ich weiß nicht genau, ob daraus jetzt überhaupt klar wird, was ich sagen wollte.. ;)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Doch, das war schon verständlich. ;) Das meinten wir ja letztlich auch - dass es einfach zu nichts führt, sich nach Katastrophen wie dieser öffentlich vor Betroffenheit zu überschlagen, während man ansonsten ... ja, kalt bleibt. Dass alle Menschen, die so handeln, tatsächlich kalt sind, glauben wir eigentlich nicht mal - es ist halt unendlich viel schwieriger, sich »in echt« zu kümmern (und sei es nur ein kurzes Gespräch, selbst das ist ja oft zu viel, da nehmen wir uns selber nicht aus), als bei Katastrophen medial wirksam rumzuheulen.

      Löschen
    2. Ich bekenne ganz ehrlich, daß mir der Flugzeugabsturz nicht nahe geht. Ich kenne niemanden, der an Bord war. Damit hat der Tod der 150 Passagiere und Crewmitglieder für mich die gleiche Qualität wie 150 Verkehrstote, 150 im Kampf getötete Soldaten oder 150 AIDS-Tote. Eine solche Aussage passt zwar nicht in die politisch korrekte Zeit, aber man muß es mal sagen dürfen.

      Wieso müssen sich Spitzenpolitiker an der Unfallstelle blicken lassen? Interessiert es die Menschen vor Ort wirklich, ob Frau Merkel ihnen Mut zuspricht? Oder sind sie eher genervt um den ganzen Budenzauber, den so ein Politikerbesuch mit sich bringt und alles behindert?

      Und was die Medien angeht: Wo ist der informelle Mehrwert oder wegen meiner auch die gesteigerte Sensation, wenn man den Copiloten mit vollem Namen und Foto präsentiert? Und dazu sein Wohn- und Familienumfeld präsentiert? Nirgends. Außer, daß Unschuldigen das Leben zumindest für eine Zeit zur Hölle gemacht wird.

      Ich verstehe es einfach nicht.

      Löschen
    3. Absolute Zustimmung, vor allem zum letzten Satz im dritten Absatz. Das ist das Schlimmste an der ganzen Sache.

      Auch beim Rest stimmen wir dir zu. Es IST für uns zwar heftig, uns dieses Unglück vor Augen zu rufen - aber eben nicht heftiger als andere Todesfälle. Die Qualität des Unglücks ist für uns keine andere als die jener Tode, die nicht so aufgebauscht werden.

      Löschen

 
Images by Freepik