Mittwoch, 14. Januar 2015

Hallo, Würde. Du kommst wieder nicht zum Kaffee, was?

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Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen habe ich heute endlich das Jobcenter telefonisch erreicht. Von diesem bin ich im Rahmen meiner Pflegetätigkeit existenziell abhängig, da häusliche Pflegepersonen in Deutschland für ihre Arbeit weder ein Gehalt noch eine Krankenversicherung bekommen.

Es ging vorrangig um meine geplanten Veröffentlichungen beim Verlag in Farbe und Bunt. Konkreter: um die Frage, wie sich ein potenzielles Einkommen (dessen Höhe derzeit nicht abschätzbar ist, da der Verlag ein Start Up ist und selbst noch nicht weiß, wie die Verkaufszahlen aussehen werden) auf meine Leistungen und vor allem unsere Krankenversicherung auswirken wird. Letztere ist leider an diese Leistungen gekoppelt; »nur Krankenversicherung« gibt es nicht, selbst wann man so zurechtkäme.

Ich sollte mich eigentlich gar nicht mehr wundern, tue es aber trotzdem: Womöglich falle ich aus dem Leistungsbezug, nur weil ich überhaupt ein Einkommen in Aussicht habe.

Eine Möglichkeit, das zu umgehen, wäre, wenn ich vom Verlag eine Prognose bekäme, wie viel ich monatlich verdienen werde. Was vermutlich überhaupt nicht machbar ist, die Veröffentlichung eines Buches ist schließlich nicht mit einem Festgehalt gleichzusetzen. Ich bin aber gesetzlich verpflichtet dazu, dem Jobcenter diese Prognose mitzuteilen, und müsste das ansonsten selber schätzen. In dem Fall würden sie mit einem fiktiven Einkommen rechnen, und die Seite, die bei der endgültigen Abrechnung zu viel Geld hat (also zu viel erhalten oder zu viel einbehalten), müsste das ausgleichen. Sollte ich dann auch nur in einem einzigen Monat mehr durch die Bücher eingenommen haben, als mir an Leistung zusteht, wird auch die Krankenversicherung für diesen Monat gestrichen. Unabhängig davon, dass das kein Dauereinkommen ist.

Wenn ich keine Schätzung abgeben kann, fliege ich vorsorglich aus der Leistung und habe ab dem Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung auch keine Krankenversicherung mehr, und Georg als Familienversicherter damit auch nicht. Dass ich gar nicht arbeitslos bin, er schwer pflegebedürftig ist und wir auch vom Pflegegeld leben (das nur fließt, wenn die Krankenversicherung nahtlos weiterläuft), lassen sie als Argument nicht gelten; das ist unser Problem.

Ich habe darauf bestanden, dass mich ein Mitarbeiter der zuständigen Abteilung persönlich zurückruft; bislang habe ich ausschließlich mit einer Mitarbeiterin aus dem Service-Center gesprochen. Das wird zwar nichts an den Tatsachen ändern, aber ich möchte schlichtweg wissen, wer konkret in diesem ganzen Fall mein Ansprechpartner ist.

Ich kann verstehen, wenn Menschen mir jetzt raten, einen Rückzieher zu machen. Der Verlag ist so neu und klein; ich werde mit den Büchern keine Reichtümer verdienen. Schon gar nicht dauerhaft. Ich bin in erster Linie Pflegeperson, keine Berufsautorin (weshalb die Künstlersozialkasse mich nicht aufnehmen wird). Und einfacher wäre es garantiert, dem Verlag zu sagen, dass ich unter diesen Umständen nicht veröffentlichen kann – die Leute da sind so nett und verständnisvoll, dass sie die Verträge annullieren würden, da bin ich mir sehr sicher.

Ich weiß natürlich, dass ich eine Verantwortung habe. Ich bin dafür verantwortlich, dass Georg dauerhaft krankenversichert ist, und mir ist bewusst, dass es eine halbe Ewigkeit dauern würde, ihn anderweitig zu versichern, wenn ich aus der KV rausfliege. Es wäre klüger, zu sagen: Das kann ich SO nicht machen.

Aber wir beide, Georg ebenso wie ich, sind der Meinung: Wenn wir uns von diesem Staat derart einschränken und unter Druck setzen lassen, können wir uns auch gleich umbringen.

Es geht nicht um etwas Großes. Es geht nicht um gigantische Auflagen. Keiner wird mich als bekannte deutsche Autorin sehen und wir werden auch nicht reich dadurch.

Aber es geht darum, etwas tun zu können.

Nicht vor einem Staat in die Knie zu gehen, dem eigentlich vor die Füße gekotzt gehört. Weil er Menschen, statt sie in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen, bereits im Vorfeld so sehr einschüchtert, dass sie sich fragen müssen, ob ihre eigene Leistung all diese Schwierigkeiten überhaupt wert ist. Ob sie nicht lieber reglos verharren sollten, wo sie sind, weil alles andere ihre Existenz gefährdet.

Vielleicht kriegen wir es ja hin, ein Einkommen durch die Bücher zu schätzen. Ob und wie lange das überhaupt fließen wird, kann im Moment aber wirklich keiner mit Sicherheit sagen.

Zum Kaffeetrinken kommt die Würde sicher nicht zu uns. Aber wenn wir uns ab und zu zufällig begegnen, lassen wir sie zumindest nicht so tun, als würde sie uns nicht kennen.

Kommentare:

  1. O.O
    Kopf ---> Tisch.

    Aber "Deutschland geht es gut, das ist ein Grund zur Freude", sagt Frau Merkel. (Aber nur, wenn man nichts tut.)
    Ähm. o.o

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    1. Ja. o.o

      (Sehr geistreiche Antwort, gell, aber das ist alles, was uns noch einfällt. o.o)

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  2. Jobcenter - oh Mann. Das ist ja eine verzwickte Situation. Kennst Du schon dieses Forum? Vielleicht kann Dir dort jemand spezieller weiterhelfen? http://hartz.info/

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    1. Danke dir für den Link, sehr lieb! :)

      Eine Rechtsberatung brauch ich zum Glück gar nicht, die bekomme ich gratis beim VdK, falls es nötig werden sollte. :)

      In jedem Fall werde ich von nichts zurücktreten. Als Mensch, der Vollzeit arbeitet, Hartz IV zu brauchen, um überhaupt krankenversichert zu sein, reicht mir an Demütigung schon aus - anderweitig einschüchtern lasse ich mich von den Ämtern nicht. Dagegen, dass Georg im ärgsten Fall auch nicht mehr krankenversichert wäre, würden wir dann aber natürlich rechtlich vorgehen, sobald es sicher wäre; daran sind dann aber auch noch andere Ämter beteiligt, und wärgs.

      Ich hab inzwischen aber vom Verlag einen Lösungsvorschlag bekommen, mit dem das Amt hoffentlich zufrieden ist - darüber blogge ich dann (hoffentlich *gg*) morgen. :)

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  3. Oh man, es ist ja nicht so ... als würde das Leben euch nicht schon genug Steine in den Weg werfen. In Sachen JobCenter ... erwarte nicht, dass dich einer, der für die Leistung zuständig ist, anruft. Die haben mit ihrem Kaffee genug zutun. (Wenn die dich aber schon angerufen haben, dann Hut ab ... unser JobCenter denkt da überhaupt nicht dran.)

    Gibt es keine Möglichkeiten von Seiten des Verlages, eine Prognose zu bekommen? Ich meine so hoch dürfte das Einkommen nicht sein, ich glaube kaum, dass du allein durch ein Buch so bekannt wirst.

    Ich drücke euch beide Daumen, dass ihr das Kind irgendwie schaukelt!

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    1. Danke dir! <3

      Bislang hat niemand angerufen - in der Vergangenheit aber durchaus schon mal, wenn ich um Rückruf gebeten hatte. Warten wir es ab, ich geb dann Bescheid.

      Nein, eine echte Prognose kann der Verlag nicht stellen, weil er absolut neu ist und ich komplett unbekannt bin - und du hast recht, bekannt werde ich mit einem bzw. zwei Büchern nicht, zumal ich aufgrund meiner Pflegetätigkeit auch keine Lesungen etc. halten kann. Der Verlag hat mir aber einen anderen Lösungsvorschlag gemacht, den ich gut finde - darüber wollte ich heute eigentlich bloggen, bin mir nun aber nicht mehr sicher, ob das heute noch klappt. In jedem Fall gibt es einen Eintrag darüber, sobald alles geklärt ist. :)

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