Donnerstag, 5. Juni 2014

Sind Autoren die besseren Faker? Und wie sind die, die besser mit ihnen umgehen können (als ich)?

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Tausend Dank an F., H., R. und J. fürs Vorab-Lesen. ♥

Eigentlich sollte der folgende Text ein Essay werden. Aber allein die Definition des Begriffs Essay – eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phänomene betrachtet werden – zeigt mir, dass das nicht funktionieren wird. Ich kann bei diesem Thema nicht geistreich sein. Und erst recht nicht objektiv, wobei letzteres in einem Essay ja gar nicht nötig wäre. Wie auch immer: Ich habe mich gegen den Essay und für einen Blog-Eintrag entschieden, weil ich glaube und hoffe, dass meine alles andere als professionelle Herangehensweise an das Thema und die Fragestellung hier einfach besser aufgehoben ist.

Zuallererst: Ich nutze das Internet nun seit zwölf Jahren aktiv. Nicht immer regelmäßig, zeitweise hatte ich auch überhaupt keinen eigenen Anschluss – aber ausreichend, um online einige Menschen näher kennenzulernen. Im Hinblick auf diese Zeitspanne ist die Anzahl der Faker – in diesem Zusammenhang: Menschen, die das Internet dazu missbrauchen, sich für jemanden auszugeben, der sie nicht sind –, mit denen ich oder Freunde/Bekannte persönlich zu tun hatten, relativ gering. Mir geht es hier aber nicht um die Anzahl solcher Fälle, sondern um die Art und Weise, auf die diese Faker ihre Opfer getäuscht haben – und die Fragestellung, ob Autoren so etwas tendenziell besser beherrschen als Nicht-Autoren.

Hier kommen die Faker-Fälle, die mir in meiner bisherigen Internetnutzerzeit begegnet sind – allesamt verfremdet, aber im Kern nicht verfälscht. Zwei habe ich persönlich erlebt, die anderen wurden mir von Freunden und Bekannten geschildert. Die Namen sämtlicher Betroffener, auch die der Faker, wurden von mir geändert; Nicknames oder gar reale Namen werden von mir nicht weitergegeben. Hier soll es nicht vorrangig um die Einzelfälle gehen, diese sollen nur der Verdeutlichung dienen, wie so etwas ablaufen kann.

• Ellen und einige ihrer Online-Freundinnen lernen über ein Autorenforum den alleinerziehenden Vater Bruno kennen. Bruno beeindruckt sie alle tief mit seiner Offenheit und dem Lebensmut, mit dem er sich um seine kleine Tochter kümmert – und ist eines Tages einfach von der Bildfläche verschwunden. Alle sorgen sich um ihn, doch es besteht keine Kontaktmöglichkeit, da Bruno sich diesbezüglich immer sehr bedeckt gehalten hat. Zu einem späteren Zeitpunkt erfährt Ellen, dass es sich bei Bruno in Wahrheit um eine junge Frau gehandelt hat, die hinter den Kulissen als Faker enttarnt wurde.

• Tanja lernt über ein Buchforum den Studenten Sandro kennen. Sie teilen zahlreiche Interessen und freunden sich rasch an, und Sandro vertraut Tanja viel über sein Privatleben an, so zum Beispiel, dass er an einer schweren Sozialphobie leidet und ihm ein realer Kontakt daher derzeit unmöglich ist. Zumindest auf einen Foto- und Adressaustausch lässt Sandro sich jedoch nach einiger Zeit ein, weswegen sich die im Internet noch unerfahrene Tanja bezüglich seiner »Echtheit« sicher fühlt. Nach über zwei Jahren Freundschaft möchte sie sich jedoch auf realer Ebene nicht mehr abwimmeln lassen und setzt Sandro diesbezüglich unter Druck. Dieser knickt schließlich ein und gesteht Tanja, in Wahrheit eine junge Frau zu sein, die ihren Fake-Namen sogar auf ihren Briefkasten klebte, um für Tanja postalisch erreichbar zu sein, ohne die falsche Identität aufgeben zu müssen. Die Fotos, die Tanja von »Sandro« erhielt, zeigten einen Bekannten der jungen Frau.

• Natascha lernt über ein Autorenforum André, einen sterbenskranken Jungen kennen. Der Mut, mit dem der Jugendliche sein Schicksal öffentlich macht und darüber schreibt, rührt Natascha, die selbst Mutter ist, zutiefst, und rasch entsteht auch ein postalischer Kontakt zwischen ihnen. Auch zu erwachsenen Angehörigen Andrés hat die verantwortungsbewusste Natascha Mailkontakt, ein reales Treffen ergibt sich jedoch aufgrund der schwierigen Gesamtsituation nie. Bis sich herausstellt, dass die schwierige Gesamtsituation folgende ist: André hat nie existiert. Es handelt sich bei seiner Person um einen Erwachsenen, der sowohl die Rolle des todgeweihten Jugendlichen als auch die seiner Angehörigen gespielt hat – jeweils mit einer eigenen E-Mail-Adresse und einer anderen »Erzählstimme«.

• Mareike lernt über ein Autorenforum die gleichaltrige Eva kennen. Rasch entspinnt sich eine intensive Mailfreundschaft zwischen den beiden, sie tauschen sich über vielfältige Themen aus und auch die jeweilige reale Identität wird zügig preisgegeben. Der Kontakt weitet sich aus, es werden Briefe und Karten versendet, gelegentlich telefoniert, einige Male treffen sich die beiden sogar persönlich. Doch im persönlichen Bereich gibt sich Eva wesentlich reservierter als auf schriftlicher Ebene. Anfangs hält Mareike das für normal, ticken nicht alle Autoren ein wenig so? Doch schließlich stellt sich heraus, dass der Großteil dessen, was Mareike in Mails und Briefen über Eva erfahren hat, erfunden war. Eva existiert tatsächlich, lebt aber größtenteils ein völlig anderes Leben, als sie Mareike immer berichtet hat.

• Tina lernt über ein Autorenforum den wesentlich jüngeren Maik kennen. Der Jugendliche vertraut ihr nach einiger Zeit an, dass er zu Hause körperlich misshandelt wird. Auch von sexuellen Übergriffen ist die Rede. Jemandem aus dem Internet seinen realen Namen oder gar seine Adresse zu nennen, sei ihm verboten worden, meint Maik. Dennoch forscht Tina nach, um dem Jungen zu helfen – doch plötzlich bricht der Kontakt abrupt ab. Tina setzt alles Erdenkliche in Bewegung, um herauszufinden, was passiert ist, und es gelingt ihr, über das Internet eine junge Frau ausfindig zu machen, die sich als Maiks Verwandte ausgibt – mit eigener E-Mail-Adresse und einem völlig anderen »Erzählton«, als es der von Maik war. Dennoch stellt sich auf Tinas hartnäckiges Nachbohren letztlich heraus, dass Maik niemals existiert hat. Die junge Frau hat ihr beide Rollen nur vorgespielt: die Maiks ebenso wie die seiner Verwandten.

• Silke lernt über ein Autorenforum den schwulen Henri kennen. Er ist aufgeschlossen und humorvoll, und sein Profilbild zeigt regelmäßig neue Fotos desselben jungen Mannes. Dennoch, etwas an Henris Auftreten macht Silke im Lauf der Zeit misstrauisch. Sie bohrt nach – und erhält das Geständnis einer Jugendlichen, Henri nur gespielt und dafür Fotos eines Bekannten der Familie benutzt zu haben.

Sechs Fälle, von denen ich weiß. Zwei Fälle, die ich persönlich erlebt habe. Manche mehr, manche weniger schwerwiegend. Manche, die eher nach Zeitvertreib und Verarsche riechen, und einige, die schwerwiegende psychische Probleme der Faker erahnen lassen.

Zwei gemeinsame Nenner jedoch gibt es bei allen: Einmal die tiefe Verunsicherung derer, die auf die jeweiligen Faker hereingefallen sind, auch dann, wenn es eine vergleichsweise »harmlose« Geschichte war – und dann noch eine andere Tatsache: Ausnahmslos alle der hier aufgeführten Faker waren oder sind aktive (Hobby-)Autoren. (Es dürfte unschwer zu erraten sein, welches Autorenforum gemeint ist; ich war ja bis vor Kurzem ausschließlich in einem einzigen angemeldet. Was mir hierzu wichtig ist: Die Seite FanFiktion.de kann nichts dafür, dass solche Menschen sich darauf tummeln. Das ist einfach nur ein hässliches »Nebenprodukt« der Größe des Archivs, denke ich.)

Klar kann man nun sagen: »He, du bist ja selber (Hobby-)Autorin, da triffst du halt einfach meistens auf Leute, denen das über einen Bereich passiert ist, in dem du selber aktiv bist.«

Stimmt, ja. Und ich bezweifle nicht, dass es auch in anderen Online-Bereichen (vor allem in Partnerbörsen) extrem heftige Faker-Fälle gibt. Aber ich kenne ja nicht ausschließlich Autoren, weder online noch im realen Leben. Die Nicht-Autoren unter den Menschen, die ich kenne, hatten durchaus auch schon Online-Zusammenstöße mit anderen Nicht-Autoren, die »nicht ganz koscher« zu sein schienen. Der große Unterschied: Sie haben es frühzeitig gemerkt. Haben an der Ausdrucksweise und Selbstpräsentation des Betreffenden erkannt, dass irgendetwas faul ist, nicht stimmen kann, einfach nicht passt. Im schlimmsten Fall ging so etwas dann mal zwei, drei Wochen – nicht etwa Monate oder gar Jahre.

Und hier setzt meine Überlegung an.

Als Autorin, die nahezu ständig irgendetwas schreibt, bevorzugt Tragikomödien mit sichtbarer Entwicklung der Protagonisten (und himmelschreienden LdE-Kitsch, ja ♥), fällt es mir wahnsinnig leicht, meine »schriftliche Stimme« zu verstellen. Ich schreibe gern in der Ich-Perspektive und wurde schon häufig lobend darauf hingewiesen, dass nahezu jeder meiner Ich-Protagonisten eine andere Erzählstimme hat.

Und wer so etwas kann und es auf fiktiver Ebene regelmäßig tut, verliert diese Fähigkeit im zwar realen, aber immer noch schriftlichen Bereich ja nicht einfach. Wer als aktiver Autor das Bedürfnis hat, in einem anderen Ton mit seinen Online-Freunden in Kontakt zu treten, als er das im persönlichen Aufeinandertreffen über einen wirklich langen Zeitraum bewerkstelligen könnte, hat auch das Zeug dazu. Die Fähigkeit und den Spaß daran, sich spannende, dramatische Schicksale auszudenken, bringt er ohnehin schon mit.

Klar, es gibt auch von Angesicht zu Angesicht sehr gute Schauspieler. Aber das erstreckt sich meist nur auf oberflächliche Kontakte. Sich innerhalb einer innigen Freundschaft, in der man fast täglich miteinander Umgang hat, permanent gänzlich anders zu geben, als man ist – das dürften die wenigsten Menschen schaffen. Nicht auf Dauer.

Vielleicht sind diese Überlegungen zu sehr von dem geleitet, was ich erlebt und erfahren habe. Die meisten Mitglieder von Autorenforen, die womöglich hier mitlesen, werden entsetzt den Kopf schütteln und sind weit von solchen Absichten entfernt. Aber prinzipiell macht das innerhalb meiner momentanen Gedankenwelt Sinn.

Auch deshalb, weil ich – Geständnis! – sogar selbst schon einmal »Faker für einen Tag« war. Das war im zweiten Jahr von Georgs und meiner gemeinsamen Ausbildung. Ein Mitauszubildender hatte uns anvertraut, frustriert darüber zu sein, dass es ihm nicht gelang, Mädchen näher kennenzulernen, sowohl real als auch online. Real konnte ich mir das vorstellen, er war in seinem Auftreten teils recht unsicher und überspielte das mit Überheblichkeit, aber online? Das verstand ich nicht. Ich hatte schon damals viele Online-Kontakte, und gerade das wäre eine Möglichkeit für ihn gewesen, erst mal mit Charakter zu überzeugen. Dann schaute ich mir seine Online-Profile an und sah sofort klarer: Fußballparolen, sonstige sinnfreie Sprüche (dabei war der Kerl selber nicht doof), Fotos von Fußballern als Profilbilder – dass da keine Frau drauf ansprang, war mir schon klar. Also erstellte ich ihm mit seinem Einverständnis ein neues Profil bei einem regionalen sozialen Netzwerk, befragte ihn zu Hobbys und Interessen, schrieb ihm entsprechende Texte dazu – und fertig. Mit diesem Profil schrieb ich dann einmalig eine junge Frau an und unterhielt mich mit ihr, und zwar in dem Ton, den ich – wenn er sich »normal« verhielt – von unserem Kollegen kannte. Sie mochte ihn bzw. mich und fügte ihn sofort in ihre Freundesliste ein, worauf ich ihm das Profil übergab und er das Passwort änderte.

Wirklich nähergekommen sind sich diese beiden dann nicht, und ich denke, das hat in einem so begrenzten Rahmen stattgefunden, dass ich es nicht verwerflich finden müsste – nach all diesen »richtigen« Faker-Geschichten fühlt es sich für mich inzwischen aber dennoch so an.

Und ihr seht sicher, worauf ich hinauswill: Es fiel mir leicht, auf schriftlicher Ebene so zu tun, als wäre ich er. Seine Ausdrucksweise zu imitieren. Auf die junge Frau nicht automatisch wie eine andere Frau zu wirken. Wie sich das hätte entwickeln können, wenn ich vorgehabt hätte, längerfristig die Rolle unseres Kollegen zu spielen, weiß ich nicht. Ob ich »gut« genug dafür geschrieben hätte. Aber vorstellen kann ich es mir, auch wenn ich mir definitiv nicht vorstellen kann, jemanden so zu verarschen.

Garantiert gibt es auch Nicht-Autoren, die so etwas beherrschen. Aber Menschen, die ohnehin regelmäßig schreibenderweise in andere Köpfe und Identitäten schlüpfen, haben es vermutlich leichter – und wer zu einem gravierenden, realistisch gestalteten Fake-Auftritt in der Lage ist, wäre wahrscheinlich auch kein übler Autor.

So viel dazu. Ich möchte mich hier nun weder in Analysen verlieren, warum Menschen zu Fakern werden, noch will ich auf »meinen« Fakern herumhacken – das führt zu nichts. Nachtreten verschafft weder den Opfern nachträglich Gerechtigkeit, noch wird es Faker, deren Unrechtsbewusstsein quasi nicht vorhanden ist, läutern. Klar, das Bedürfnis, so jemanden an den Pranger zu stellen, ist oft groß. Aber wem würde es helfen? So würde lediglich neuer psychischer Stress entstehen, auch und gerade für die ehemaligen Opfer.

Was für mich nun aber ein wirklich gravierendes Problem darstellt, ist das Weitermachen. Ganz gleich, wie viel Zeit vergeht – das Misstrauen, das diese Erlebnisse (und jedes Mitbekommen ähnlicher Erlebnisse) in mir geschürt haben, lässt sich nicht mehr vollständig abschütteln.

Natürlich gibt es auch andere unschöne Erfahrungen, die man online machen kann. Von Lästereien über Shitstorms bis hin zu handfestem Stalking – das Internet macht solche Dinge erschreckend leicht. Aber: Probleme dieser Art können ebenso gut aus dem realen Leben heraus entstehen. Man muss einen Menschen nicht online kennengelernt haben, um in so etwas verstrickt zu werden; auch Kontakte, die man von Angesicht zu Angesicht geknüpft hat, können irgendwann auf solch einer Ebene landen. Daher haben sie mit der vorrangigen Fragestellung hier nichts zu tun. Man muss kein Faker sein, um sich so zu verhalten. Auch wenn das Internet vielen Leuten diesbezüglich mehr (Pseudo-)Mut verleiht, als sie ihn im wahren Leben jemals hätten, ist das ein Bereich, den ich mit diesem Text nicht meine.

Alles in allem habe ich inzwischen, denke ich, eine ziemlich verzerrte Wahrnehmung von Online-Kontakten.

Georg schreibt schon allein behinderungsbedingt nicht annähernd so viel wie ich und kommt daher selten in Situationen, wo sich ausschließlich auf schriftlicher Ebene intensive neue Kontakte entwickeln könnten. Bei mir sieht es durch all meine Geschichten etc. natürlich anders aus. Einzelne meiner liebsten Freunde habe ich so kennengelernt.

Aber Fakt ist: Ich werde – nein, ich bin es längst, es wird nur im Lauf der Zeit extremer – paranoid. Zutiefst misstrauisch. Ich habe keinen echten Spaß mehr daran, irgendwo online näheren Kontakt mit Menschen zu haben. Ich versuche es, weil das lange Zeit ein wichtiger Teil meines Lebens war, aber wirklich gut klappt es nicht. Ich habe u.a. einen fertigen Roman auf der Festplatte herumliegen (nicht der hier, sondern mein allererster, der schon mal auf FF.de online war und nach seiner Überarbeitung wieder eingestellt werden sollte), aber allein bei der Vorstellung, dass mir darauf vollkommen fremde Menschen Feedback geben und diese dann erwarten könnten, dass wir unseren Kontakt vertiefen, bekomme ich ein wahnsinnig schlechtes Gefühl. Ich kann mir nicht vorstellen, in absehbarer Zeit jemandem völlig Neuem etwas Persönlicheres von mir zu erzählen oder dergleichen. Adressaustausch zum momentanen Zeitpunkt? Keine Chance. Und im Umkehrschluss frage ich mich, ob ich bei so einem Verhalten dann womöglich selber für einen Faker gehalten werden würde.

Das ist, gemessen an allem hier Geschilderten, vielleicht sogar eine normale Reaktion. Was die Gedanken an sich aber nicht weniger paranoid macht.

Und hier kommt der zweite Teil des Titels ins Spiel. Wie sind die, die besser mit Fakern etc. umgehen können (als ich)? Wie sind die Menschen, die besser mit hässlichen Interneterlebnissen umgehen können (als ich)? Wie bleibt man offen für neue Menschen, wenn selbst Fotos, Adressaustausch, Telefonate und reale Treffen keine Garantie mehr dafür sind, es mit einem wahren Menschen zu tun zu haben, nicht mit einer ganz oder teilweise erfundenen Kunstfigur?

Bitte nicht falsch verstehen: Es gibt durchaus Menschen im Internet, bei denen ich davon ausgehe, dass sie selbst auch sie selbst sind. Davon dürfen sich jetzt einfach mal alle angesprochen fühlen, die Post, Reviews, Blog-Kommentare etc. von mir bekommen oder mit denen ich regelmäßig telefoniere.

Aber offen für gänzlich neue Freundschaften bin ich nicht mehr. Ganz und gar nicht. Und ich habe keine Ahnung, ob man daran etwas ändern kann oder es überhaupt sollte. Die geschilderten Fragestellungen werden mich wohl noch lange begleiten.

Was ich versuchenmöchte, ist, irgendwann (...) in absehbarer Zeit wieder mehr auf Seiten online zu kommen, die ich lange weitgehend gemieden habe wegen des Großen Ganzen. Weil ich zumindest genug von Psychologie verstehe, um zu wissen, dass eine Vermeidungshaltung langfristig alles nur noch schlimmer macht, auch wenn ein Teil von mir manchmal am liebsten gar nichts mehr im Internet tun würde.

Falls sich jemand fragt, ob unser plötzliches Abtauchen im Januar etwas mit dieser ganzen Problematik zu tun hat: Auch, weil ich durch all das ohnehin schon paranoid war. Aber da ging es um mehr, was Georg und mich als Privatpersonen betrifft. Doch auch hier haben wir nach einer Weile entschieden, dass das Vermeiden langfristig nichts bringt. Wir sind nur noch vorsichtiger geworden mit dem, was wir hier auf dem Blog und allgemein von uns preisgeben.

Es gibt Menschen, die ich wirklich bewundere. Die abgrundtief ekelhafte Sachen im Internet erlebt haben und anderen – mir zum Beispiel – dennoch freundlich und aufgeschlossen begegnen. Obwohl ich offen sage, dass ich im Augenblick keine wirklich intensiven neuen Kontakte haben möchte. Ich wünschte, ich könnte so sein. Ich schätze, ich war es mal – aber ich bin durch. Ich mache nichts mehr, was ich online tue, mit reiner Freude. Ob ich blogge, lese, kommentiere, chatte, nahezu schmerzhaft kitschiges (aber geliebtes) Zeug hochlade oder auf Twitter unterwegs bin – ein fahler Beigeschmack bleibt, obwohl ich all das gerne tue. Obwohl es mir immer noch Spaß macht.

Ich gebe mich der Vielleicht-Illusion hin, dass ein kleines Kunst- und Schreibforum wie Poolys, wo ich seit einem Monat angemeldet bin, für Faker weniger reizvoll ist als z.B. ein riesiges Archiv wie FanFiktion.de – wäre ich ein Faker, würde ich mir wohl Seiten aussuchen, auf denen ein Auffliegen unwahrscheinlich ist und, falls es doch so weit kommt, nicht gleich die ganze Community Bescheid wüsste. Aber Spekulationen darüber sind leider müßig. Wer absolute Sicherheit braucht, bleibt dem Internet besser komplett fern.

So. Für einen Essay ist das hier jetzt echt zu mies geworden, aber für den Blog finde ich es okay.

Falls das hier von jemandem gelesen wird, der Ähnliches erlebt hat wie die hier beschriebenen Faker-Fälle: Wie geht ihr damit um? Wart ihr danach ähnlich misstrauisch wie ich? Wenn ja, wann seid ihr darüber hinweggekommen? Seid ihr es überhaupt?

Ob ich jemals wieder mit einem ganz und gar guten Gefühl online unterwegs sein werde, weiß ich nicht. Es gibt viele Dinge, die mir definitiv noch Spaß machen, aber wie bereits geschrieben: ein fahler Beigeschmack bleibt.

Kommentare:

  1. Hallo Alex,

    bis jetzt hab ich sehr selten kommentiert, aber hier will ich unbedingt - und gerade bei deinem Post hier bin ich jetzt unsicher, weil ich mich frage, ob du überhaupt ernst nehmen kannst was ich schreibe, wenn du denken könntest, ich wäre nur ein Faker der sich deine Freundschaft erschleichen will. Hm. Aber andererseits ist genau das das, was ich auch unbedingt sagen will.
    Ich verstehe dass du jetzt so zurückhaltend und misstrauisch bist. Dass es Angst macht, um solche Geschichten zu wissen. Aber, etwas was ich bei Fakern auch immer wichtig finde: Der Kontakt war gespielt, aber er muss ja nicht zwingend sinnlos oder schlecht werden dadurch.
    Vielleicht kann ich das besser erklären: Ich habe drei Jahre bei einer Onlineberatungsstelle mitgearbeitet. Da hatten wir auch das Problem, dass es selbstverständlich vorkommen kann, dass Faker Anfragen an uns stellen, und irgendwie muss man damit umgehen. Wir haben aber immer sozusagen nach der Unschuldsvermutung gehandelt: Solange nicht (per IP-Adressen-Abgleich etc) bewiesen ist, dass es sich um einen Faker handelt, tun wir so als wäre es echt, auch wenn unser Gefühl etwas anderes sagt. Und zwar deswegen, weil man verdammt viel Schaden anrichten kann, wenn man jemandem, der alles ernst meint, böse Absichten unterstellt. Und weil es einem selbst das Leben schwer macht. Ich finde im persönlichen, wie bei dir grade, ist es eigentlich das gleiche. Klar - wenn das wirklich ein Fake-Kontakt ist, tut das weh und ist echt bescheuert. Aber ich glaube, mir persönlich würde es viel mehr weh tun, niemandem zu vertrauen aus Angst dass einer misstrauenswürdig ist, als allen zu vertrauen, und davor von einem verarscht zu werden. Ganz ehrlich: Wenn ich es vielleicht sogar nicht mal merke, was ist denn so schlimm dran? Ich hab trotzdem noch guten Kontakt mit einem Menschen, tausche mich aus - das kann mir doch trotz allem was bringen! Auch wenn ich es rausfinde: Der Kontakt war da, das was war kann nicht ungeschehen gemacht werden.
    Ich frag mich ob ich rüberbringen kann was ich aussagen will. Ich glaube ich finde, du solltest versuchen, wieder Vertrauen zu haben, weil es sich so anhört, als würde dir das Nicht-Vertrauen gerade mehr schaden als alles andere. So bringst du dich nämlich um viele tolle Erlebnisse und Menschen - um viele wahre, und vielleicht auch um ein oder zwei erfundene, die aber nichtsdestotrotz für dich persönlich toll sein können.
    Ich befürchte immer noch dass völlig unklar ist warum ich davon rede dass es doch nicht schlimm sei auf einen Faker reinzufallen :D Ich hoffe einfach ich hab doch irgendwie das rüberbringen können worum es geht.

    Und eine Sache kann ich vielleicht auch schnell los werden, wenn ich grad schon einen Kommentar schreibe: Könnt ihr das irgendwie hinkriegen dass am Post-Anfang steht, wer den Artikel eingestellt hat? Ich scroll nämlich jetzt immer bis ganz nach unten um zu wissen wer hier eigentlich was geschrieben hat ;) Wär voll cool wenn das geht.

    Liebe Grüße!

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    1. [1]

      Liebe Laura,

      nein, keine Angst - ich halte nicht automatisch jeden Menschen, mit dem ich auf irgendeine Art und Weise online Kontakt habe, für einen Faker. :D Und gerade, da du jemand bist, der eher selten kommentiert, glaub ich auch nicht, dass du daran interessiert bist, dir meine Freundschaft zu erschleichen. ;) Zumal ich nicht denke, dass meine Freundschaft etwas arg Erstrebenswertes für einen Faker ist; ich vermute, dass sich solche Gefüge eher zufällig ergeben. Ich war halt gerade da und bin darauf reingefallen, und der jeweilige Faker hat sich immer mehr in seine Geschichte verstrickt, während ich eben einfach zu naiv war, auf die Idee zu kommen, dass es so sein könnte.

      Ich verstehe deinen Gedanken, dass mir auf die Weise womöglich viele tolle Kontakte entgehen. Du hast dich (für mich) absolut verständlich ausgedrückt, zumindest habe ich diesen Eindruck – ob ich alles exakt so aufgefasst habe, wie du es gemeint hast, kann ich natürlich nicht mit Gewissheit sagen. Ich muss aber gestehen: Diese potenziellen tollen Kontakte zu verpassen, nehme ich in Kauf, mit allen Konsequenzen. Momentan zumindest und wohl noch für sehr lange. Nicht ausschließlich aus Enttäuschung und Verletztheit heraus – so ein Kontakt kann, wenn es dumm läuft, auch gefährlich sein.

      Nehmen wir mal das Beispiel »André«: Ein Erwachsener, der über Monate hinweg ein sterbendes Kind mimt, kann psychisch nicht gesund sein. Und bei aller Tragik, die dieser Mensch vermutlich trotz allem erlebt hat, um sich so zu entwickeln: Näheren Kontakt würde ich mit so jemandem nicht wollen. Da hätte ich definitiv Angst, dass da noch viel mehr nicht stimmt bei diesem Menschen. (Und ich glaube, wenn DAS »meine« Geschichte gewesen wäre, würde mein Eintrag noch um ein Vielfaches bitterer klingen.)

      Dennoch hast du natürlich recht: Gesund ist dieses Ausmaß an Misstrauen, das ich momentan an den Tag lege, nicht mehr; darum ging es mir ja unter anderen in meinem Post. Aber an das potenziell Tolle, das ich verpassen könnte, zu denken, reißt es bei mir halt nicht raus – vielleicht muss man so was aber einfach persönlich erlebt haben, um das wirklich verstehen zu können. Ich finde nicht, dass man Berufliches und Privatleben diesbezüglich vergleichen kann. Menschen zu beraten, deren Geschichte womöglich erfunden ist, ist für mich schon etwas anderes, als mit so jemandem befreundet zu sein, ihm ebenfalls Persönliches zu erzählen und dann zu erfahren, dass von seiner Seite aus keinerlei Aufrichtigkeit existiert hat.

      Zwei Punkte aus deinem Kommentar würde ich gern noch aufgreifen:

      • »Und zwar deswegen, weil man verdammt viel Schaden anrichten kann, wenn man jemandem, der alles ernst meint, böse Absichten unterstellt.«

      >> Da gebe ich dir zu einhundert Prozent Recht. Bei Menschen, die einem etwas anvertrauen und dann des Lügens beschuldigt werden, kann man verdammt viel kaputtmachen. Das ist aber letztlich nur noch ein Grund mehr, warum ich solche Fake-Shows schlimm finde. Weil dadurch auch Menschen gegenüber Misstrauen entstehen kann, die es absolut ernst meinen und das, was sie erzählen, tatsächlich erlebt haben. Ein Faker, der sich einer furchtbaren Geschichte bedient, um sich online Mitgefühl einzuholen, verhöhnt meiner Meinung nach nicht nur seine Opfer, sondern auch jene, die ein solches Schicksal eben in Wahrheit durchleben mussten.

      Aber keine Sorge: Ich würde niemals einem Menschen ins Gesicht (oder auf den Bildschirm ^^) klatschen, dass ich mich frage, ob er ein Faker ist. Ein bisschen Anstand muss schon drin sein. *gg* Aber ich habe nicht mehr das Bedürfnis, Menschen auf Online-Ebene so nah kennenzulernen, sodass sich das bei mir sowieso erübrigt.

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  2. Ich hinke euren Posts immer etwas hinterher ;)
    Mit diesem Thema habe ich mich auch intensiv befasst, aus persönlicher Betroffenheit. (Die Stifte lassen grüssen...) Dieses absolute Identität von jemandem annehmen, alles untermalt mit Fotos etc... und die beinahe lückenlose Biographie schön konstruiert. Vielleicht ist das schon ein Merkmal in einem Autorenforum, dass das diesen Menschen auf jeden Fall Spass macht. Ich gehe völlig mit dir einig, dass diese wohl einen an der Klatsche haben...
    Ich für mich habe mich aus dem Forum völlig zurückgezogen und lege keinen Wert darauf, je wieder auf diese Weise jemanden so nahe an mich heranzulassen. Was nicht heisst, dass ich mich nicht mehr mit jemandem unterhalten werde. Aber Skype benutze ich seither nur noch in Notfällen..
    Zu deiner Frage, ob andere besser damit umgehen: ich also definitiv nicht. Ich bin nicht völlig misstrauisch, aber wenn jemand (egal ob online oder direkt) von einer speziellen Kindheit oder exotischen Krankheit erzählt, läuten bei mir alle Alarmglocken.
    Liebe Grüsse an euch beide, die total echte Marianne :P

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    1. Whee, wir freuen uns, dass du hier mitliest! =)

      Uff, bei den Stiften gab es auch einen Faker? Da hab ich ja zum Glück rechtzeitig das Weite gesucht. ._. Ich glaube, ich kann, wenn ich an manche Forenbeiträge zurückdenke, erraten, wer es war, und es tut mir leid, dass du auf persönlicher Ebene ebenfalls so eine heftige Erfahrung machen musstest.

      Und du sprichst etwas an, worüber ich auch viel nachdenke: Wer von schwierigen Lebensbedingungen berichtet, läuft wirklich Gefahr, dass erst mal alle Alarmglocken schrillen. Weil alles wie schon mal da gewesen klingt und viele damit schon richtig derbe auf die Fresse gefallen sind. Das bringt mich in eine Zwickmühle - ich bin selber total misstrauisch und verstehe jeden, der es ebenfalls ist; zugleich würde ich heute aber außerhalb unseres Blogs nicht mehr offen von z.B. Georgs Erkrankung erzählen können, ohne Angst zu haben, selber für einen Faker gehalten zu werden. (Aber richtig Persönliches ist zurzeit für uns sowieso ein Tabuthema im Netz. o.o)

      Froh sein, dass man inzwischen Abstand hat - mehr bleibt einem wohl erst mal nicht. o.o Und es klingt wahrscheinlich blöd, aber irgendwie erleichtert es mich, dass die Wirkung so einer Geschichte auf dich ähnlich ist wie bei mir - weil ich mich dadurch einfach weniger »gestört« fühle. :D

      Liebe Grüße von uns beiden zurück! :)

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