Donnerstag, 12. Juni 2014

Der Fan

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Der Fan ist der Vater einer Kindheitsfreundin von mir und ein großer Anhänger des FC Bayern München, an den ich aufgrund des momentan allumfassenden WM-Wahnsinns zurzeit oft denken muss. Also, an den Fan, nicht an den FC Bayern München. An letzteren denke ich nie, außer eben in Verbindung mit dem Fan. Der Fan ist nämlich zudem für eine meiner mit Abstand lustigsten Kindheitserinnerungen verantwortlich, die ich hoffentlich nie vergessen werde.

Der Fan, ein recht kleiner, untersetzter Mann mit beginnender Halbglatze und kleinem Bierbauch, verfolgte in meiner Kindheit möglichst jedes Spiel »seiner« Mannschaft. Am liebsten direkt im Stadion, wofür er einiges an Geld ausgab; wenn es gar nicht anders ging, jedoch auch vor dem heimischen Fernseher.

Eines schönen Geburtstages seiner Tochter ging es gar nicht anders, was dazu führte, dass die kleine Kindergeburtstagsgesellschaft den Fan in voller Aktion erleben durfte.

Der Fan saß ganz allein auf dem Sofa, ein Bier auf dem Tisch, und trug eine FC-Bayern-Mütze, einen FC-Bayern-Schal sowie ein FC-Bayern-Trikot. Zur Krönung hielt er den Stiel einer kleinen FC-Bayern-Flagge in der Hand, die er abwechselnd zu begeistertem Wedeln oder erzürntem Auf-den-Tisch-Klopfen verwendete. Das begeisterte Wedeln wiederum wurde von lautstarken Anfeuerungsrufen Richtung Fernseher begleitet, das erzürnte Auf-den-Tisch-Klopfen von noch lauteren Flüchen und Beschimpfungen der Spieler.

Ich habe seltsamerweise keine Ahnung mehr, wie das betreffende Spiel ausging, womöglich waren wir da gerade im Garten – aber das Gebaren des Fans hat mich als Kind (mit ungefähr acht oder neun Jahren) gleichermaßen fasziniert und erschreckt. Die Mutter der Kindheitsfreundin versuchte gelegentlich, ihren Mann mit »W., jetzt reg di halt ned a so auf« etc. zu mäßigen, allerdings zu einhundert Prozent vergeblich.

Wenn ich heute daran denke und mir das Bild des Fans ins Gedächtnis rufe, breche ich aber einfach jedes Mal ab vor Lachen. Ich liebe das Bild des Fans in meinem Kopf, wie er begeistert wedelt, jubelt, klopft und brüllt. Vielleicht auch deshalb, weil es nicht bekloppter ist, »seine« Mannschaft durch den Fernseher anzufeuern, als mit den Charakteren aus eigenen Geschichten zu plaudern, und Bekloppte ja irgendwie zusammenhalten müssen. Und dem Fan (... und seiner ansonsten gemarterten Familie) zuliebe hoffe ich, dass Deutschland bei der WM halbwegs weit kommt.

Kommentare:

  1. Bwahahahaha! :'D
    Die Vorstellung ist echt genial. Als Hamburgerin und St Pauli-Fan aus Solidarität und weil meine Mittelstufenklasse jeden gelyncht hätte der was Anderes sagt, kann ich den Fan für gewöhnlich natürlich nicht unterstützen. Nono, keineswegs. Auch, wenn ich mindestens so bekloppt bin, wenn auch auf eine andere Art und Weise, und mich ihm deshalb ebenfalls irgendwie verbunden fühle. XD
    Man ignoriere bitte die Tatsache, dass ich außer zur WM mit Fußball nichts am Hut hab. Aber zur WM wünsch ich ihm zuliebe auch, dass Deutschland möglichst weit kommt. Ansonsten kann ich mich nämlich nie entscheiden, wen ich anfeuern soll. XP
    Ich frage mich jetzt gerade, wie ich da als Kind reagiert hätte. Ich gaube, ich wäre ziemlich befremdet gewesen und ein Fan von Bier war ich damals ja auch nicht (wie sich die Dinge ändern können .... *pfeif* *duckundwech*)
    Völlig unqualifizierter Kommentar, ich weiß, aber ich hab mich prächtig amüsiert und lenke mich gerade geradezu zwanghaft von Deutsch ab, sodass ich noch was schreiben musste. :D
    lg, Lia

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    1. Haha, yay!

      Ich dachte eigentlich, ich mach mich mit dem Fan total zum Löffel, und als Kind fand ich das Ganze auch ziemlich befremdlich (wenn auch faszinierend), aber wenn ich jetzt daran denke, muss ich ihn einfach SO anherzen. xD

      ... Bier mochte ich damals natürlich auch nicht, wogegen es jetzt ... na ja, das ist ja bekannt. :D

      Freut mich, dass ich dich amüsieren konnte. :D *dich unauffällig Richtung Deutsch schieb* :D

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