Freitag, 13. September 2013

Krankenkassenk(r)ampf

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Georg braucht einen neuen Kopfschutzhelm. Seinen jetzigen besitzt er seit nun zwei Jahren – früher braucht man gar kein neues Rezept bei unserer Krankenkasse einzureichen; wird sofort abgelehnt. Später sollte man allerdings auch kein neues Rezept einreichen, wenn man Wert auf Gepflegtheit legt, denn der Helm ist aus Leder gefertigt und stinkt nach zwei Jahren des Dauertragens einfach massiv.

Zwar hat Georgs Helm Schutzpolster zum Rausnehmen (damit er sich die Stirn nicht wund scheuert und das Leder nicht direkt mit der Haut und damit dem Schweiß in Berührung kommt; das erste Modell, das er hatte, besaß diesen Schutz nicht und das war eine Katastrophe) – trotz regelmäßiger Desinfektion und Lederreinigung ist nach zwei Jahren geruchstechnisch aber einfach nichts mehr zu machen.

Wer von morgens bis abends so ein klobiges Lederding auf dem Kopf tragen muss, sommers wie winters, schwitzt. Und Leder, das permanent mit Schweiß in Berührung kommt, stinkt – da hilft der Stoff dazwischen irgendwann auch nichts mehr. Zudem lassen sich die Schutzpolster derzeit gar nicht mehr befestigen – die dafür vorgesehenen Klettpunkte sind alle abgefallen und lassen sich auch mit Textilkleber nicht mehr befestigen.

Da unsere Krankenkasse dazu neigt, Rezepte erst mal grundsätzlich abzulehnen, habe ich diesmal noch vor der Verordnung eines neuen Helms bei der KK angerufen und der zuständigen Mitarbeiterin das Problem geschildert.

Ehe ich dazu aber kam, wurde ich mit den Worten »Isch der Helm scho wieder kaputt?« beglückt – yay, war eine Schwäbin, und die Schwaben sparen, wie wir wissen.

Nachdem ich der Mitarbeiterin erklärt hatte, dass Georgs Problem mit »kaputt« nichts zu tun hat (formstabil ist so ein Lederhelm natürlich) und ihr dann die eigentliche Problematik geschildert hatte, zeigte sie sich überraschend doch verständnisvoll – vorerst.

Wir vereinbarten, dass ich ihr das Problem noch einmal per E-Mail schildere und Fotos des Helms mitschicke, damit sie, wenn der Kostenvoranschlag des Sanitätshauses kommt, ihrem Prüfer die Notwendigkeit des neuen Helms begründen könne.

Das tat ich sehr ausführlich, wenn auch garantiert laienhaft:

Sehr geehrte Frau *Name der Mitarbeiterin*,

wie in unserem gestrigen Telefonat besprochen, erhalten Sie anbei eine Reihe von Fotos des inzwischen untragbaren Kopfschutzhelms meines Mannes.

Wie ich Ihnen bereits am Telefon erklärt habe, ist das Problem nicht die Stabilität des Helms – der Helm an sich ist natürlich formstabil. Da mein Mann aufgrund der permanenten Sturzgefahr aber von morgens bis abends darauf angewiesen ist, den Helm zu tragen, ist das Leder besonders im Stirnbereich komplett verschwitzt. Nach zwei Jahren des Dauertragens stinkt der Helm (trotz selbst finanzierter Reinigung und regelmäßiger Desinfektion) einfach zu sehr, um meinem Mann das weitere Tragen zuzumuten. Zudem sind, wie Sie den Bildern entnehmen können, auch sämtliche Klettpunkte, welche die Schutzpolster halten sollen, durch das Schwitzen bereits abgefallen. Die Schutzpolster im Helm sind jedoch zwingend nötig, da mein Mann den Helm wie gesagt im Wachzustand permanent trägt und ohne Polster seine Stirn wundgescheuert wird.

Aufgrund dieser Probleme ist, auch wenn der Helm an sich noch formstabil ist, ein neuer Kopfschutzhelm inklusive einiger (möglichst mindestens 4) wechsel- und waschbarer Schutzpolster mit entsprechender Verarbeitung notwendig. Bei unserem Hausarzttermin heute Abend (*Name unserer Hausärztin*) wird dieser hoffentlich problemlos verschrieben, sodass wir einen Termin mit einem Sanitätshaus vereinbaren können, welches sich dann an Sie wenden wird.

Ich hoffe, die Fotos und die Beschreibung des aktuellen Zustands sind ausreichend, und bitte Sie, mir darüber kurz per Mail Bescheid zu geben.

Herzlichen Dank im Voraus und liebe Grüße aus *Wohnort*

*mein voller Name*

Wie erwartet, bekamen wir das Rezept für den Helm problemlos – auch unsere Hausärztin sah sofort, dass das Tragen dieses Helms für Georg nicht länger zumutbar ist. Wer das offenbar anders sieht? Die zuerst verständnisvoll wirkende Mitarbeiterin unserer KK, deren Antwort eine volle Woche auf sich warten ließ:

Sehr geehrte Frau *mein Name*

Ich habe die Bilder unserem Orthopäditechniker gezeigt und er meinte, dass man in dem Sanitätshaus von welchem sie den Helm bezogen haben eventl. eine Rep. machen könnte. Nehmen sie bitte mit dem Sanitätshaus Kontakt auf und zeigen sie den Helm damit sie sich den Helm anschauen können.

Mit freundlichen Grüßen

*Name der KK-Mitarbeiterin*

Tja. Es ist ja nicht so, als hätten wir nicht damit gerechnet, aber der schale Beigeschmack bleibt.

Zuerst irritierte uns das abgekürzte Wort »Rep.« – wie, eine Replikation des alten Helms? Die Bildung einer exakten Kopie von Genen bzw. Chromosomen durch selbstständige Verdoppelung des genetischen Materials? Meinen die, die Kuh, aus deren Leder der Helm ... Oh, da fiel es uns ein: Es geht denen um eine REPARATUR!

Reparatur? Wie jetzt? Die Klettpunkte wieder befestigen? Und was ist mit dem Gestank des Leders? Der lässt sich nicht wegzaubern – oder etwa doch? Womöglich bei diesem sagenumwobenen Schuhmacher, der, wenn er die Absätze uralter Stinkeschuhe erneuert, das Leder von jedwedem Geruch befreit? Irre, der soll doch so teuer sein!

Ähm. Man merkt, meine Stimmung ist nicht die beste, was auch mit daran liegt, dass unsere (knapp acht Jahre alten, sehr billigen) Ess-, Wohn- und Arbeitszimmermöbel sich vor Kurzem zum Gruppenselbstmord verabredet haben und wir gerade dabei sind, alles nach und nach neu zu beschaffen (und, wenn wir eh schon dran sind, die Wohnung etwas umzugestalten und auszumisten). Das ist für uns, weil grundsätzlich alle Wege frei bleiben müssen, etwas doof, und noch mehr Stress können wir eigentlich nicht gebrauchen.

Entsprechend knapp (und definitiv nicht mehr freundlich) fiel meine diesmalige Mail aus:

Sehr geehrte Frau *Name der Mitarbeiterin*,

wie ich Ihnen bereits ausführlich am Telefon erklärt habe, geht es vor allem um den _Gestank_, den der Helm nach zwei Jahren des Dauertragens verbreitet. Stellen Sie sich vor, Sie müssten zwei Jahre am Stück dieselben Schuhe tragen, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen – würden Sie das Tragen dieser Schuhe noch als zumutbar empfinden?

Die beiden ehemaligen Angestellten des Sanitätshauses *Name*, die den Helm meines Mannes gefertigt haben, kennen sich in diesem Bereich gut aus und haben sich inzwischen selbstständig gemacht (Sanitätshaus *Name*). Diesem Sanitätshaus habe ich bereits das von unserer Hausärztin verschriebene Rezept zukommen lassen, sodass Sie bald einen Kostenvoranschlag erhalten müssten.

Wie stellen Sie sich eine Reparatur vor? Mein Mann braucht den Helm, wie gesagt, _von morgens bis abends_. Für eine Reparatur müsste er über längere Zeit auf den Kopfschutz verzichten – undenkbar. Dazu kommt, dass das Hauptproblem, der Gestank, sich durch eine Reparatur nicht vollständig beheben lässt. Lederreinigung ist auch bei uns in *Wohnort* möglich, behebt das Problem aber nicht vollständig.

Da unsere Hausärztin mit einem Blick auf den Helm sofort ebenfalls der Meinung war, dass ein neues Modell angebracht ist, bitte ich Sie, mir Ihre Ablehnung (bzw. die Ihres Technikers) ausführlich zu begründen, damit ich diese dem VdK *Ort* vorlegen kann.

Zudem möchte ich Sie erneut darauf hinweisen, dass mein Mann schwerbehindert und pflegebedürftig ist. »Einfach so auf gut Glück« nach *Ort* zu fahren, um dem Sanitätshaus den Helm vorzulegen und ihn dann evtl. sogar dortlassen zu müssen, kommt nicht infrage. In diesem Fall müsste _vorab_ für Ersatz des Helms gesorgt sein, zumindest aber für einen sicheren, behindertengerechten Transport, den ich ohne Schutz nicht gewährleisten kann.

Mit freundlichen Grüßen

*mein voller Name*

Tja. Ich hoffe, die Stellungnahme der Dame halbwegs zeitnah zu erhalten, die ich, wie angekündigt, dem VdK vorlegen werde – mich damit allein herumzuschlagen, bringt nicht viel, wie die Erfahrung gezeigt hat. Beim VdK erhalten wir, falls nötig, eine qualifizierte Rechtsberatung, und bevor ich mich auf einen sinnlosen Endlos-Mailwechsel einlasse, den ich als Laie nur verlieren kann, übergebe ich unserem dortigen Ansprechpartner lieber gleich das Steuer.

Reparieren kann man so gut wie alles. Die Frage ist, was das bringen soll, wenn das Hauptproblem an völlig anderer Stelle liegt.

Na ja. Nicht ärgern, nur (nicht mehr wirklich) wundern.

Kommentare:

  1. Och Mensch. Immer neue (unnötige) Steine, die einem in den Weg gelegt werden. -.- Ich hoffe, dass die dann doch noch einsichtig werden und drücke euch fürs Renovieren weiterhin die Daumen, dass alles gut klappt.

    Viele liebe, aufmunternde Grüße!

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  2. Absolut unverständlich. Immer wieder Ablehnungen, wo der vernünftige Menschenverstand etwas anderes zeigt. Ich hoffe und wünsche Euch, dass es nach der zweiten Mail problemlos klappt.

    Viel Spaß und keinerlei Probleme bei der Renovierung :)

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