Mittwoch, 20. März 2013

Fetzen des Irrsinns

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Ein Modehaus. Bunte Frühlingskleidung, wohin das Auge reicht. Und enge Gänge, durch die sich selbst ein aufrecht gehender, gesunder Mensch vorsichtig zwängen muss, weil auch das letzte Eckchen Platz mit einem Extraständer voller Gürtel, Schals oder Schmuck versehen werden musste.

»Whoa, das ist ja der reinste Hindernisparcours«, flüsterte ich Georg zu, als wir uns gestern Abend durch die Reihen zwängten. »Wenn wir mit dem Rolli da wären, würden wir gar nicht durchkommen.« Der Kleidung konnte ich kaum Beachtung schenken, weil ich permanent aufpassen musste, dass Georg sich nirgends verhedderte.

Ich bestelle meine Kleidung – eben wegen solcher Zustände – eigentlich lieber online, aber gestern hatte ich ein tolles Shirt im Schaufenster gesehen, und da ich selten Kleidung finde, die mir ohne Einschränkung gefällt, wollte ich es gern anprobieren.

Eine Verkäuferin mit Luchsohren, die ich bis dahin für eine in den Regalen kramende Kundin gehalten hatte, wandte sich zu uns um, starrte Georg an und meinte leicht vorwurfsfoll: »Das ist ja auch die Damenabteilung!«

Ich schüttelte den Kopf. »Und Damen sind grundsätzlich nicht behindert und kommen hier alle problemlos durch?«

Mir ist klar, dass eine nicht allzu große Verkaufsfläche genutzt werden muss, und ohne diesen Kommentar hätte ich mich nicht weiter über die Platzsituation aufgeregt. So aber konnte ich den Mund nicht halten, und statt einer Antwort drehte sich die Verkäuferin um und nestelte weiter geschäftig an der Ware herum.

Augenrollend gingen wir ebenfalls weiter und erreichten schließlich den Umkleidebereich, wo ich Georg mangels anderer Sitzgelegenheiten in eine freie Kabine brachte, die mit einem Hocker ausgestattet war. Mich stört es nicht, wenn er mit mir in der Kabine ist, und die Verkäuferin, die in diesem Bereich Ware zusammenlegte, war sehr freundlich und meinte auf meine Rückfrage, dass das in Ordnung ginge. Ein paar junge Mädchen, die sich auf den Weg zu anderen Kabinen machten, schauten pikiert, aber solange es sonst keine Probleme gibt, ist uns so etwas weitgehend egal.

Nachdem ich das gewünschte Shirt mit Hilfe der netten Verkäuferin endlich gefunden hatte, stellte ich fest, dass es in meiner eigentlichen Größe ausfiel wie ein Unterhemd für eine halbierte Barbiepuppe. Ich trage normalerweise Größe L – zwar kann ich mich auch in M quetschen, aber ich mag es nicht, wenn Kleidung eng anliegt, egal wie oft man mir sagt, das würde gut aussehen. Und nachdem ich vor Kurzem schilddrüsenbedingt ohnehin fünf Kilo zugenommen habe, ist mir L auf jeden Fall lieber, schließlich weiß ich nicht, ob mir da irgendwann noch mehr blüht. Jedenfalls: L war im Fall dieses Shirts zur Hungerhakengröße mutiert, und ich musste eines in XXL nehmen, um überhaupt in das Teil reinzupassen.

»So, wie das Shirt ausfällt, fühlt man sich ja wie ein Walross«, meinte ich an der Kasse eher scherzhaft zur Kassiererin.

»Das ist eben junge Mode!«, verteidigte sie sofort mit bissigem Gesicht ihre Ware. »Da muss man doch damit rechnen, dass alles sehr schmal ausfällt!«

Urghs. Schon wieder. Hätte sie in ganz normalem Ton geantwortet, dass die Sachen wirklich klein ausfallen oder meinen Kommentar schlichtweg ignoriert, hätte ich mich kein bisschen aufgeregt. So aber packte mich das Bedürfnis, die Dame ein wenig zu ärgern:

»Umso schlimmer. Ich kann mir mit 30 sagen, dass die Kleidung unverhältnismäßig klein ausfällt und das Problem nicht bei mir liegt. Meine Nichte ist im heftigsten Teenageralter, etwas kräftiger als ich und würde nach einer Anproberunde hier wahrscheinlich erst mal ein paar Wochen hungern.«

Perplex blinzelte die Frau mich an. »Das ist ja dann wohl die eigene Verantwortung, ob man sich von so was beeinflussen lässt oder nicht. Jeder kann sich ja dann selber sagen, dass die Kleidung einfach schmal ausfällt und man nicht zu dick ist.«

»Wenn das tatsächlich Ihre Meinung ist, kennen Sie vielleicht keine jungen Mädchen persönlich«, antwortete ich, nur um die gleiche Reaktion wie die der ersten Verkäuferin zu ernten: Schweigen.

Georg und ich verdrehten synchron die Augen.

»Nächstes Mal bestell ich wieder online«, meinte ich, als wir uns durch die vollgestellten Gänge den Weg zum Ausgang bahnten – und diesmal nicht im Flüsterton.

Mir gefällt der Fetzen, den ich gekauft habe, immer noch gut – mir dafür derartigen Irrsinn anzutun, gehört jedoch nicht zu meinen Königsdisziplinen. Schon klar: Das Personal des Modehauses kann weder etwas für die Platzsituation, noch dafür, dass Größen gravierend kleiner ausfallen, als man es gewohnt ist. Aber dass derartige Zustände auch noch mit bissig-hohlen Aussagen verteidigt werden, können wir nicht nachvollziehen.

Und da ich ja vor Kurzem von dem Schilddrüsenproblem berichtet hatte: Die Werte sind zum Glück wieder auf dem Weg in den Normbereich! Besonders fit fühle ich mich nach wie vor nicht, normal essen kann ich auch noch nicht, aber zumindest habe ich seither nicht noch weiter zugenommen. Wäre das der Fall gewesen, hätte ich mir in einem gewissen Modehaus vermutlich ein paar Shirts aneinandernähen lassen müssen, um dort irgendein passendes Kleidungsstück zu finden. Ich habe mir auch einige andere Sachen angeschaut, die alle ebenfalls nach Barbiehälftenmaßstab genäht worden zu sein scheinen – Fetzen des Irrsinns.

Kommentare:

  1. Ist doch wirklich schade, dass es schon so weit gekommen ist, dass man sich als Kunde nicht mehr fragen muss, ob man wie ein König behandelt wird, sondern wenigstens noch wie ein Mensch.
    Traurig, aber wahr: man muss sich doch heute nur noch 3 Dinge fragen, wenn man durch irgendwelche Modegeschäfte läuft:
    1. Wieso hängt eigentlich so viel Krempel auf einem Haken? Das kann man ja nur versehentlich mitreißen/runterwerfen!
    2. Wieso spuckt die Mitarbeiterin nicht gleich auch noch? Schimpfen, Spotten und Maulen reicht ja nicht!
    3. Soll man nicht besser gleich in der "Mode für Mollige"-Abteilung gucken, damit man den Hungerhaken nicht sofort die Laune beim Size Zero Shopping verhagelt? Ist ja auch krass unverschämt normalgewichtig zu sein.
    Nee, wirklich. Ein sehr trauriges Zeugnis für deutsche Modegeschäfte.

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    1. Hehe, Punkt 3 ist mein Liebling! :D

      Ich schätze, in ein paar Jahren ist es echt so weit, dass Normalgewichtige bei Ulla Popken bestellen müssen. .__.

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  2. Ich würde das Shirt ja ganz gerne mal sehen irgendwann. :) Bin gespannt, was für ein Motiv dich so anspricht, dass du dir diesen Irrsinn angetan hast. Klingt nach einer Tortur und dann noch die unpassenden Bemerkungen der Verkäufer. -.- Da kann ich verstehen, dass man sich das nicht geben will und lieber online bestellt. Gut, dass du bei sowas nicht auf den Mund gefallen bist und Passendes zu erwidern weißt.
    Die Größen ... ja, die entwickeln sich immer spannender. Und ich hab das Gefühl, dass das auf Schuhe auch allmählich überschwappt. Ich brauch immer öfter eine Nummer größer als früher - wobei meine Füße in den letzten Jahren eigentlich nicht mehr gewachsen sein dürften. ^^
    Dass deine Schilddrüsenwerte sich verbessern, freut mich. Und erinnert mich daran, dass ich auch mal wieder zur Blutabnahme sollte. ^^

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    1. Ich kann dir ja ein Foto schicken! <3 Oder es dir live zeigen - wie du magst. :)

      Das Motiv war eigentlich gar nicht ausschlaggebend, nur die Form der Ärmel. Die sind relativ kurz, aber nach innen fallen sie kürzer und leicht schräg aus, sodass man darunter toll ein Langarmshirt tragen kann. So was suche ich schon ewig lange. Ich glaube aber, hätte ich vorher gewusst, was mich da drin erwartet, hätte ich darauf verzichtet. :D Nur war ich dann eben schon drin und wollte nicht aufgeben - genervt war ich nach ein paar Minuten ja eh schon und hab mir dann immer gesagt, schlimmer könne es jetzt auch nicht mehr werden. Ähm, Trugschluss. *gg*

      In Bezug auf Schuhe hat sich meine Größe nicht geändert, ich trage konstant 38 - meine Mutter braucht heute aber auch größere/längere Schuhe als früher. Seltsam. Da wäre es cool, jemanden persönlich zu kennen, der nähen und schustern kann, und alles einfach privat machen zu lassen. Utopie ahoi. :D

      Ich bin auch total froh, dass meine Werte sich langsam wieder dem Normbereich annähern. :) Ich wünsch dir alles Gute für die Blutabnahme! <3

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