Dienstag, 5. März 2013

»Arbeitest du jetzt eigentlich wieder?«

AD

Bevor wir terminstressbedingt für diese Woche weitgehend abtauchen, möchte ich noch von einer Begebenheit erzählen, die sich gestern Nachmittag zugetragen hat. Nachdem ich Georg von der Geräte-KG abgeholt hatte, haben wir auf der Straße eine Freundin aus meiner Erzieherausbildung getroffen. (Freundin ist fast zu viel gesagt, weil wir in absolut verschiedenen Lebenswelten zu Hause sind und privat kaum noch Kontakt haben. Wir haben in der Ausbildungszeit aber so viel zusammen erlebt, dass ich sie nicht als bloße Bekannte abtun möchte.)

Wir haben uns kurz unterhalten, einander gefragt, wie es uns geht, was wir so machen, was es Neues gibt. Und plötzlich kam von ihr die Frage, die mich umgehauen hat: »Arbeitest du jetzt eigentlich wieder?«

Für eine Sekunde war ich platt. Dann erst konnte ich antworten: »Klassisch berufstätig bin ich nicht. Ich pflege und assistiere Georg.«

Darauf meinte sie in aufmunterndem Tonfall, als wäre die häusliche Pflege eines Angehörigen etwas, wofür man sich rechtfertigen muss: »Ist doch okay!«

Ja. Finde ich auch. Warum dann eine solche Frage? Mir ist klar, dass sie das in keiner Weise böse gemeint hat. Sie ist ein wahnsinnig lieber, hilfsbereiter Mensch, der immer ein offenes Ohr für andere hat, und ich glaube auch nicht, dass sie bei näherer Überlegung die Leistung, die eine Pflegeperson erbringen muss, anzweifelt. Trotzdem hat mich diese Frage schockiert. Weil sie überdeutlich das Bild widerspiegelt, das unsere Gesellschaft von häuslichen Pflegepersonen hat: »Du bist ja zu Hause«, »Du hast ja Zeit« oder »Du kannst ja bestimmt ausschlafen.«

Ja. Ganz bestimmt.

Hätte eine fremde Person mir diese Frage gestellt, hätte ich vermutlich prompt zurückgefragt, ob sie allen Ernstes glaubt, dass häusliche Pflege keine Arbeit darstellt. Bei meiner »Freundin aus der alten Zeit« jedoch habe ich das nicht über mich gebracht, und im Nachhinein denke ich, dass das ein Fehler war. Ich wollte sie nicht bloßstellen, ihr nicht das Gefühl geben, keine Ahnung zu haben – doch durch diese Sichtweise werden Menschen herabgewürdigt, und manche gehen daran kaputt.

Es gibt so viele Leute, die ihre Angehörigen nicht deshalb pflegen, weil sie sich bewusst dafür entschieden haben, sondern weil für alles andere das Geld fehlt. Oftmals sind es die Eltern, die gepflegt werden müssen, und plötzlich sehen sich viele Pflegende mit der Situation konfrontiert, kaum noch das Haus verlassen zu können, weil die Mutter oder der Vater nicht mehr allein gelassen werden darf. Nicht in allen, aber in vielen Fällen wird das Geld knapp: Wer jemanden dauerhaft pflegt, muss in der Regel seinen Beruf aufgeben, und je nachdem, wie das Leben vor der Pflege aussah, muss er sich vielfach einschränken.

Und dann sind da Außenstehende, die das, was Pflegende tun, noch nicht einmal als Arbeit betrachten. Kaum Freizeit, keine freien Wochenenden, eventuell eigene körperliche Probleme durch die Pflege – und plötzlich kommt von anderen, die diese Situation nicht kennen, so etwas wie: »Du bist ja eh zu Hause.«

Ich habe das Glück, den Menschen zu pflegen, den ich über alles liebe. Ich weiß, was ich tue, und ich weiß, warum ich es tue. Diese allgemeine abwertende Haltung gegenüber Pflegenden empfinde ich dennoch als Schlag ins Gesicht aller, die ihr Möglichstes tun, damit ihre Angehörigen nicht ins Heim müssen. Oder die einfach kein Geld für ein gutes Heim aufbringen können.

Wir sind meiner Freundin nicht böse, weil ihre Frage ebenfalls nicht böse gemeint war, und weil wir für uns entschieden haben, dass es nichts gibt, wofür wir uns rechtfertigen müssen. Aber wir fragen uns, woher diese weitverbreitete Sichtweise kommt. Und was getan werden könnte und müsste, um ein allgemeines Umdenken zu bewirken.

Kommentare:

  1. Woher diese Sichtweise kommt? Vermutlich daher, dass die meisten Leute diese Situation nicht kennen. Was meinst du, wie erstaunt viele Leute gewesen sind, wenn Sven erzählt hat, dass er sich um seine demenziell veränderten Großeltern gekümmert hat? "Echt?" "Wie machst du das denn?" "Warum gibst du dir diesen Stress?" "Boah, das könnte ich nicht." Diese Fragen und Äußerungen sind in vielen Fällen nicht böse gemeint, denke ich. Klar, es gibt natürlich die, die alles herabspielen, ins Komische ziehen und irgendwie an den Pranger stellen wollen a la "Guck dir den/die an. Hat kein eigenes Leben und schafft sich für wen anderes kaputt." Aber die meisten kennen solche Situationen einfach nicht. Ohne die Einblicke durch Sven in seine Tätigkeit und euch in eure Lebensgestaltung und die freiwillige Arbeit im Seniorenheim hätte ich von der ganzen Materie auch viel weniger Ahnung. Ich hätte sie nicht in Abrede gestellt, aber ein wirkliches Urteil (gerade auch darüber, wie einem dann Steine in den Weg gelegt werden von den zuständigen Stellen und anderen Leuten) hätte ich mir auch nicht bilden können.

    Ein Umdenken? Durch mehr Offenheit. Durch bessere finanzielle Unterstützung - es gibt genug Leute, die potentiell bereit wären, diese Aufgaben anzunehmen, es sich aber einfach nicht erlauben können, weil Arbeiten dann in der Regel nicht auch noch möglich ist. Das resultiert dann natürlich auch in Unterbringung in schlechteren Heimen. In die man im Übrigen auch mehr Geld stecken sollte, denn die wenigen Arbeitskräfte dort sorgen für die Überforderung der einzelnen Einrichtungen.

    Liebe Grüße euch! Ich finde es gut, dass ihr der Meinung seid, nichts rechtfertigen zu müssen. Müsst ihr nämlich auch nicht.

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    1. Zu einem großen Teil stimmt das sicher - was man selbst nicht kennt, kann man nicht wirklich einschätzen, und somit auch nicht die Arbeit, die damit verbunden ist. Dem entgegen stehen allerdings die Menschen, die mit der Materie persönlich gar nichts zu tun haben und dennoch ziemlich klar einschätzen können, dass Pflege kein Zu-Hause-Rumgammeln ist. Die gibt es ja auch, nur eben viel seltener. Das bloße Nichtkennen ist mir als Grund daher einfach zu wenig. Vielleicht hat es mit der Fähigkeit zu tun, über den Tellerrand hinauszuschauen. Das können (und wollen) viele Menschen leider nicht.

      Das zeigt sich ja auch an anderen Berufsbildern. Viele der anstrengendsten Jobs werden nach wie vor eher belächelt.

      Finanzielle Unterstützung - ich würde mir wünschen, dass Pflegende die gar nicht nötig haben. Dass sie ein Gehalt bekommen, mit Krankenversicherung und allem, was dazugehört. Als Teilzeitpessimistin fürchte ich aber, dass wir das nicht mehr erleben. ;)

      Liebste Grüße! <3

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  2. Liebe Alex, lieber Georg,

    woher kommen Vorurteile? Vielleicht davon, dass sehr viele Menschen vorgefertigte Lebensentwürfe wählen, weil sie sich selbst, ihre Motive und ihre Existenz nicht in Frage stellen können oder wollen. Dadurch entstehen Normen.
    Gesellschaftliche Normen erzeugen Druck. Ich merke das an mir selbst. Zum Beispiel ertappe ich mich manchmal dafür, dass ich mich für meine Partnerschaft rechtfertige, die nicht heterosexuell ist. Ich wüsste nicht, weshalb ich mich rechtfertigen sollte und kann mir das eigentlich nur als verinnerlichte Homophobie erklären. Ich gehe davon aus, der andere könnte es als unnormal empfinden und "beschwichtige" im Vorraus.
    Und genauso, nur bezogen auf eine andere Norm ("Richtige Arbeit hat so und so auszusehen"), könnte es bei deiner früheren Freundin auch gewesen sein.

    (Ich hoffe, ich hab' das jetzt verständlich erklärt! In meinem Kopf ergibt es Sinn. ;))

    Ganz abgesehen davon, dass unser System ein Problem hat: viele Menschen beschäftigen sich kategorisch mit Themen wie Behinderung, Pflege, Krankheit etc nicht sondern verdrängen das lieber, weil sie diese Themen nicht aushalten.
    So können sie auch nichts darüber wissen, bzw ihr wissen ist Halbwissen meist bestehend aus Klischees.
    Meiner Meinung ist Aufklärung und ein offener Umgang damitt das einzige Gegenmittel.

    Sonnige Grüße!
    Mi

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    1. Hallo und danke für deinen Kommentar! :)

      Wir finden auch, dass dein Gedanke Sinn ergibt. :) Und ich denke, dass das garantiert einer der Hauptgründe ist - dass die meisten Menschen nicht über das Vorgefertigte, »Normale« hinausschauen können oder wollen.

      Ich empfinde manchmal ganz ähnlich wie du in Bezug auf deine/meine Beziehung: Ich weiß oder erwarte, dass bestimmte Menschen negativ reagieren, und habe dann das Bedürfnis, im Voraus Rechtfertigungen dafür zu liefern. Inzwischen gebe ich dem schon lange nicht mehr nach, aber zu Beginn meiner Beziehung zu Georg war das bei mir oft der Fall, zumal auch der Großteil seiner Familie gegen die Beziehung war (und ist).

      Verdrängen, Halbwissen und Klischees - ja, die Mischung kommt mir bekannt vor. Was Aufklärung und Offenheit manchmal schwierig macht - aber ganz sicher nicht unmöglich. :)

      Auch an dich sonnige Grüße! :)

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  3. Das ist eine sehr traurige Bilanz - wenn jemand, der einen sozialen Beruf gelernt hat, ernsthaft fragt, ob man "wieder arbeitet", wenn man jemanden pflegt. Aber so sieht Deutschland weitestgehend aus - völlige Weltfremdheit.
    Arbeit wird abgewertet - nicht nur die einer pflegenden Person. Frag mal all die Frauen, die "nur Kinder erziehen und Haushalt machen". Das ist ja auch eher Freizeitgestaltung und die schlafen alle noch, wenn die anderen schon im Büro ackern. ;)
    Ich finde einfach, dass sich viel zu viele Menschen etwas darauf einbilden, einen stumpfen 9 to 5 Job zu machen. Alles andere? Ist nichts wert. Da schauen sie nur drauf herab.
    Nur doof, dass Empathie nicht auf Bäumen wächst. Wäre vielleicht mal eine Idee! o.O

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    1. Ich glaube, das hat mich auch mit am meisten getroffen - dass die Frage von einer Erzieherin kam, die dieselbe Ausbildung durchlaufen hat wie ich, dieselbe Prüfung in Heilpädagogik und Psychologie abgelegt hat wie ich, und die es schon allein deshalb besser wissen müsste.

      An Mütter musste ich dabei auch denken, ja. Muttersein wird ja auch abgetan, als wäre es eine private Kur. :/ Doch zumindest können Mütter bzw. Eltern allgemein sich damit trösten, dass sie sich (in der Regel, nicht immer natürlich) bewusst dafür entschieden haben. Wer plötzlich mit der Pflege seiner Eltern konfrontiert ist, sucht sich das ja selten aus. (Und da klammere ich mich/uns einfach aus, weil ich sehr wohl wusste, was auf mich zukommen könnte. Wer ältere Angehörige pflegt, ist da in einer ganz anderen Lage als wir.)

      Empathiebaum! :D Wäre auch mal nett, ja. :D

      So. Verschnaufpause ist leider vorbei. *wieder untertauch*

      Alles Liebe! <3

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